Stadtführung mal anders
: Jugendliche dokumentieren Rottenburgs vergessene Orte

Jugendliche forschen, Alteingesessene staunen: Das „jes“-Projekt bringt mit einer Broschüre über vergessene Orte frischen Wind in Rottenburgs Stadtgeschichte.
Von
Cornelius Rück
Oberndorf
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Francesco Semeraro (von links), Abdul Rashu, Helga Kuhn und Ernst Heimes präsentieren die von den Jugendlichen erstellte Broschüre.

Cornelius Rück

Fast jeder Rottenburger hat sie wohl schon gesehen – doch kaum jemand wirklich wahrgenommen: kleine, vergessene Orte, die das Stadtbild bereichern und von der reichen Geschichte Rottenburgs erzählen, ohne jedoch groß aufzufallen. Abdul Rashu, 18 Jahre alt, hat gemeinsam mit vier weiteren Jugendlichen diese Plätze in einer Broschüre dokumentiert.

Emma und Evelina Kulmann, Nelli Günther, Alex Tudor und er arbeiteten im Rahmen des Projekts „Jugendliche engagieren sich“ (jes) mit Bürgermentorin Helga Kuhn zusammen. Stadtrat Ernst Heimes, Sonderpädagoge und Dozent im Ruhestand, den Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen) im Juni für sein Engagement für Jugendliche mit dem Verdienstorden des Landes auszeichnete, stellte wie jedes Jahr sein historisches „Haus am Nepomuk“ für die Treffen zur Verfügung und begleitete die Jugendlichen mit seinem fundierten Wissen über die Stadtgeschichte.

Francesco Semeraro, Fotograf, Grafiker und seit 2015 als Teilnehmer beim „jes-Projekt“ dabei, leitete dieses Jahr zum ersten mal das Projekt.

Erst skeptisch, dann begeistert

Als Abdul vom Projekt hörte, war er zunächst skeptisch, auch wegen anstehender Prüfungen in der Schule. Doch er sagte sich: „Ich wohne jetzt schon 13 Jahre in Rottenburg. Ich kenne mich zwar aus, aber es könnte besser sein.“ Besonders, was die Geschichte der Stadt betrifft. „Wir haben in der Schule zwar über Stadtbrände im Mittelalter gesprochen, aber nicht im Bezug auf Rottenburg. Ich wusste nicht, dass es hier zwei große Stadtbrände gegeben hat“, erzählt der 18-jährige Berufsschüler.

Oder die Wassermarken, eingeritzt in Häuserfassaden, die den Stand vergangener Hochwasser anzeigen. Besonders die Ereignisse rund um den Täufer Michael Sattler interessierten den Muslim: „Mir war neu, wie stark zerstritten das Christentum war.“ „Im Zuge der Reformation argumentierte Sattler für die Erwachsenentaufe. Ein massiver Machtverlust für die Kirche, weshalb er in Rottenburg hingerichtet wurde“, erklärt Heimes.

Anders, als akademisches Lernen

„Das jes-Projekt ist etwas ganz anderes als akademisches Lernen. Es ist persönlichkeitsbildend und schafft Bindung an die Stadt“, führt er aus. Abdul stimmt zu: „Ich habe gelernt, eigenständig zu arbeiten und zu recherchieren. Die jetzige Generation googelt gern, aber die Antworten sind meist kurz und nur ein Teil der Wahrheit. Wir haben uns durch viel Recherche selbst ein Bild gemacht und herausgefunden, was stimmt und was nicht.“

https://www.schwarzwaelder-bote.de/inhalt.fuehrung-durch-rottenburg-stadtgeschichte-in-gebaerdensprache-erleben.43ff389f-97d0-4ad7-b853-436c32ff5cb4.html

Dafür arbeiteten die Jugendlichen mit vier Stadtführern zusammen und nahmen an zwei Führungen teil. „Als ich mit den Informationen der Jugendlichen eine Stadtführung für Rottenburger Bürger machte, waren selbst Alteingesessene begeistert, weil sie vieles noch nicht wussten oder gesehen hatten“, erzählt Heimes, sichtlich stolz auf die Arbeit seiner Schützlinge.

Nachfolger aus der eigenen Jugend

Und dass die Jugendlichen die Stadt lieben lernen und Spaß am Projekt haben, weiß keiner besser als Francesco Semeraro. Seit 2015 ist er immer wieder begeistert dabei, seit diesem Jahr sogar als Projektleiter. „Ich verbringe im Haus am Nepomuk schon fast mein halbes Leben“, sagt er lachend.

Das „jes-Projekt“ gibt es seit 2009, damals angestoßen von Bürgermentorin Helga Kuhn. Jedes Jahr leitete sie es seitdem, außer während Corona. Doch jetzt ist Schluss.„Ich bin sehr glücklich, dass Francesco mein Nachfolger wird. Es ist wieder ein sehr gelungenes Projekt. Ich werde aber weiterhin beratend zur Seite stehen und hoffe, dass die Stadt weiterhin Geld zur Verfügung stellt, auch weil gerade wieder gespart wird. Für nächstes Jahr haben wir aber eine Zusage“, blickt sie in die Zukunft.

Über das „jes-Projekt“

Beim jes-Projekt
engagieren sich jedes Jahr Jugendliche in ihrer Stadt und setzen ein stadtbezogenes Projekt um. Rottenburg ist eine von 40 „jes“-Städten in Baden-Württemberg. 40 Stunden arbeiten die Jugendlichen und erhalten am Ende ein Zertifikat, dass die ehrenamtlich geleisteten Stunden aufweist.

Die Broschüre
erklärt die Geschichte erhältlich hinter 52 kleinen und großen Orten in Rottenburg. Sie ist an den Infopunkten der Wirtschaft, Tourismus Gastronomie Rottenburg am Bahnhof (Poststraße 14) und am Marktplatz (Marktplatz 24) erhältlich. Auch bei den Buchhandlungen Osiander (nur in Rottenburg, Marktplatz 25), TheoBuch (Karmeliterstraße 2) und dem Kaffeewerk (Bahnhofstraße 19) sind die Broschüren zu haben. Ein Exemplar kostet fünf Euro.

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