Forstwirtschaft in Bierlingen
: Fichte und Tanne sind Verlierer des Klimawandels

Wie wirkt sich der Klimawandel auf die heimischen Wälder aus? Darüber sprach Stefan Ruge, von 1989 bis 2023 Professor an der Hochschule für Forstwirtschaft, im Bierlinger Bürgerhaus.
Von
Marzell Steinmetz
Oberndorf
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Stefan Ruge sprach über die Folgen des Klimawandels für den Wald.

Marzell Steinmetz

Rund 70 Interessierte kamen zu diesem Vortrag, den die Gemeinde Starzach zusammen mit der Bürgervertretung Starzach (BVS), den Grünen und der Freien Wählervereinigung (FWV) organisiert hatte.

Der Klimawandel war schon vor 50 Jahren ein Thema, nur ging es Ende der 1970er-Jahre mehr um den sauren Niederschlag, der den Wäldern zusetzte. Dass davon heute nicht mehr die Rede sein kann, hängt unter anderem damit zusammen, dass bei weitem nicht mehr soviel Braunkohle verfeuert wird wie zu DDR-Zeiten. Für Ruge ist dies eine Erfolgsstory, doch heute geht es dem Wald in Baden-Württemberg und im Landkreis Tübingen wieder schlecht.

255 Millionen Kubikmeter Schadholz

So seien in ganz Deutschland zwischen Oktober 2017 und März 2022 mehr als 500 000 Hektar – eine Fläche fast zweimal so groß wie das Saarland – abgestorben. In diesem Zeitraum fielen 255 Millionen Kubikmeter Schadholz an. Die Bäume litten extrem unter der Trockenheit, hinzu kamen die Borken- und Prachtkäfer als Sekundärschädlinge, außerdem stieg die Waldbrandgefahr.

Der schlechte Waldzustand sei bedingt durch den Klimawandel, der wiederum auf Treibhausgasemissionen, maßgeblich verursacht durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe, zurückzuführen sei. Die Folgen: Temperaturerhöhungen verringern den Baumzuwachs, Stürme nehmen zu, und es kommt zu Arealverschiebungen der Baumarten von tieferen in höhere beziehungsweise südlicheren in nördlichere Lagen.

Ruge hatte zuvor aufgezeigt, woher „unser Wald kommt“. Im 6./.7. Jahrhundert habe die Rodung eingesetzt, die Bestände gingen zurück. Im Mittelalter fand eine intensive Nutzung statt: Der Wald diente als Weide fürs Vieh. „Jeder Ast wurde in den Ofen geschoben“, veranschaulichte Ruge. Mit Eichenholz wurden Fachwerkhäuser und Schiffe gebaut.

Im 19. Jahrhundert begann die Aufforstung mit Nadelhölzern, überwiegend Fichte und Kiefer. Sie haben heute immer noch einen hohen Anteil an der Waldfläche. Nur werden mit zunehmender Klimaerwärmung diesen Nadelhölzern keine großen Überlebenschancen eingeräumt.

Für Starzach geeignet sind Rotbuche und Eiche

Fichte, auch die Tanne, sind die eindeutigen Verlierer des Klimawandels. Für Starzach geeignet sind Ruge zufolge Rotbuche und Eiche. Mit zunehmender Erwärmung werden auch sie es schwerer haben, sich zu halten. In tieferen Bereichen, so am Neckar, werden sie den Prognosen zufolge verschwinden.

Das Problem für die Förster ist, dass sie langfristig denken und planen müssen. Ruge: „Wenn wir heute einen Eichenmischwald begründen, rechnen wir mit einer Produktionszeit von 200 bis 300 Jahren.“ Doch niemand wisse, wie dann das Klima sei. In diesem Dilemma steckt der Förster, wenn er sich heute für Baumarten entscheidet, um den Wald für die Zukunft umzubauen.

Die Handlungsempfehlungen

Ruge gab einige Handlungsempfehlungen:
Dazu gehören ein naturnaher Waldbau, stabile Mischbestände mit standortgerechten Bäumen sowie Naturverjüngung. Er befürwortete den Anbau von „Gastbäumen“ aus anderen wärmeren Herkunftsländern, sofern sie nicht invasiv seien und die heimische Fauna und Flora schädigten. Wichtig sei aber eine früh einsetzende Durchforstung, damit die Bäume größere Kronen und Wurzeln ausbilden könnten. Das werde ihre Überlebenschancen verbessern.

Unbedingt notwendig
aber sei der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen. Ruge: „Wir müssen hin zu erneuerbaren Energien wie Sonne, Wind, Wasser, Geothermie und Bioenergie.“ Den CO2-Ausstoß könne man auch im privaten Umfeld verringern, etwa durch Photovoltaik, Stromspeicher, Dämmung oder den weitgehenden Verzicht auf Flugreisen und Kreuzfahrten.

Das Thema Windkraftanlagen
in Starzach ist während der Diskussion angesprochen worden. Blute ihm nicht das Herz, wenn Flächen für die Anlagen abgeholzt würden?, wollte ein Fragesteller wissen. Wenn man in den Starzacher Wald eingreife, sei es für das Trinkwasser bedenklich. Ruge sah das nicht so: Für ein Windrad würden 0,9 Hektar benötigt, die Hälfte davon werde wieder aufgeforstet. Der leidende Wald müsse selbst einen Beitrag dazu leisten, damit CO2 verringert werde. Ruge: „Es sind marginale Flächen. Wenn dann noch ein Ausgleich stattfindet, müssen Sie sich keine Sorgen um das Trinkwasser machen. Wenn wir wollen, dass unsere Enkel- und Urenkelkinder eine ähnliche Welt haben wie heute, geht es nicht ohne erneuerbare Energien.“ Deshalb sollten mehr Argumente dafür als dagegen gesucht werden. Ruge bekam für diese Aussage viel Beifall.

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