Tattoo-Messe in Empfingen: Der Körper als lebendige Leinwand

Der 50-jährige Tom Kreissl hat das Tätowierhandwerk im Jahr 1998 erlernt und sticht gerade einen Medusa-Kopf mit einer modernen, kabellosen Tätowiermaschine.
Andreas WagnerTätowierungen sind längst im Mainstream angekommen und sind zwischenzeitlich in der Gesellschaft auch weitestgehend akzeptiert. Mit der stetig wachsenden Nachfrage entwickeln sich auch die Möglichkeiten der Gestaltung sowie die Produkte in der Branche stetig weiter. Davon konnten sich Interessierte am vergangenen Wochenende in der Täleseehalle in Empfingen überzeugen.
Die Halle war nämlich Schauplatz der zweitägigen Tattoo-Messe „Ink-Style Tattoo-Event“, auf der bis zu 50 Tätowier-Artists mit ihren Ständen vor Ort waren. Neben regionalen Tätowierern verschlug es auch überregionale Künstler aus ganz Deutschland und dem weiteren Ausland nach Empfingen.
Geräuscharme Geräte
Während vor einem Jahrzehnt noch das typische „Summen“ und „Surren“ der elektromagnetischen Spulen- oder Coil-Maschinen zum Tätowieren dazugehörte, geschieht das „Stechen“ mit modernen Rotary- und Pen-Maschinen beinahe schon lautlos im Vergleich. Auch versprechen die neuen Geräte eine geringe Vibration, was längeres Arbeiten angenehmer macht. Ebenso sind die Stromkabel an den neuen Maschinen mittlerweile fast gänzlich verschwunden. Wie Viktor Toth-Kovacs von „TattKO“ an seinem Stand veranschaulichte, werden heute auch moderne Nadelmodule verwendet, die ein schnelleres, sterileres Wechseln der Nadeln ermöglichen. Auch lassen sich die neuen Geräte viel präziser einstellen. Dies sei beispielsweise Ideal für Schattierungen, „Fine Line“- und „Realismus-Motive“.
Farbpalette wird größer
„Früher war das Handwerk auch aufgrund der geringeren Farbpalette schwieriger. Die Tätowierer mussten ihre Farben teilweise noch selber mischen“, verrät Toth-Kovacs, der Tattoo-Zubehör vertreibt. Mittlerweile ist die Palette an unterschiedlichen Farben beinahe unendlich. In Sachen Kreativität sind jedenfalls keine Grenzen gesetzt, wie die Besucher anhand der unterschiedlichen Motive an den Ständen feststellen konnten.
Alles beginnt mit der Idee und dem Entwurf. Hierfür kann man sich heutzutage zwar an unzählig vorhandenen Motiven im Internet bedienen, was jedoch unter den Künstlern als strittig angesehen wird. Daher zeichnen viele Tätowierer den Entwurf eines Motivs noch traditionell von Hand. So auch die 36-jährige Anastasia Hartschenko von der Tattoomanufaktur „BeYOUtiful“ aus Ravensburg, die persönlich sehr großen Wert darauf legt. Sie sendet ihren Kunden den Vorentwurf ferner vorab zu und überarbeitet dieses nochmals auf Wunsch.
Erst Papier, dann Haut
Bevor die Nadel unter die Haut sticht, wird der Entwurf auf ein sogenanntes „Stencil-Papier“ übertragen, welches sozusagen die Umrisse des Tattoos wie ein Stempel auf der Haut hinterlässt. Hierfür wird zuvor ein sogenanntes „Stencil-Gel“ aufgetragen, welches mittlerweile mit Betäubungseffekt erhältlich ist. Dies in Kombination mit den neuen, weniger vibrierenden Tätowiermaschinen mögen einige der Gründe sein, warum die Angst vor vermeintlich großen Schmerzen beim Tätowieren immer geringer wird.
Hartschenko sticht gerade ihrer 25-jährigen Cousine Sophia Beller ein asiatisches Motiv. Für die Zeichnung investierte sie vier Stunden; das Tätowieren wird voraussichtlich fünf Stunden dauern. Auch der 33-jährige Alex Korge aus Dusslingen liegt schon seit zweieinhalb Stunden auf der Liege von Tätowierer Marek Izsman (46 Jahre) und ist hellauf begeistert von der Entstehung seines zweiten Tattoos. Eine kurze Zigarettenpause für den Künstler und seine menschliche Leinwand, danach geht es weiter für zwei Stunden.
Motivtrends und technische Neuheiten beim Tätowieren
Fine Line/minimalistische Tattoos
: Filigrane Motive mit extrem dünnen, präzisen Linien, die oft dezent platziert sind.
Mikro-Realismus:
Sehr kleine, aber extrem detailreiche und realistische Tattoos, die wie Miniaturgemälde wirken (zum Beispiel Porträts oder Landschaften).
Realismus-Motive
: Realistische Bilder und Porträts, die sprichwörtlich sehr lebendig wirken.
Blackwork/Dotwork:
Tattoos, die fast ausschließlich mit schwarzer Tinte arbeiten, oft mit geometrischen Mustern, starken Kontrasten oder feinen Punktstrukturen (Dotwork).
Aquarell-Tattoos
: Designs, die fließende Farben und weiche Verläufe imitieren, ähnlich wie bei einem Aquarellgemälde.
Striktere EU-Vorschriften für Farbpigmente:
Seit 2022 gelten in der gesamten Europäischen Union strenge Vorschriften für Tätowierfarben. Über 4000 Chemikalien und Stoffe, die als potenziell gesundheitsschädlich gelten, wurden verboten. Dies hat zu einer Innovationswelle bei Herstellern geführt, da sie neue, konforme und sichere Farbpigmente entwickeln mussten.
Vegane und hypoallergene Farben
: Das Bewusstsein für Nachhaltigkeit und Hautverträglichkeit wächst, weshalb immer mehr Studios auf vegane Tinten und hypoallergene Materialien setzen.
Fortschrittliche Maschinen und Nadeln
: Moderne elektrische Tätowiermaschinen und hochwertige Nadelmodule (aus chirurgischem Edelstahl) ermöglichen eine höhere Präzision und gleichmäßigere Farbabgabe.