Hausacher Leselenz
: Töne und Verse berühren Herz und Verstand

Blasmusik und Lyrik verschmolzen bei „Leselenz trifft Stadtkapelle“ auf dem Hausacher Klosterplatz zu einem bewegenden Erlebnis.
Von
Claudia Ramsteiner
Oberndorf
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„Lyrik trifft Blasmusik“: Die Hausacher Stadtkapelle begleitete die klassischen Gedichte mit fein ausgewählten Stücken.

Ramsteiner

Ein Sommermorgen, der Klang und Sprache zu einem sinnlichen Erlebnis verwob: Bei „Leselenz trifft Stadtkapelle“ auf dem Klosterplatz begegneten sich am Samstag Musik und Poesie auf Augenhöhe – und berührten Herz und Verstand gleichermaßen. Die Stadtkapelle Hausach hieß das zahlreich erschienene Publikum mit der energiegeladenen Rockmelodie „Welcome“ willkommen und Festivalleiter José Oliver rezitierte zu Beginn eines seiner Lieblingsgedichte: „Hälfte des Lebens“.

Kästner, Kaléko und Lasker-Schüler frisch zitiert

Vor mehr als 200 Jahren von Friedrich Hölderlin verfasst, habe es „an Tiefe, Bedeutung und Aktualität nichts eingebüßt“.

Die Stadtkapelle unter Leitung von Raphael Janz antwortete mit dem Kulthit „Ein Leben lang“ der Schweizer Band „Fääschtbänkler“. Eine frische, junge Stimme brachte Emilia Numidia Bouharras ans Mikro. Die Studentin der Sprechkunst und Sprecherziehung an der HMDK Stuttgart hatte sich drei Gedichte ausgesucht, die sie mit klarer Artikulation und feinem Gespür für Rhythmus und Bedeutung vortrug: Sie begann mit „Die Jugend hält das Wort“ von Erich Kästner, das so manchen der älteren Zuhörer vermutlich noch über den Tag hinaus beschäftigt hat. Dem „Vagabundenspruch“ von Mascha Kaléko ließ die Stadtkapelle den heißen lateinamerikanischen Mambo „Cuentame“ folgen. Das melancholische Gedicht „Mein blaues Klavier“ von Else Lasker-Schüler leitete schließlich über zum majestätischen Konzertmarsch „Der Märchenkönig“.

Wie nah Märchenkönig und Tyrann beieinander liegen, machte José Oliver zum Schluss deutlich. Er erfüllte sich einen lang gehegten Wunsch und rezitierte sehr eindringlich Schillers „Die Bürgschaft“ – genau an jenem Ort, an dem einst seine Eltern in der Hutfabrik arbeiteten. „Hier wollte ich diese Ballade schon immer einmal sprechen“, sagte er sichtlich bewegt. Vermutlich hatte so mancher diese dramatische Geschichte um Freundschaft, Treue und Großmut nicht mehr parat. Poet(h)isch, wie das diesjährige Motto des Festivals. Die Stunde war ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass Lyrik und Blasmusik nicht nur nebeneinander bestehen, sondern sich gegenseitig beflügeln können. Und sie hat die Fans der beiden Kunstgattungen einander nähergebracht, zumal auch Wochenmarktbesucher spontan stehen blieben und lauschten.

Bürgermeister Wolfgang Hermann hatte am Vorabend bei der Eröffnung des 28. Hausacher Leselenzes in der Stadthalle auf die Bedeutung dieses Literaturfestivals „zwischen Wörtern und Welten, zwischen dem realen Leben und literarischen Visionen“ hingewiesen. Poesie könne die Welt nicht verändern, aber „sie kann verändern, wie wir sie sehen“, so Hermann. Constanze Wehner-Marx, erst seit drei Monaten Projekt-Vorständin der Neumayer-Stiftung, genoss ihren ersten Leselenz, „ein Fest, für das ganz Hausach kopfsteht“.

Niederlande präsent

Erstmals war bei der Eröffnung auch das Land vertreten, dessen Sprache der Leselenz als Gastsprache ausgewählt hat – durch Ulrike-Claudia Pulzer, Kulturreferentin des Generalkonsulats der Niederlande. „Literatur ist ein Spiegel der Gesellschaft und eine Brücke der Kulturen“, betonte sie.

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