Sichere Bezüge im Alter?: Das sagte die Chefin der Rentenversicherung in Lahr

Yannick Bury und Gundula Roßbach stellten sich in der LZ-Redaktion den Fragen der Redakteure Pascal Lienhard und Herbert Schabel.
SchabelAuf Einladung des CDU-Bundestagsabgeordneten Yannick Bury war Gundula Roßbach, Präsidentin der Deutschen Rentenversicherung Bund, am Donnerstag in der Region zu Gast. Nach dem Besuch der Herbolzheimer Reha-Klinik und des Lahrer VdK kamen die beiden zu einem Interview in die LZ-Redaktion.
Frau Roßbach, Herr Bury, wir haben eine relativ junge Redaktion, viele Kollegen sind Anfang 30. Mit welcher Rente dürfen sie rechnen?
Roßbach: Sie können mit einer guten Rente rechnen. Der Rentenbeginn ist dabei recht flexibel. Je nachdem, mit welcher Höhe der Rente Sie zufrieden sind, können Sie ab 63 Jahren in Rente gehen. Die Rente wird in einem Mehrsäulensystem der Altersvorsorge aber nicht der alleinige Baustein sein.
Ihr Optimismus überrascht. Laut Prognosen kommen 2050 auf einen Rentenbezieher 1,3 Einzahler. Bis dahin sind die Menschen doppelt so lange in Rente wie 1998...
Roßbach: Ja, früher haben mehr Versicherte einen Rentner finanziert. Das ist eine ganz kontinuierliche Entwicklung. Ende der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre hatten wir einen besseren Altenquotienten, aber einen Beitragssatz von 20,2 Prozent. Inzwischen haben wir seit Jahren einen Satz von 18,6 Prozent, trotz der demografischen Veränderung. Ein Vorteil ist, dass wir in einem Umlagesystem Reformen gestalten können. Entscheidend sind Arbeitsmarkt und Produktivitätssteigerungen.
Und wie steht es um das Renteneintrittsalter?
Roßbach: Erst einmal steigt das Renteneintrittsalter aktuell bis 2031 schrittweise auf 67 Jahre an. Sollten dann weitere Anpassungen folgen, wird das Eintrittsalter aber nicht von heute auf morgen um Jahre nach oben springen. Wir werden zudem in den kommenden Jahren sehen, ob Menschen Abschläge in Kauf nehmen oder den Renteneintritt anpassen.
Bury: Wir brauchen zudem individualisiert passendere Renteneintritte. Das tatsächliche Eintrittsalter liegt in aller Regel unter dem gesetzlichen. Die Erwerbsbiografien werden immer individueller. Für Menschen, die länger arbeiten wollen und können, muss das finanziell attraktiv sein. Umgekehrt müssen wir für die Arbeitnehmer, die es schon heute kaum zum Regeleintrittsalter schaffen, Instrumente wie die Erbwerbsminderungsrente verbessern.
Das Rentenniveau liegt bei 48 Prozent. Wird das noch so sein, wenn die jungen Kollegen in Rente gehen?
Roßbach: Die 48 Prozent beschreiben, wie viel Rente ich nach 45 Jahren in Bezug auf einen heutigen Durchschnittsverdiener bekomme. Das Niveau wird nun bis 2031 festgeschrieben. Also werden alle Rentner ungekürzt an der Nettolohnentwicklung teilhaben. Die Menschen nehmen mit der dynamischen Rente an dem teil, was im Land erwirtschaftet wird. Letztlich ist das Rentenniveau aber eine Stellschraube, die bei der Gestaltung von Reformen eine Rolle spielen wird.
Bury: Selbst wenn man das Rentenniveau von 48 Prozent nicht festschreiben würde, würden die Renten steigen – nur eben weniger stark.
Bei dem Thema gibt es viele alarmistische Töne. Sie teilen diese nicht?
Roßbach: In den 2000er-Jahren wurde diskutiert, auf welchem Pfad die Rentenversicherung laufen soll. Laut der damals gefassten Regelungen muss die Bundesregierung eingreifen, wenn sich der Beitragssatz auf 22 und das Rentenniveau auf 43 Prozent zubewegt. Solche Leitplanken braucht es. In den vergangenen 20 Jahren haben wir keine Ausschläge mehr erlebt. Wir sind auf einem stabilen Pfad. Das System ist in sich stabil und anpassungsfähig.
Mehr als 100 Milliarden Euro für die Renten kommen aus dem Bundeshaushalt. Kann das so bleiben?
Bury: Grob ein Viertel des Bundeshaushalts geben wir in Rentenzuschüsse. Das ist der mit Abstand größte Einzelposten. In den vergangenen Jahren hat man zusätzlich zur Versicherungsfunktion der Rentenversicherung aber immer mehr eigentlich sozialpolitische Maßnahmen wie Grund- oder Mütterrente in die Rentenversicherung aufgenommen. Diese sozialpolitischen Ziele wurden teils aus Steuermitteln, teils aus Beiträgen finanziert, zu Lasten der Beitragszahler. Mit der avisierten Rentenkommission müssen wir diskutieren, wie wir künftig mit diesen versicherungsfremden Leistungen umgehen und wie wir die Rentenversicherung wieder stärker auf ihre Kernfunktion beschränken. Ansonsten drohen weitere Steigerungen der ohnehin zu hohen Beiträge. Die Mütterrente wird darum richtigerweise auch nicht aus Beitragsmitteln, sondern aus Steuermitteln des Bundeshaushalts finanziert.
Warum spielt die Entwicklung des Arbeitsmarkts eine so zentrale Rolle?
Roßbach: Wir sind das Spiegelbild des Arbeitsmarkts, denn dort werden die Beiträge erwirtschaftet. Daher gilt es, sich um Arbeitsmarkt und Erhöhung der Produktivität zu kümmern. Zudem müssen wir aufnahmefähig für qualifizierte Zuwanderung sein. Wir brauchen Migration in den Arbeitsmarkt, das wird uns noch intensiv beschäftigen. Aber wir haben auch viele Frauen in Teilzeit, die gerne mehr arbeiten würden. Zudem müssen private Altersvorsorge und betriebliche Altersvorsorge in den Blick genommen werden.
Bury: Es ist eine wechselseitige Beziehung. Auf der einen Seite hängt die Finanzlage der Rentenversicherung davon ab, dass sich die Lage der Wirtschaft und damit am Arbeitsmarkt verbessert. Umgekehrt beeinflusst insbesondere die Höhe der Beitragssätze die Frage, wie sehr sich Arbeit lohnt und wie wettbewerbsfähig der Standort ist.
Frau Roßbach, was sind Ihre Wünsche an die Politik?
Roßbach: Wir sind in guten Gesprächen. Es braucht politische Zielvorstellungen, die die avisierte Kommission bearbeiten kann. Gesellschaftlich müssen wir uns fragen, was die wichtigste Säule der Alterssicherung, die gesetzliche Rentenversicherung, in einer älter werdenden Gesellschaft überhaupt leisten soll.
Zur Person
Gundula Roßbach, Jahrgang 1964, ist seit 2017 Präsidentin der Deutschen Rentenversicherung Bund. Von 1988 bis 1993 studierte die gebürtige Siegenerin Rechtswissenschaften in Bonn. Im Jahr 2013 wurde sie von der Bundesvertreterversammlung der Deutschen Rentenversicherung Bund zum Mitglied des Direktoriums gewählt.