Stolpersteine in Rottenburg: Ein Zeichen gegen Gräueltaten und Vergessen

Gunhild Hofmeister begrüßt bei der Verlegung des Stolpersteins für ihre Tante viele Besucher.
Marzell SteinmetzSie starb am 1. Oktober 1940 im Alter von knapp 16 Jahren in der Gaskammer der Tötungsanstalt Grafeneck im Kreis Reutlingen. Gunhild Hofmeister aus Bierlingen freute sich, dass am Montag viele Menschen zu der Stolperstein-Verlegung gekommen waren. Das „Mariele“, wie sie genannt wurde, war ihre Tante.
Maria Mathilde Hofmeister wurde am 31. Dezember 1924 geboren. Das behinderte Mädchen kam 1929 ins Kinderasyl Ingerkingen. Von dort wurde am 2. Oktober 1940 die Mutter Maria Hofmeister, geb. Heberle, benachrichtigt, dass ihr Kind auf Anordnung des württembergischen Innenministeriums in Stuttgart in eine andere Anstalt verlegt werde. „Über ihr ferneres Ergehen werden Sie von der Empfangsanstalt benachrichtigt“, schrieb mit „freundlichen Grüßen“ die Schwester Oberin.
Verschleierungsschreiben von Grafeneck
Was folgte, waren allerdings Verschleierungsschreiben von Grafeneck und der Durchgangsanstalt Hartheim bei Linz. Die Todesmeldung stammt erst vom 17. Oktober 1940. Am 18. November 1940 schrieb das städtische Friedhofsamt Stuttgart, dass die Aschenreste eingetroffen seien und bat um Nachricht, wann und wo die Asche beigesetzt werden könne.

Der Gedenkstein für Maria Mathilde Hofmeister.
Foto: Marzell SteinmetzMarias Nichte Sigrid Binder hat zum 100. Geburtstag ihrer Tante eine Gedenkanzeige aufgegeben. Daraufhin hat Andreas Kroll, pädagogischer Leiter der KZ-Gedenkstelle Hailfingen/Tailfingen, Kontakt mit ihr aufgenommen. Kroll ist Initiator dafür, dass in Rottenburg Stolpersteine zum Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus verlegt werden. Er dankte in seiner Ansprache der Stadt, dass sie dafür ihre Zustimmung gab.
Mitarbeiter der Technischen Betriebe haben ein Loch in den Gehweg gegraben, um dann den zehn mal zehn Zentimeter großen Gedenkstein mit Inschrift einzulegen. Entworfen hat ihn der Künstler Gunter Demnig. In Rottenburg liegen auf Initiative von Andreas Kroll inzwischen zwölf dieser Steine.
Grafeneck war ursprünglich ein Jagdschloss der württembergischen Herzöge. 1929 kaufte die Samariterstiftung das Schloss und nutzte es als Heim für Behinderte. 1939 wurde es für Reichszwecke beschlagnahmt, um es in eine Mordanstalt umzuwandeln. Bis Dezember 1940 wurden dort fast 10 000 Menschen in der Gaskammer umgebracht.
„So etwas darf nie wieder passieren“, sagte der pensionierte Pfarrer Siegesmund Schwind. Er war der Nachbar des in Grafeneck ermordeten Mädchens. Der Bruder von ihr war sein Schulkamerad und Freund. Als Schwind in Starzach den Pfarrer vertreten musste, habe er den damaligen Ortsvorsteher Bernhard Hofmeister kennengelernt.
Christliche Pflicht, Gräueltaten nicht hinzunehmen
Er sagte der Familie Dank, dass sie mit dem Stolperstein an die ermordete Tante erinnerten. „Wir dürfen nicht schweigen, sondern müssen ein Zeichen setzten“, betonte er. Es sei eine christliche Pflicht, Gräueltaten nicht hinzunehmen. „Wir sind alle Kinder Gottes“, betonte er. Vor Gott seien alle Menschen gleich. Zusammen mit den Anwesenden betete er das „Vaterunser“ für Maria Mathilde.