Führung durch Kappel: Wenn Gebäude zu Zeitzeugen werden

Tanja Utz, stilecht gekleidet mit Kittelschürze, Kopftuch und Strohschuhen, führte die Gruppe durch Kappel. Dabei machte sie auch an der ehemaligen Metzgerei Junele Halt.
RestObwohl Kappel erst 100 Jahre später als Grafenhausen schriftlich erwähnt wird, gab es bei der ersten Führung durch das einstige Fischerdorf so einiges Interessantes zu berichten. Geleitet wurde diese von Tanja Utz, Mitglied des Arbeitskreises Historie. Gekleidet mit Kittelschürze, Kopftuch und Strohschuhen führte sie am Freitag eine Gruppe interessierter Bürger vom Festplatz, der im Volkstum auch Pappelplatz genannt wird, durch den Ort.
Zuvor ging Utz auf die urkundliche Ersterwähnung von Kappel im Jahre 1219 ein. Kappel wurde noch „Cappelle“ geschrieben und gehörte – wie die meisten Gemeinden in dieser Gegend – jahrhundertelang zum Bistum Straßburger. Der Fischfang war zu dieser Zeit der wichtigste Lebensunterhalt was auch alte Unterlagen der Fischerzunft belegen. So war Lachs einst ein Armenessen, ehe es mit der Landwirtschaft weiter Bergauf ging. Der Grund der Namensgebung des Rosastegs, der als Brücke am Festplatz über die Elz führt, kann bis heute nicht eingeordnet werden. Doch eines ist sicher: Diese Brücke diente bis 1920 als Zugverbindung von Orschweier bis an den Rhein. So gab es auch eine Bahnhofstation in unmittelbarer Nähe mit zwei Wellblechhütten.
Es gab viel über Hausgeburten zu berichten
Die Kinderschule mit Schwesternhaus wurde im Jahr 1929/1930 von der politischen Gemeinde gebaut. Neben Aufenthaltsräume für Kinder befand sich eine Badeanstalt, Nähschule, Krankenstation und eine Kapelle im großen Gebäude. In einer Tauschaktion „alt gegen neu“ zwischen Kirche und Gemeinde bekam die Gemeinde die alte Kinderschule in unmittelbarer Nähe des Pfarrhauses.
Am Haus der letzten Hebamme in der Eisenbahnstraße gab es viel über Hausgeburten zu berichten. So auch über die Gärtnerei Stockenberger, die sich in dritter Generation befindet. Auch über die gegenüberliegende Seilerei von Mathias Bührle, bei dem es außer Seilen und Stricken bis Anfang der 1980er-Jahre auch Zwick und „Danzknöpfe“ gab, wurde geredet. Vor der Metzgerei Junele, die heute ebenfalls Geschichte ist, stand bis vor dem Zweiten Weltkrieg das Gasthaus „Zum Anker“, in dem einst der Lehrer und späterer Leiter der Volksschauspiele Friedrich Stehlin einkehrte. Am Lindenplatz angekommen, konnten auch einige ältere Teilnehmer von ihren Erinnerungen an die Rossschwämme und den Festplatz mitten im Dorf erzählen.
Das Büro des Vogts war damals im Gasthaus
Schiffschaukel, Karussell, Schieß- und Süßwarenstand waren am Patrozinium die Attraktion rund um den Lindenplatz. Es war einer der höchsten Festtage in der Gemeinde. Im Gasthaus „Zur Linde“ – auch „Stube“ genannt – wurden bis zum Bau des Rathauses 1845 die Amtsgeschäfte des Vogtes (Bürgermeister) und Heimburger getätigt. Auch diente das Wirtshaus als Umspannstation von Pferden mit Kutsche.
Das Rathaus, das 1945 schwer beschädigt wurde, wurde 1988 umgebaut. Bis dahin waren dort die Feuerwehr und eine Arrestzelle untergebracht. Im Hinterhof befand sich die Deckstation mit Zuchtbullen und Eber. Vor dem Bau der Sparkassengebäude betrieb dort die Familie Glück ihre Bäckerei. Vom „Milichhiesli“ einst in der Mühlenstraße gibt es heute außer einer Fotografie nichts mehr zu sehen. Bis im Jahr 1979 brachten dort die Bauern ihre überschüssige Milch hin und es war auch ein beliebter Treffpunkt für die jüngere Generation.
Die letzte Station der Dorfführung war die Kappler Mühle, die im Jahr 1430 noch als Gemeindemühle erwähnt wird. Neben dem Mühlen- und Sägebetrieb gab es auch einst eine Teigwarenfabrik, die über viele Jahrzehnte im Besitz der Familie Kunz war. Ein Teil der Gebäude wurde inzwischen abgerissen und für Wohnzwecke zum Mühlenareal neu gebaut.
Info – Nächste Termine
Weitere Führungen gibt es in Grafenhausen am Montag, 1. September, und in Kappel am Freitag, 5. September, jeweils um 18 Uhr. Dabei ist es den Mitgliedern des Arbeitskreises Historie wichtig, „neue, alte Dinge“ zu erfahren, die sich in dem einen oder anderen Haus abgespielt haben, um diese entsprechend aufzuarbeiten.