Besondere Herkunft: Der Lahrer Nicolaus Wilhelm drückt Curaçau die Daumen

Zum Redaktionsgespräch kam Nicolaus Wilhelm im Trikot der Nationalmannschaft von Curaçao.
SchabelAlle deutschen Fußballfans fiebern dem ersten WM-Spiel der Nationalelf entgegen – aber wohl keiner so sehr wie Nicolaus Wilhelm. „Ich bin sehr nervös“, sagt der Lahrer im Gespräch mit unserer Redaktion. Denn am Sonntagabend geht es gegen das Land seiner Mutter, in das er enge Verbindungen hat und in dem zahlreiche Angehörige leben.
Wilhelm hofft und zittert, dass das erste WM-Spiel überhaupt von Curaçao keine ganz bittere Erfahrung für seine Verwandten auf der Karibikinsel wird: „Eine hohe Niederlage würde ihnen wehtun – und mir auch“.
Wilhelm, der sich im Vorstand der Lahrer Rockwerkstatt engagiert, kennt Curaçao von zahlreichen Besuchen und aus den Erzählungen seiner Mutter, aufgewachsen ist er aber in Lahr-Sulz. Mittlerweile lebt der Wirtschaftsingenieur im Ruhestand in der Lahrer Kernstadt. Beim Redaktionsgespräch hat der Autor ihn gefragt, welche Charaktereigenschaften er von seiner Mutter geerbt hat, die 2015 im Alter von 83 Jahren starb – und was an ihm eventuell „typisch Curaçao“ ist. „Die Lebensfreude und eine gewisse Gelassenheit, vielleicht auch Bequemlichkeit“, antwortet er.
Sein Vater, ein Sulzer, war Mitte der 1950er-Jahre als junger Mann auf die Karibikinsel gereist. Im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt Wilhelm den Hintergrund: „Damals besuchte die niederländische Königin Juliana ihre Kolonien, darunter Curaçao. Spritzer & Fuhrmann – die größten Juweliere der Karibik – bereiteten die Gastgeschenke vor und brauchten einen Etuimacher. Mein Vater war Schächtelemacher im Familienunternehmen in Sulz und ist im Alter von 18 oder 19 rübergegangen. Er blieb fast drei Jahre. Als mein Großvater darauf drängte, dass er zurückkommt, sagte er: ’Okay – aber nur, wenn ich jemand mitbringen darf’. 1958 ist er mit meiner Mutter zurück, im Mai war die Hochzeit in Sulz, im November war ich da.“
Seine Mutter Ira Josephina Wilhelm arbeitete in Sulz als Grundschullehrerin und unterrichtete dabei Generationen von Kindern. Er habe Holländisch mit ihr gesprochen, erzählt Wilhelm.
Der Hintergrund: Curaçao ist Teil des ehemaligen niederländischen Kolonialreichs. Für die Nationalelf hat das den Vorteil, auf Spieler mit curaçaoanischen Wurzeln zurückgreifen zu können, die in den Niederlanden ausgebildet wurden.
Seine Verwandten haben ihm Videos mit Jubelszenen von der Insel geschickt
So erklärt sich, wie das Land die Qualifikation für das WM-Endturnier geschafft hat. Denn die Insel hat nur etwa 156.000 Einwohner, so viele wie Heidelberg oder Paderborn. Mit 444 Quadratkilometern Fläche ist sie nur halb so groß wie die deutsche Ostseeinsel Rügen.
Curaçao – das kleinste Land, das jemals an einer Fußball-WM teilgenommen hat –, ist bei dem Mega-Turnier natürlich totaler Außenseiter, weiß Wilhelm, der in der Bundesliga Bayern München die Daumen drückt. Die Ergebnisse von Curaçao verfolge er sehr interessiert, erzählt er – in diesem Jahr verloren die Karibik-Kicker 0:2 gegen China, 1:5 gegen Australien und 1:4 gegen Schottland.
„Aber gegen die Schotten haben sie 1:0 geführt und bis zu einer Roten Karte gegen sich gut gespielt“, betont Wilhelm. Trotzdem wäre alles andere als ein deutlicher Sieg für die deutsche Elf eine Überraschung, da gibt er sich keinen Illusionen hin. Wilhelm hofft, dass Curaçao ein Tor erzielt – „das wäre schon wie ein Sieg“ – und nicht allzu viele Treffer kassiert.
Er sei natürlich auch Fan der deutschen Mannschaft, betont der Lahrer – aber am Sonntag würde er Curaçao doch ein wenig mehr die Daumen drücken. Schon allein deshalb, da sein Herz ohnehin immer für die Underdogs schlage.
Mit seinen Verwandten auf der Insel – darunter eine Tante und ein Vetter – bleibt er in einer gemeinsamen Whatsapp-Gruppe in Verbindung. Sie haben ihm Videos mit Jubelszenen auf der Insel geschickt, aufgenommen, nachdem die Nationalelf mit einem 0:0 gegen Jamaika die Qualifikation für die WM geschafft hatte. Wilhelm zeigt die Szenen ausgelassener Freude beim Gespräch mit unserer Redaktion und betont die Bedeutung, die die WM-Teilnahme für das kleine Karibikland hat: „Curaçao ist damit das erste mal so richtig auf der Weltbühne“.
Auf die Frage nach den Vorzügen des Landes schwärmt der Lahrer von der historischen Hauptstadt Willemstad, die für ihre pastellfarbenen Kolonialbauten im holländischen Stil berühmt sei und auch Klein-Amsterdam genannt werde, außerdem von Traumstränden, der schönen Natur und einer vielfältigen Bevölkerung, bestehend aus zahlreichen Nationalitäten. Bekannt sei die Insel natürlich für den tiefblauen BluCuraçao-Likör, der aus der Schale einer Orange hergestellt werde.
Auf die Frage, wie er den Tag des historischen Spiels für das Karibikland verbringen wird, sagt Wilhelm, das es am Sonntag bei ihm daheim ein „Family Viewing“ geben werde, zu dem sich auch Freunde und Bekannte angekündigt hätten. Alles in allem erwarte er um die 15 Gäste, für die er braune Bohnen zubereiten werde, ein typisches Gericht für die Küche auf Curaçao – „nach dem Rezept meiner Mutter“.
13 Stunden Flug
Curaçao ist eine kleine Insel im Karibischen Meer, die etwa 60 Kilometer nördlich der Küste von Venezuela liegt. Es ist doch bestimmt kompliziert, dort hinzureisen, meinte der Autor zu Wilhelm. Doch der teilte mit, dass von Amsterdam aus Direktflüge angeboten werden, die 13 Stunden bis nach Curaçao brauchen. Das nächste Mal werde er im November in den Flieger steigen, um die Insel besuchen – sein Vetter, der dort lebt, habe ihn zu seinem 65. Geburtstag eingeladen.