Bedrohte Arten finden Heimat: Intakte Natur im Gewerbegebiet „Basic“ Neuried

Landschaftsarchitekt Jochen Bresch (links) hat die Artenvielfalt im Gewerbegebiet „Basic“ aufgezeigt.
LipowskyWas der Landschaftsarchitekt Jochen Bresch den „Basic“-Zweckverbandsmitgliedern vorführt, ist intakte Natur mit Tieren und Pflanzen, die andernorts im Land bereits als ausgestorben oder zumindest als bedroht gelten. Zu verdanken ist die Renaissance der Neurieder Streuwiesen dem interkommunalen Gewerbegebiet „Basic“.
Was paradox klingt, ist dennoch Tatsache: Vor 20 Jahren, bei der Gründung des Gewerbegebiets „wurde alles richtig gemacht“, sagt Bresch und die Freude darüber steht ihm ins Gesicht geschrieben. Als die Stadt Kehl zusammen mit der Gemeinde Neuried die Flächen für das heute in weiten Teilen von renommierten Firmen bebaute und genutzte Gewerbegebiet geplant hat, wurde nicht zwingend darauf geachtet, ob die Flächen bereits den beiden Kommunen gehörten – wie das sonst oft der Fall ist. „Für ,Basic’ hat man schlechte Äcker genommen und notfalls zugekauft“, erklärt Bresch den Mitgliedern der Gemeinderäte Kehl und Neuried sowie der Ortschaftsräte Goldscheuer und Altenheim.
Die Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen
Weil die beiden Kommunen aber dennoch verpflichtet waren, Ausgleichsflächen zu schaffen, verständigte man sich darauf, die einst so artenreichen Neurieder Streuwiesen mit ihren historischen Gewannnamen wie Hetzlerau, Fohlenweide, Dreibauerngrund, Muhrauel und Mühlbachschließe wieder zum Leben zu erwecken. „So haben wir mit dem Ausgleich den maximalen Gewinn“, sagt Bresch. Um es vorwegzunehmen: Der Geißklee-Bläuling, die Zwitscherschrecke, der Wiesen-Wasserfenchel, der Dunkle Wiesenknopf-Ameisenbläuling, die Prachtnelke und das Blutströpfchen sind selbst für unkundige Besucher schnell zu entdecken. Doch obwohl die Wiesen bereits ein Refugium für bedrohte Arten sind, ist die Entwicklung hin zur ursprünglichen Streuwiese auch nach 20 Jahren noch nicht abgeschlossen.
Um das der Gruppe verständlich zu machen, geht Bresch weit in die Geschichte zurück: Wie der Name Neuried schon sagt, liegen die Flächen im Ried und sind von jeher feucht. Für diese aus landwirtschaftlicher Sicht recht nutzlosen Flächen war den Bauern der Dünger zu wertvoll. Was dort wuchs, war nicht einmal als Viehfutter, sondern nur als Einstreu zu gebrauchen. Gemäht wurde meist nur einmal im Jahr zu Beginn des Herbstes. Für die Tiere, deren Lebensraum die Wiesen waren, stellte die Sense kaum eine Bedrohung dar, sie waren schneller und konnten sich in Sicherheit bringen. Mit jeder Mahd und damit der Entnahme der Pflanzen wurde den Streuwiesen etwas Phosphat entzogen, so dass sich die Entwicklung zu Magerwiesen fortsetzte.
Im Mai wird zum ersten Mal gemäht
Doch mit fortschreitender Industrialisierung holten sich die Pflanzen die Nährstoffe aus der nicht zuletzt durch den zunehmenden Verkehr stickstoffreichen Luft. Außerdem richtete der Einsatz von schweren Maschinen auf den bodenfeuchten Wiesen großen Schaden an. Auch nach 20 Jahren sind die Streuwiesen noch nicht so mager, wie sie sein sollten, erläutert Bresch seinen Zuhörern. Deshalb wird bereits im Mai zum ersten Mal gemäht. Dem zweiten Aufwuchs steht dann mehr Licht zur Verfügung und die für die Streuwiesen typischen Kräuter, Blumen und Gräser können sich wieder entwickeln. Damit aber die Insekten ihren Lebensraum nicht verlieren, wird nur jeweils die Hälfte der Wiesen geschnitten.
Seltene Orchideen angesiedelt
Um die Streuwiesen beweiden zu lassen, sind die Flächen zu klein, erläutert Bresch: Für eine Kuh sind mindestens zwei Hektar notwendig. Rinder und Pferde wären geeignete Weidetiere, weil sie die Gräser fressen und die blühenden Pflanzen für die Insekten stehen lassen. Mit handgesamtem Saatgut wurden zudem seltene Orchideen wieder angesiedelt. Manche Blühpflanzen brauchen zwölf Wochen, um sich zu entwickeln. Auf einer landwirtschaftlich bewirtschafteten Fläche haben sie bei fünf bis sechs Mähdurchgängen keine Chance.
Eine Wiese, 60 Arten
Während auf solchen Flächen im Durchschnitt zwölf Arten vorkommen, sind es auf den Streuwiesen inzwischen 60, erklärt Bresch den Unterschied und pflückt als Anschauungsobjekt für die Zweckverbandsmitglieder ein Zittergras, das als Anzeiger für die Magerkeit einer Wiese gilt.