„Bier bringt Menschen zusammen“
: Wie ein Kameruner in der Schmieheimer Brauerei seine Berufung gefunden hat

Julio Kengne hat einen außergewöhnlichen Weg hinter sich: Er wuchs in Kamerun auf, flüchtete unter großem Risiko aus seiner Heimat und braut heute in der Schlossbrauerei Stöckle in Schmieheim badische Bierspezialitäten.
Von
red/cp
Schmieheim
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Julio Kengne (rechts) arbeitet seit Juni 2026 in der Schmieheimer Schlossbrauerei. Inhaber Jörg Lusch ist von seinem Können überzeugt.

Julio Kengne (rechts) arbeitet seit Juni 2026 in der Schmieheimer Schlossbrauerei. Inhaber Jörg Lusch ist von seinem Können überzeugt.

Brauerei
  • Julio Kengne braut seit Juni 2026 in der Schlossbrauerei Stöckle in Schmieheim.
  • Der Kameruner floh 2015 nach Europa und fand in Brandenburg Unterstützung zum Bleiben.
  • Er lernte zunächst beim Bäcker, schloss 2021 bei Brew-Dog in Berlin als Brauer und Mälzer ab.
  • In Schmieheim arbeitet er handwerklich vom Malz bis zur Abfüllung – Favorit ist das Gründerbier.
  • Er pendelt noch zwischen Berlin und Schmieheim, plant nach Schuljahresende in die Ortenau zu ziehen.

Die Zusammenfassung wurde von einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt.

Die Zusage eines internationalen Getränkekonzerns lag bereits vor, den Arbeitsvertrag sollte er am Montag unterschreiben. Julio Kengne stand gerade in Stuttgart am Fahrkartenschalter und wollte ein Ticket nach Berlin kaufen, als sein Telefon klingelte. Am anderen Ende: Jörg Lusch, Inhaber der Schlossbrauerei Stöckle in Schmieheim. Der Brauereichef suchte Ersatz für einen ausscheidenden Brauer und hatte über einen Kollegen aus der Branche von Kengne erfahren. Einen Tag später stand der Kameruner im Schmieheimer Sudhaus - und die Fahrkarte nach Berlin war vergessen.
Seit Juni 2026 verstärkt der 39-Jährige das Team des Familienbetriebs. Er schätzt die handwerkliche Arbeit und die Möglichkeit, selbst mit anzupacken: „Mein Beruf ist wie mein Hobby“, wird er in einer Mitteilung der Schmieheimer Brauerei zitiert.

Dass er einmal in der Ortenau Bier brauen würde, war alles andere als vorgezeichnet. Aufgewachsen ist Kengne mit vier Geschwistern in Bafounda, einem kleinen Dorf im Westen Kameruns.

Seine Flucht hat Spuren hinterlassen

Rund 4750 Kilometer Luftlinie liegen zwischen seiner Heimat und Schmieheim. Die Strecke, die er tatsächlich zurücklegte, war sehr viel länger. Nach dem Tod seines Vaters habe das Geld gefehlt, um sein begonnenes naturwissenschaftliches Studium fortzusetzen. 2015 machte er sich auf den Weg nach Europa, durchquerte zu Fuß mehrere afrikanische Länder bis ans Mittelmeer und setzte in einem überfüllten Schlauchboot nach Italien über, heißt es weiter. Auf seiner gefährlichen Flucht habe er auch den Tod anderer Menschen erlebt. In Brandenburg fand Kengne dann Personen, die ihm eine Perspektive eröffneten: Zuallererst war da Bäckermeister Heino Fischer, der ihn als Lehrling aufnahm. Als 2016 die Abschiebung nach Italien drohte, setzte sich Brandenburgs damaliger Wirtschaftsminister Albrecht Gerber für ihn ein. Der Fall machte bundesweit Schlagzeilen, Kengne durfte bleiben, so die Mitteilung. Dem Bäckermeister mit seiner Familie und Minister Gerber sei er bis heute dankbar. Sie gaben ihm die Chance, in Deutschland weiterzumachen. „Das hat mir sehr viel bedeutet, sonst wäre ich heute nicht da, wo ich bin.”

Seine Begeisterung für Lebensmittel und naturwissenschaftliche Zusammenhänge führte ihn zum Brauhandwerk. Auch Kamerun ist laut Mitteilung ein Bierland: Die Brauereien produzieren dort jedes Jahr Millionen Hektoliter. „Aber nicht nach dem deutschen Reinheitsgebot”, so Kengne augenzwinkernd. Im Land der Bierbrauer überzeugte ihn die duale Ausbildung, bei der sich Praxis im Betrieb und Unterricht an der Berufsschule ergänzen. 2021 machte er bei „Brew-Dog“ in Berlin seinen Abschluss als Brauer und Mälzer. „Bier ist ein Produkt, das Menschen überall zusammenbringt“, sagt er.

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Im Schmieheimer Sudhaus ist Kengne vom Malz bis zur Abfüllung an sämtlichen Arbeitsschritten beteiligt. Das Meiste geschehe hier von Hand. Das verlangt Können und Fingerspitzengefühl, weiß Jörg Lusch: „Die Kunst des Bierbrauens besteht darin, aus Rohstoffen, die sich mit jeder Ernte verändern, Jahr für Jahr ein Bier mit dem gleichen Geschmack herzustellen.“ Kengne habe inzwischen auch den „Knecht Ruprecht“ gebraut - das kräftige, dunkle Weihnachtsbier. Sein persönlicher Favorit sei das Gründerbier, eine naturtrübe Spezialität mit ausgewähltem Aromahopfen.

In Schmieheim hat er seine neue Heimat gefunden

An vielen Orten Deutschlands habe der 39-Jährige bereits gelebt. Fünf Sprachen spreche er fließend, und auch den badischen Dialekt verstehe er inzwischen immer besser. Derzeit pendelt er noch zwischen Berlin, wo seine Kinder zur Schule gehen, und Schmieheim. Nach dem Ende des Schuljahres möchte er ganz in die Ortenau ziehen, heißt es weiter. Seine Mutter und Geschwister in Kamerun vermisse er, doch in seinem künftigen Zuhause habe er längst Anschluss gefunden. Dass sein Chef ihm vertraut, bedeutet ihm viel: „Für mich ist Schmieheim das beste Dorf überhaupt“, sagt er. Auch Jörg Lusch hat den Anruf am Fahrkartenschalter nicht bereut: „Julio versteht sein Handwerk und passt gut zu uns. Ich bin froh, dass ich ihn damals angerufen habe.“

Die Brauerei

Die Stöckle-Brauerei in Schmieheim wurde 1843 von Georg Stöckle gegründet. Durch zahlreiche technische Neuerungen, darunter eine große Kelleranlage, ein Tiefbrunnen und eine der ersten Kunsteisfabriken der Region, wurde die Brauerei kontinuierlich erweitert und modernisiert. Nach der kriegsbedingten Schließung im Jahr 1942 konnte der Betrieb 1948 wieder aufgenommen und unter wechselnder Familienführung weitergeführt werden. Seit 1999 leitet Jörg Lusch die Brauerei.