Probenbesuch in Seelbach: Freilichtspiele wollen den Opfern von „Jack the Ripper“ eine Stimme geben

Eine Szene aus dem zweiten Akt: Voller Eifer stürzen sich Mädchen auf einen Mann, der versucht, ein anderes zu würgen.
KiryakovaDas Bühnenbild ist düster. Schwarze Kulissen zeichnen die Umrisse einer Straße im Londoner Stadtteil Whitechapel. Es ist finster – so wie das Milieu, in dem der nie gefasste Serienmörder Jack the Ripper Ende des 19. Jahrhunderts seine Opfer suchte.
So eine Bühnenatmosphäre wirkt sofort bedrohlich und verheißt nichts Gutes. Gerade wird eine gewaltsame Szene aus dem zweiten Akt geprobt. Voller Eifer stürzen sich einige Mädchen auf einen Mann, der versucht, ein anderes zu würgen. Schreie und Getümmel erfüllen die Bühne, dann lässt der Angreifer los und flieht.
Regisseurin Katja Thost-Hauser gibt kurze, präzise Anweisungen und die Szene wird wiederholt. Dieses Mal ist sie zufrieden. Fast zehn Tage lang wird bereits intensiv geprobt, einige neue Gesichter und eine Gruppe junger Darstellerinnen sind dieses Jahr dabei. „Das ist eine Szene kurz vor dem Schluss“, erklärt die Regisseurin.
Frauen hatten schweren Stand in der Gesellschaft
Die Figur des historischen Serienmörders beschäftigte Thost-Hauser schon lange. „Jack the Ripper geisterte als mögliches Theaterstück immer wieder in meinem Kopf“, erzählt sie. Der Mann, der innerhalb von zwei Monaten fünf Frauen brutal ermordete, wurde nie gefasst – vielleicht ein Grund für die anhaltende Faszination. „Er ist zur Legende geworden, seine Opfer hingegen bleiben oft vergessen.“ Die Frauen galten in der Gesellschaft lediglich als „Prostituierte“, als gefallene Frauen, die nach dem strengen Moralkodex der viktorianischen Zeit teilweise selbst Schuld an ihrem Elend tragen sollten. Doch Thost-Hauser setzt den Schwerpunkt bewusst auf die Frauen: „Mein Stück richtet den Blick auf die Opfer. Ich möchte ihnen eine Stimme geben.“
Parallelen zur heutigen Zeit werden gezogen
In London lebten damals Tausende ausgebeutete Arbeiterinnen, Obdachlose, Alkoholikerinnen und Prostituierte. Arme Frauen wurden vom Gesetz benachteiligt und von Polizei und Presse unter Generalverdacht gestellt. Ohne einen Mann zählten sie in der Gesellschaft kaum etwas. Mit ihrer Inszenierung möchte Thost-Hauser diese Sichtweise ändern und den Frauen ihre Würde zurückgeben. Gezeigt wird dabei auch, wie sie sich organisierten und Stärke entwickelten.
„Es ist ein unglaublich kritisches Stück, das Parallelen zur heutigen Zeit zieht“, betont die Regisseurin. London sei damals ein Schmelztiegel unterschiedlicher Nationen – und daran habe sich bis heute wenig geändert. „Es gibt nach wie vor arme Viertel, und die Schwächsten der Gesellschaft sind nach wie vor die Kinder und Frauen – nicht nur in London, sondern weltweit.“
Die intensive Probenarbeit, die düstere Atmosphäre und die starke Leistung der jungen Darstellerinnen lassen bereits erahnen, dass die Inszenierung nicht nur ein spannendes Theatererlebnis bietet, sondern auch zum Nachdenken anregt. Und wie fast immer bei den Inszenierungen von Katja Thost-Hauser wird auch in diesem Stück der Humor nicht fehlen, verrät die Regisseurin. „Jeder Tragödie braucht auch eine Komödie – so wie das Leben selbst.“
Tickets
„Jack the Ripper“ wird auf der Freilichtbühne im Klostergarten sechs Mal aufgeführt. Für die Premiere am Samstag, 13. September, sind alle Tickets vergriffen. Für die Vorführungen am 14., 17., 19., 20. und 21. September sind noch Karten erhältlich. Diese gibt’s in der Kultur- und Tourist-Info Seelbach unter Telefon 07823/64 64 52 und per E-Mail an tourismus@seelbach-online.de sowie unter www.reservix.de.