Drei Jahre, ein Bündel: Ein ehemaliger Wandergeselle erzählt von der Walz

Etwa 500 bis 600 Gesellen sind aktuell auf Wanderschaft. (Symbolfoto)
dpaMit einem Bündel über der Schulter und der Kluft als Erkennungszeichen zieht er los, der Wandergeselle – nicht nur durch Deutschland, sondern auch quer über verschiedene Kontinente.
Drei Jahre und einen Tag lang dauert die Walz, die traditionelle Gesellenwanderung, auf der Handwerker Berufserfahrung sammeln, Menschen begegnen und das Leben aus einer völlig neuen Perspektive kennenlernen. Anlässlich des Tags des Handwerks am 20. September haben wir mit Ansgar Wenning vom Rolandschacht gesprochen.
„Grundsätzlich können alle Handwerksberufe wandern gehen“, erklärt Ansgar Wenning, der selbst von 2004 bis 2008 auf der Walz war und heute die Öffentlichkeitsarbeit für den Schacht übernimmt. „Es gibt verschiedene Vereinigungen, manche sind beispielsweise auf das Baugewerbe fixiert, aber grundsätzlich steht es allen Handwerkern offen.“
Die Regeln der Walz
Die Walz folgt klaren Regeln, die sowohl geschrieben als auch ungeschrieben sind. Im Rolandschacht, der seinen Hauptsitz in Haslach im Kinzigtal hat, gilt etwa eine Bannmeile von 60 Kilometern und eine Mindestdauer der Wanderschaft von drei Jahren und einem Tag. Die Bannmeile legt fest, wie weit sich die Gesellen ihrem Heimatort nähern dürfen. Aufgenommen werden im Rolandschacht Gesellen bis zum Alter von 27 Jahren, in Ausnahmefällen auch bis 30.
Wenning erklärt: „Diese Grenze ist irgendwann mal festgelegt worden, vermutlich weil man im Alter einfach wissen sollte, wo man hingehört. Es ist ein Privileg der Jugend, diese Wanderschaft machen zu können.“
Weitere Voraussetzungen sind ein Gesellenbrief, die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft, Kinderlosigkeit und Schuldenfreiheit – außerdem dürfen die Gesellen nicht verheiratet sein. „Das dient der Absicherung, damit man niemanden im Stich lässt oder vor Schulden flieht. Man geht aus freiem Willen und ohne schlechte Hintergedanken.“

Diese beiden Wandergesellen waren im April dieses Jahres in Rottweil unterwegs. (Archivfoto)
Foto: OttoRegelverstöße können - je nach Schwere des Fehlverhaltens - zum Ausschluss führen. „Das kommt aber in den seltensten Fällen vor. Die Gesellen haben Lust darauf, stehen hinter der Tradition und machen das aus freien Stücken“, meint Wenning.
Reisen durch die ganze Welt
Die Walz hat sich über die Jahre stark verändert. Während die Gesellen früher vor allem in Deutschland und der Schweiz unterwegs waren, führt die heutige Wanderschaft oft um die ganze Welt. Wenning erzählt: „Vor zwei Jahren waren zwei von uns am Machu Picchu, andere waren über die kalte Jahreszeit schon in Nepal, um dort beim Aufbau einer Schule zu helfen. Ich selbst war unter anderem in Australien, Afrika und Neuseeland.“ Trotz dieser internationalen Reisen bleibt die Walz größtenteils spontan. „Man bucht nur die Flüge, alles andere passiert unterwegs.“
Hilfsbereitschaft findet sich laut Wenning überall auf der Straße. „Die Leute sind sehr hilfsbereit, das erlebt man, wenn man mit wenig unterwegs ist“, sagt er. Ein besonders eindrückliches Erlebnis hatte er in Neuseeland: „Wir waren gestrandet und hatten unser Nachtlager an einer Bushaltestelle aufgebaut. Dann kam eine Frau vorbei, die wir kaum verstanden haben. Trotzdem sie hat uns mitgenommen, hat ein Kinderzimmer freigeräumt und wir durften zwischen dem Spielzeug mit unserem Schlafsack schlafen. Am nächsten Tag sind wir weitergetrampt. Ich bekomme schon wieder Gänsehaut, wenn ich daran zurückdenke.“
Teilnahme an den verschiedensten Baustellen
Auf der Walz spielt die Kluft eine wichtige Rolle: Sie verschafft den Gesellen einen Vertrauensvorschuss. „Man geht einfach auf die Leute zu, und die Kluft signalisiert sofort: Das sind Handwerksgesellen, auf die man sich verlassen kann.“ Auch im Ausland wird das bewundert. „Die Menschen sind erstaunt, dass Deutsche so unterwegs sind, nur mit Bündel und ohne Handy. Oft haben sie von uns ganz andere Bilder im Kopf – Oktoberfest, Lederhosen und Mercedesfahrer“, meint Wenning lachend.
Die Gesellen finden Arbeit und Unterkunft oft direkt vor Ort - sei es durch Kontakte auf der Straße oder auch durch Unternehmen, die sich teilweise mit freien Aufträgen und Arbeitsangeboten beim Schacht melden. „Man kann auf der Walz in tollen Firmen arbeiten. Manche haben für eine Schweizer Firma ein Medikamentenlager in Afrika gebaut, andere haben beim Bau von Autobahnbrücken mitgeholfen oder alte Bauernhäuser saniert. Wieder andere waren in Brasilien auf Baustellen oder haben Buden für den Hamburger Weihnachtsmarkt aufgebaut. Da gibt es wirklich großartige Möglichkeiten.“
Die Gemeinschaft spielt dabei eine zentrale Rolle. Zu Beginn begleitet ein erfahrener Geselle den Aspiranten über mehrere Monate, bevor dieser alleine weiterzieht. „Viele gehen zu zweit ins Ausland, aber das ist kein Muss. Das entscheidet jeder selbst.“ Die gegenseitige Hilfe und das Vertrauen unter und zwischen den Gesellen sind tief verankert: „Der Leitspruch lautet: ’Begegne den Leuten immer so, dass die Gesellen nach dir ebenfalls mit offenen Herzen empfangen werden.’“
Die Rolle der Kluft
Die typische Gesellenkluft und das Wanderbuch haben eine symbolische Bedeutung. Die Kluft ist individuell gefertigt, zeigt den Beruf sowie den Schacht, dem man angehört. Wenning erläutert: „Die Kluft ist immer ein Unikat, das Aushängeschild eines Gesellen. Dazu gibt es ein Wanderbuch, in das offizielle Arbeitszeugnisse und Stempel von Bürgermeistern oder Gewerkschaften eingetragen werden.“
Farben und Details der Kluft haben spezifische Bedeutungen: Holzberufe tragen oft eine schwarze Kluft, Steinberufe eine helle Kluft, Schneider rote und Landschaftsgärtner grüne Elemente. Zudem hat jeder Schacht noch zusätzlich ihre eigenen Erkennungszeichen. Das Erkennungszeichen der Rolandsbrüder ist die "blaue Ehrbarkeit" - ein Schlips, der in den obersten Knopf der weißen Staude eingebunden wird.
Zahlreiche Chancen durch Wanderschaft
Die Walz bietet zahlreiche Chancen: Neben Berufserfahrung fördert sie die Persönlichkeitsentwicklung, Unabhängigkeit und soziale Kompetenz. „Man lernt, mit Rückschlägen umzugehen, Verantwortung zu übernehmen und auf eigenen Beinen zu stehen. Diese Zeit ist unbezahlbar und prägt ein Leben lang“, meint Wenning. Aber auch beruflich wird die Wanderschaft geschätzt. Manche Gesellen melden sich nach der Wanderschaft zum Meisterkurs an , machen eine weitere Ausbildung oder studieren.
Entlohnt werden die Gesellen nach Tarif - mit Gesellenlohn, Krankenversicherung und Steuernummer. Die Arbeit dient also nicht nur der Kost- und Logisabdeckung, wie oft noch angenommen wird.
Hürden gibt es dennoch: Sprachbarrieren, ungewohnte Arbeitsbedingungen oder soziale Unsicherheiten müssen überwunden werden. Doch die Erlebnisse sind laut Wenning einmalig, und die positiven Erfahrungen überwiegen.
„Das sind wertvolle Jahre, die nie wiederkommen.“
Die Walz ist sowohl individuell als auch Teil einer lebendigen Gemeinschaft. Ehemalige Wandergesellen können lebenslang Mitglied ihres Schachts bleiben, an Kongressen teilnehmen und alte Weggefährten treffen. „Wer möchte und kann, der macht mit, der andere pausiert. Es gibt keine Pflichten.“
Trotz Veränderungen bleibt die Walz eine wertvolle Tradition, die Nachwuchshandwerkern viel mitgibt. Jungen Handwerkern rät Wenning: „Einfach machen, einfach ausprobieren. Das sind wertvolle Jahre, die so nie wiederkommen. Informiert euch, lasst euch davon erzählen. Die Walz ist eine wunderbare Möglichkeit, persönliche Stärken zu entwickeln.“
Die Zukunft der Walz
Heute sind etwa 500 bis 600 Gesellen im deutschsprachigen Raum unterwegs. Frauen sind noch selten vertreten, doch „es ist wichtig, das Erbe der Wanderschaft aufrechtzuerhalten und die Tradition fortzuführen“.
Die Zukunft der Walz hängt davon ab, ob diese Tradition weiterhin bewusst gepflegt wird. Für Wenning steht fest: „Ich bin ein Befürworter der Wanderschaft. Wer sich darauf einlässt, erlebt unvergessliche Jahre voller Erfahrungen, Begegnungen und Abenteuer.“
Weitere Informationen
Der Rolandschacht
Der Rolandschacht ist eine traditionsreiche Vereinigung von Bauhandwerksgesellen, die auf der sogenannten Wanderschaft unterwegs sind oder waren. Seit seiner Gründung im Jahr 1891 verfolgt der Rolandschacht das Ziel, die Werte Treue, Freundschaft und Brüderlichkeit zu pflegen und jungen Handwerkern die Bedeutung dieser Tradition näherzubringen. Seinen Sitz hat der Rolandschacht in Haslach im Kinzigtal. Dort befindet sich auch der Verein zur Förderung des Rolandschachtes e.V., der als zentrale Anlaufstelle für alle Mitglieder und Interessierten dient. Ein besonderes Erkennungszeichen der Rolandsbrüder ist die blaue Ehrbarkeit, die sie als Wanderhandwerker auszeichnet.