Im Kampf gegen Hass im Netz: Warum das „Horber Stadtgeflüster“ auf der Kippe stand

Hass im Netz kommt immer häufiger vor. Auch die Facebook-Gruppe „Horber Stadtgeflüster“ hatte damit zu kämpfen. (Symbolfoto)
momomo - stock.adobe.comWie kann man eine Facebook-Community im Griff behalten? Wie schafft man es, dass Diskussionen nicht ausufern? Dass niemand einen anderen beleidigt oder belächelt? Ist das überhaupt noch in sozialen Medien möglich?
Seit vielen Jahren kümmert sich Vicente „Sensi“ Lopez liebevoll um sein „Baby“, wie er es selbst nennt: die Facebook-Gruppe „Horber Stadtgeflüster. Es ist zu einem digitalen „Marktplatz“ der Stadt geworden.
Hier trifft man sich. Tauscht schöne Stadt-Bilder aus, erinnert sich an den alten Lehrer von damals. Fragt andere um Hilfe und um Rat. Und ist auch Kummerkasten. Der Zusammenhalt ist groß. Das, was manchmal in der Gesellschaft fehlt, kann digital gelebt werden.
Die Geschichte des „Horber Stadtgeflüsters“
Im September 2017 fing alles an. Erst in einem kleinen Kreis – doch dieser Kreis wurde immer größer. Mittlerweile sind es fast 8000 Mitglieder in der öffentlichen Gruppe. Und das ist vielleicht auch das Problem: So viele Menschen auf einem Fleck sind kaum zu kontrollieren. „Hass und Hetze im Netz. Das gibt es leider überall so“, sagt Heidrun Grewe.

Die beiden Stadtgeflüster-Moderatoren Heidrun Grewe und Vicente „Sensi“ Lopez
Foto: StadtgeflüsterSie managt das „Stadtgeflüster“ seit Mai mit, nachdem Lukas Wojcik nach vielen Jahren aufgehört hatte. Lopez: „Mir war immer wichtig, dass diejenigen, die mitmachen, nicht aus meinem direkten Umfeld stammen. Dann schaut man sich um, wer könnte geeignet sein, wer wertschätzt das Stadtgeflüster. Da hatte Heidrun zehn von zehn Punkten.“ Grewe ist eine Horberin, die seit vielen Jahren in Nordrhein-Westfalen lebt. Ein perfektes Beispiel dafür, für was das „Stadtgeflüster“ steht. „Man ist und bleibt Horber. Es ist schön, aus der Ferne an der Heimat teilhaben zu können“, erzählt Grewe mit einem Leuchten in den Augen.
Die Schattenseiten der sozialen Medien
Doch Grewe erlebt als Moderatorin schnell die Schattenseiten der sozialen Medien. Vicente Lopez berichtet: „In den letzten Monaten ist es extrem eskaliert. Bauernproteste, Kommunalwahlen und mehr. Da ging es Schlag auf Schlag.“ Und das immer wieder auch unter die Gürtellinie. Als sich die Listen für die Kommunalwahlen in der Gruppe vorstellen konnten, stellten die Stadtgeflüster-Macher die Kommentarfunktion aus. Doch dann kam die Smiley-Attacke. „Manche haben dann Lach-Smileys genutzt, was in der Facebook-Welt seit geraumer Zeit eine deutliche Symbolik der Kränkung oder des Auslachens hat“, erzählt Grewe.
Als ein Nutzer eine Wohnung anbot und „keine Tiere und keine Kinder“ als Vorgabe kommunizierte, sorgte das für einen Shitstorm. Der Mann löschte seinen Post wieder. Lopez und Grewe ließen ihn nicht im Regen stehen. „Wir kümmern uns um die Leute.“ Zum konkreten Fall sagen sie: „Es ist doch jedem selbst überlassen, wer als Mieter erwünscht ist. Es wird Gründe geben.“
„Die Bruddlerei ist ein echtes Problem“
In den vergangenen Monaten hätten sich aufgrund des verschärften Tons auch einige sonst aktive Mitglieder zurückgezogen. „Sie haben sich nicht mehr getraut, etwas zu schreiben“, berichtet „Sensi“ Lopez. „Diese Bruddlerei ist ein echtes Problem. Manche Leute warten nur darauf aus, etwas Negatives los zu werden.“ Der Moderator ist auch im engen Austausch mit einem Freund, Peter Sitzler von der Polizei Stuttgart, der ein Experte beim Thema „Hass im Netz“ ist. Moderatorin Grewe weist auch auf deutschlandweit Aktionen gegen „Hass im Netz“ hin. Unter anderem gibt es auch eine Initiative des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg.
Doch nicht nur öffentlich wird gepoltert, die Organisatoren mussten auch über private Nachrichten Attacken ertragen. „Das war schon hart an der Grenze zu einer Straftat. Wir haben es schon prüfen lassen.“ Aber wenn jemand schreibe, „Wir sehen uns noch“, dann könne man das so oder so auslegen. „Leider ist das für eine Strafanzeige zu wenig. Wir werden aber definitiv agieren. Wenn jemand Bockmist baut und man bedroht wird, dann werden wir das nicht dulden.“
Moderatoren ziehen Anfang September die Notbremse
Deswegen zogen die „Stadtgeflüster“-Macher Anfang August die Notbremse. Lopez: „Wir haben beide entschlossen: Wir machen die Pause. Lassen das alles mal sacken, kommen selbst mal zur Ruhe.“ Für viele Community-Mitglieder begann das große Zittern. „Wir haben viele Zuschriften erhalten. Menschen, die traurig waren. Die gesagt haben, mir fehlt was. Mir fehlt es, täglich im Stadtgeflüster rumzuscrollen. Und sie haben uns gesagt: ‘Lasst Euch nicht unterkriegen.‘ Das hat uns einen großen Motivationsschub gegeben, dass wir so wertgeschätzt werden.“

So schön ist Horb – die Facebook-Gruppe „Horber Stadtgeflüster“ ist zu einem „digitalen Marktplatz“ der Stadt geworden.
Foto: GreweDie große Erleichterung kam für die Fans des Stadtgeflüsters am 1. September: „Guten Morgen liebe Mitglieder der Stadtflüsterer. Wir haben uns den ganzen August über Zeit gelassen. Uns ausgetauscht, ob wir überhaupt das Geflüster wieder aufnehmen werden. Nach reiflicher Überlegung haben wir uns entschieden: Das Horber Stadtgeflüster kehrt nach 1-monatiger Sommerpause - jedoch mit einigen Änderungen - wieder zurück.“
Zum Comeback werden die Regeln erklärt
Lopez erklärt: „Wir werden solche Sachen nicht mehr so weit kommen lassen.“ Im Comeback-Post heißt es dazu: „Wir wollen eine nette Gruppe sein. Daher werden Beleidigungen, rassistische Äußerungen, und ‘unnettes‘ Verhalten hier nicht geduldet. Die Gruppe ist zudem keine Bruddlergruppe und auch keine Rumtrollgruppe.“
Und dann ebenfalls deutlich. „Beleidigende Kommentare, rassistische Äußerungen, Threads, Posts und Smileys, welche sich auf Kosten Dritter belustigen und diese lächerlich machen, gar verunglimpfen oder bedrohen, werden weder toleriert noch akzeptiert! Hater, Fake Accounts und Trolle werden ebenso nicht geduldet. Sollte so ein Verhalten auftreten bzw. Accounts bemerkt werden, bitten wir die Gruppenmitglieder, dies umgehend zu melden.“
Klare Kante: Das wollen die „Flüster-Chefs“ auch nicht sehen
Weitere Regeln für die Gruppe: unter anderem keine politischen Kommentare, keine Verwendung von Emojis als Zeichen für Häme, Beleidigung, Erniedrigung. Keine Posts über Verkaufs- Verschenken- oder Tauschangebote sowie keine Blitzer/Marvinmeldungen („Marvin“ heißt einer der mobilen Blitzer“).
Und wie liefen die ersten Tage? „Die Resonanz auf den ersten Post am 1. September nach der Sommerpause mit den neuen Gruppenregeln war sehr positiv. Wir haben so viele positive Kommentare erhalten, zudem auch eine sehr große Zustimmung und Akzeptanz der neuen Regeln von den Nutzern.“ Die ersten „Ausrutscher“ und auch die wenigen Diskussionen über manch neue Regeln konnten die beiden Moderatoren in den ersten Tagen sehr gut einfangen. „Was wirklich sehr positiv aufgefallen ist: Es wurde direkt viel gepostet. Als hätten die Nutzer nur in den Startlöchern gesessen und gewartet, dass es wieder los geht. Auch von Gruppenmitgliedern, die schon sehr lange nichts mehr geschrieben haben. Das hat uns sehr gefreut.“