Werke von Lothar Zierer: Bildersammlung von Lahrer Künstler sucht eine neue Heimat

Ute Neugart, die Tochter des verstorbenen Malers, zeigt einen Ausschnitt seiner umfassenden Bildersammlung. Sie präsentiert ein Bild der alten Brücke bei der Dreyspringstraße.
StahlDie vielen Kunstwerke fallen beim Betreten des Hauses direkt ins Auge: Sie sind dicht nebeneinander an den Wänden platziert, einige stehen auf dem Boden. Beim Besuch unserer Redaktion wird erst die schiere Anzahl der Bilder deutlich, die der Lahrer Maler Lothar Zierer hinterlassen hat. Er starb 2023 im Alter von 89 Jahren. Doch was passiert mit seinem Vermächtnis? Diese Frage haben sich seine Tochter Ute Neugart und ihr Mann Michael Neugart gestellt. Ihre Idee: „Wir möchten die Bilder gern in Lahrer Haushalte bringen und gleichzeitig wohltätige Organisationen unterstützen“. Die Hälfte des Erlöses durch die Bilder soll an die Lahrer Tafel und die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ gehen.
Was machte Lothar Zierer aus? „Ihn hat große Dankbarkeit ausgezeichnet“, berichtet Michael Neugart über seinen Schwiegervater, der 1955 mit 21 Jahren von Magdeburg nach Lahr kam. Es sei eine schwere Zeit gewesen vor seiner Flucht. Lothar Zierer lernte in Magdeburg den Beruf des Schriftsetzers. Bereits im Alter von 15 Jahren habe er mit der Malerei begonnen, die sein Leben prägte, verrät seine Tochter. Zierer arbeitete in Lahr bei der Druckerei Müllerleile, der er 46 Jahren als Schriftsetzer und Grafiker die Treue hielt. Das Malen wurde seine Passion, insbesondere mit Aquarell. Diese Kunst bezeichnete Zierer 2014 als „König der Malerei“.
„Mein Vater gab Malkurse, Volkshochschulkurse und malte am liebsten in der Natur“, erinnert sich Ute Neugart lächelnd. Es kam vor, dass er spontan losgezogen sei, um nach einem geeigneten Motiv zu suchen. Seine Bilder haben zu 70 Prozent einen lokalen Bezug, darüber hinaus malte er gerne in der Toskana, in der Schweiz sowie an der Ost-und Nordsee. „Abstraktes Malen war nichts für ihn“, stellt die 59-jährige fest. Ihr Vater bevorzugte realistische Malerei, vor allem auf die Perspektiven legte er großen Wert. Selbst im hohen Alter habe er noch gemalt, erst mit 83 Jahren habe er seine große Leidenschaft beendet, blickt Ute Neugart zurück.
Seine Tochter begleitete ihn beim Malen in der Natur
Hatte Lothar Zierer ein Lieblingsmotiv? „Nein, denn jedes Bild ist ein Unikat“, bekräftigt Michael Neugart. Der Maler habe in der Landschaft viele Motive entdeckt und viele Stunden damit verbracht, Atmosphäre und Licht einzufangen. Es sei auch vorgekommen, dass er denselben Ort ein zweites Mal aufsuchte, da er beim ersten Mal mit den Lichtverhältnissen nicht zufrieden gewesen sei, so der 62-jährige. Daran habe sich seine große Passion für das Malen gezeigt. Diese vermittelte er gerne an andere Menschen, auch an seine Tochter: „Ich saß mit meinem Vater in der Landschaft, er hat mir alles über Aquarellmalerei beigebracht“, erzählt Ute Neugart. Auch die Darstellung von unbelebten Gegenständen wie Früchten oder Blumen – das sogenannte Stillleben – habe er ihr näher gebracht. Ihr Vater schrieb 2014 sogar ein Buch mit dem Titel „Erlebtes Malen mal erleben“, in dem er zu jedem Bild eine persönliche Geschichte erzählte. Die Auflage sei nicht hoch gewesen, alle Exemplare seien inzwischen vergriffen, teilt die 59-Jährige mit.
Lothar Zierer wurde in der Region vor allem durch Kunstkalender mit Aquarellen und Zeichnungen aus der Umgebung bekannt, die er im Laufe seiner künstlerischen Laufbahn veröffentlichte. Auch die Porträtzeichnung des Lahrer Malers Wilhelm Wickertsheimer gehören zu seinen bekanntesten Werken. Der Kunst-Rundweg „Wickertsheimer Weg“, der 2016 vom Schwarzwaldverein Lahr angelegt wurde, ist mit 35 Stelen versehen, die Werke des Künstlers zeigen. Zierers Zeichnung von Wickertsheimer ist auf jeder der Stelen verewigt, dies sei eine besondere Auszeichnung, unterstreicht Michael Neugart.
Die Werke verteilen sich über drei Etagen
Und wie sieht es aktuell aus? Die mehr als 200 Werke des Künstler verteilen sich in der Bertholdstraße 50 über drei Etagen. Ute und Michael Neugart, die in Bad Soden am Taunus wohnen, sind alle zwei Wochen zu Besuch in der Heimat und kümmern sich um das Haus. Die Wohnung im Erdgeschoss solle renoviert und vermietet werden, so der Wunsch der Neugarts. Dazu müssten alle Bilder und Zeichnungen vorübergehend entfernt werden. Um dies zu verhindern, habe man sich überlegt, die Werke zu verkaufen und den Erlös zur Hälfte für einen guten Zweck zu spenden. Natürlich werde die Familie und Freunde einige Gemälde behalten, aber der Großteil stehe frei zum Verkauf. Es sei im Sinne der Familie und ihres Vaters, dass seine Werke „in guten Händen weiterleben“. Der lokale Bezug sei durch die Spende an die Lahrer Tafel auch erfüllt. Seine Frau und er unterstützten seit längerer Zeit Ärzte ohne Grenzen, daher hätten sie sich entschieden, auch dieser Lahrer Sozialeinrichtung zu helfen, so Michael Neugart.
Die Vorbereitung für die Verkaufsaktion laufe seit etwa vier Wochen, verkündet der 62-Jährige. Seine Frau habe in der vergangenen Woche circa 500 Flyer gedruckt, die bei Bedarf nachproduziert werden könnten. „Parallel dazu baue ich eine Homepage auf, die alle wichtigen Informationen enthält“, so Michael Neugart. Neben den Flyern werden auch Social-Media-Kanäle bespielt, etwa auf Instagram. Zudem wolle man bei der Sparkasse ein Spendenkonto für die Aktion einrichten. Die Vorbereitungen sollen in zwei bis drei Wochen abgeschlossen sein. „Wir peilen Anfang Oktober als Startpunkt für den Verkauf an“, legt sich Michael Neugart fest. Es werden individuelle Termine mit potenziellen Käufern ausgemacht, da man nicht oft in der Gegend sei.
Der Tag der offenen Tür soll den Start erleichtern
Einige Lahrer Einzelhändler haben schon Interesse an den Werken ihres Vaters bekundet, verrät Ute Neugart. Es sei aber wichtig, Geduld zu haben. „Wir müssen kommunizieren, sonst passiert nichts“, bringt es Michael Neugart auf den Punkt. Zu welchem Preis sollen die Kunstwerke verkauft werden? Diesbezüglich habe Lothar Zierer mitgeholfen und für jedes Gemälde einen Wert beziffert. Dieser Betrag diene als Orientierung, müsse aber nicht der endgültige Verkaufspreis sein, betont der 62-jährige.
Man gehe den Verkauf Schritt für Schritt an: „Zunächst muss die Aktion bei den Menschen ankommen“, bekräftigt Michael Neugart. Zu diesem Zweck werde es am Samstag, 27. September, ein „Open House“ geben. Interessenten erhalten von 11 bis 14 Uhr die Gelegenheit, die Werke von Lothar Zierer vor Ort zu besichtigen. „Der Termin ist ein erstes Kennenlernen und dient als Basis für die kommenden Wochen“, sagt der 62-jährige.
Verkauf nach Gespräch
Während des Besuchs unserer Redaktion bei Michael und Ute Neugart kam gegen Ende ein Interessent dazu, der sich Bilder von Lothar Zierer anschaute. Im Nachgang des Gesprächs verriet Michael Neugart, dass der Kunde ein Werk gekauft habe. Die Homepage zur Verkaufsaktion ist inzwischen freigeschaltet und unter www.lotharzierer.de zu erreichen.