Schädlinge in Horb und Co.: Ratten-Alarm? Warum die Angst oft größer ist als die Gefahr

Eine Ratte flieht vor der Stadtreinigung. (Symbolbild)
Bernd von Jutrczenka/dpaIm Königreich der Ratten wäre der Mensch ein gefürchteter Schädling. Einer, der seine Umwelt kaputt macht, sich asozial verhält, seine Artgenossen abmurkst und – furchterregende Krankheiten überträgt. Und das nicht zu knapp.
Das Pech der Ratte, als gehasstes und gefürchtetes Tier mit den Menschen klarkommen zu müssen, wird ihr deshalb gnadenlos zum Verhängnis. Man jagt sie, vergiftet sie und baut sie zusammen mit Spinnen und Skorpionen in Horrorgeschichten ein.
Auch in Horb und Umgebung fürchten sich viele Menschen vor Ratten und ganz besonders vor drohenden Rattenplagen, die regelmäßig prophezeit werden, wenn irgendwo eine Müllablagerung gesichtet wird.
Angst trotz schwacher Faktenlage
Fakten helfen schon lange nicht mehr. Die immer wiederkehrenden Ängste sitzen tief. Laut einer Schätzung des Verbands der Schädlingsbekämpfer kommen auf einen Bundesbürger etwa drei Ratten. Trotzdem sehen Experten keine Gefahr, dass eine Rattenplage droht.
Aber Plage hin oder her, schließlich ist allein schon die Liste der Krankheiten, die von Ratten angeblich übertragen werden, in hohem Maße Furcht einflößend: Weil’sche Gelbsucht, Trichinose durch Trichinen, Salmonellose durch Salmonellen-Bakterien, Fleckfieber und Paratyphus, Bandwurm, Tollwut, Rattenfieber durch Ricketsia-Bakterien und Tuberkulose.
Leptospirose – selten, aber real
Dumm nur, dass in Deutschland fast keine Fälle bekannt sind, bei denen genau diese Krankheiten von einer wildlebenden Ratte auf Menschen übertragen wurden. Denn wie alle Wildtiere können Ratten zwar Krankheiten übertragen, das kommt in Deutschland aber sehr selten vor. Selbst die Pest wurde nicht von den Ratten selbst übertragen, sondern vom Rattenfloh.
Die wahrscheinlich einzige Krankheit, die in Europa von Ratten übertragen wird, ist die extrem selten auftretende Leptospirose, eine Infektionskrankheit, die durch Bakterien ausgelöst wird. In Deutschland erkranken nur rund 100 Menschen pro Jahr an Leptospirose. Guckt man sich einzelne Fälle an, handelt es sich oft um die als Haustiere gehaltenen Farbratten, die im Verdacht standen, die Krankheit übertragen zu haben.
Tödliche Methoden – und ihre ethischen Fragen
Kurzum: Die Ratte ist im Grunde harmlos, und es ist ziemlich grausam, sie mit einer Art von Gift umzubringen, das sie langsam und schmerzvoll innerhalb von Tagen innerlich verbluten lässt.
Weil es trotzdem vernünftig ist, auch in Horb Vorkehrungen gegen eine zunehmende Rattenpopulation zu treffen, müssen andere Ansatzpunkte her. Da die Ratten gerne tief unten leben, Wasser mögen, Gänge graben und sich in Abwasserkanälen wohlfühlen, wo sie sich geschützt fühlen, wäre es sinnvoll, technische Lösungen zu suchen. Die „rattensichere Stadt“ ist kein Fantasieprodukt. Da wird einiges empfohlen: Verwendung von abschließbaren Behältern, Beseitigen von Abfällen, Reduzieren von Versteckmöglichkeiten, Abdichten von Zugängen in Gebäuden und die Kontrolle von Abwasserkanälen.
Bürokratie als Bremsklotz
Leider gibt es ein großes Problem, bei dem sich die Bürokratie selbst im Weg steht: Warum nicht öffentlich zugängliche, größere Abfallcontainer aufstellen? Klar, der Steuerzahler muss dafür aufkommen. Aber das Aufsammeln all der Abfälle, die irgendwo wild entsorgt werden, muss er ja auch bezahlen. Die Verursacher werden selten erwischt – dass sich ihr Gewissen regt und sie künftig alle brav ihre Mülltonen benutzen und in die Recyclingcenter gehen, dürfte Wunschdenken bleiben.
Manchmal taucht ein Wunsch auf, der ziemlich zwiespältig ist. Der Wunsch, dass Essen und Kleidung wieder einmal so wertvoll und wertgeschätzt werden, dass sie nicht mehr in der Natur landen.