Landgericht Hechingen: Auftakt zu Mammutprozess – Opfer war tagelang in Gewalt der Täter

Prozessauftakt am Donnerstagmorgen im Landgericht Hechingen. Ein Großaufgebot an Sicherheitskräften war vor Ort.
RothSieben Angeklagte, der Großteil aus dem Kreis Tübingen, einer aus Bisingen, müssen sich seit Donnerstag unter anderem wegen erpresserischen Menschenraubs vor der ersten großen Strafkammer des Landgerichts Hechingen verantworten. Die jungen Erwachsenen und Jugendlichen wurden von Justizvollzugsbeamten mit Handschellen und Fußfesseln in den Großen Sitzungssaal geführt. Die Zuschauerreihen waren voll besetzt, als Volker Schwarz, Vizepräsident des Landgerichts, die Sitzung mit einer halben Stunde Verzögerung eröffnete.
Auf der Tagesordnung zum Prozessauftakt stand fürs Erste nur die Verlesung der Anklageschrift durch die Staatsanwältin.
3300 Euro gefordert
Der Schrecken für das zur Tatzeit 16-jährige Opfer aus Heiligenzimmern hatte Anfang dieses Jahres begonnen – ein genaues Datum ist nicht bekannt. Der Jugendliche soll von einigen Angeklagten mit dem Auto nach Mössingen gebracht und in einer Kellerwohnung festgehalten worden sein. Dort forderten sie von ihm 3300 Euro, Geld aus vorangegangen Drogengeschäften, das der 16-Jährige ihnen angeblich schuldete. Da er kein Geld auftreiben konnte, schlugen sie ihn laut Anklage – spätestens zu diesem Zeitpunkt habe er sich nicht mehr freiwillig in der Kellerwohnung aufgehalten.
Immerhin wurde er später freigelassen und nach Hause gebracht. Dort, so die Anklageschrift, habe er seine Probleme seine Familie offenbart. Diese soll anschließend 3100 Euro an die aggressiven Gläubiger gezahlt haben, wobei weibliche Geldabholerinnen zum Einsatz gekommen seien.
Misere setzt sich fort
Doch damit haben es nicht sein Bewenden gehabt. Am 11. April, einen Freitag, lockten die Angeklagten das Opfer laut Anklageschrift spätabends zum Hauptbahnhof in Reutlingen, nahmen ihm dort sein Handy ab und brachten es dann in ein Mössinger Hotel. Erneut seien Drogengeschäfte der Grund gewesen; diesmal seien 4000, später 4500 Euro, eingefordert worden, und wieder habe das Opfer nicht zahlen können. Daraufhin sollen es die Angeklagten abermals bedroht haben – unter anderem mit einem Messer mit einer mindestens zehn Zentimeter langen Klinge und einer Gaspistole. Schläge und Tritte seien ihm auch versetzt worden.
Festgehalten über Tage
Anders als die erste Entführung, so die Anklage, habe die zweite mehrere Tage gedauert: Bis in die Nacht zum Dienstag, 15. April, hätten die Angeklagten den 16-Jährigen festgehalten, und zwar in wechselnden Wohnungen, darunter einer in Bodelshausen. Immer wieder sei er malträtiert worden; beispielsweise sei er am Abend des 12. April auf einem Grillplatz in Bodelshausen gezwungen worden, eine mit Wodka gefüllte Red-Bull-Dose in einem Zug leer zu trinken.
Als Drahtzieher dieser Aktionen sieht sie Staatsanwaltschaft offensichtlich zwei Täter, einen 19-jährigen Ofterdinger und einen ebenfalls 19-jährigen Bisinger. Die anderen Angeklagten hätten deren Anweisungen befolgt; einem Teil von ihnen wird lediglich Beihilfe vorgeworfen.
Weitere Person entführt
Am Abend des Sonntagabends, 13. April, spitzte sich die Lage offenbar zu. Die Angeklagten hatten das geforderte Geld immer noch nicht bekommen; der Anklage zufolge zwangen sie ihr Opfer nun, per Textnachricht einen seiner Bekannten zu einer Bushaltestelle im Haigerlocher Stadtteil Stetten zu locken. Dort hätten sie dem zur Tatzeit 17-jährigen Haigerlocher aufgelauert, ihn mitgenommen und in ein Auto gesetzt, in dem sich auch der erste Entführte befand. Von ihrem zweiten Opfer hätten sie dann 5000 Euro verlangt – wieder ergebnislos – und ihre beiden Gefangenen anschließend in ein Bisinger Gewerbegebiet nach Bisingen gebracht, um sie dort erneut zu bedrohen und zu schlagen.
Nächste Station der Odyssee war ein Bisinger Waldstück, wo es dem 17-Jährigen schließlich gelang, in das nächste Wohngebiet zu entkommen und die Polizei zu verständigen. Der 16-Jährige blieb jedoch in der Gewalt der Angeklagten. Seine Entführer sollen kurzzeitig erwogen haben, ihn zu einem Wohnungseinbruch zu nötigen, um Geld zu beschaffen, doch dazu, so die Anklage, sei es nicht gekommen.In der Nacht zum Dienstag, 15. April, wurde das Opfer dann nach Hause – nach Heiligenzimmern – gebracht. Dort wartete bereits die Polizei und nahm die Angeklagten fest.
Getrenntes Verfahren für fünf weitere Beteiligte
Der Tatvorwurf betrifft noch fünf weitere Beteiligte, die sich allerdings nicht in Untersuchungshaft befinden und gegen die getrennt verhandelt werden soll. Doch auch mit „nur“ sieben Angeklagten wird der am Donnerstag gestartete Prozess vermutlich zum Verhandlungsmarathon – er soll bis Ende Februar 2026 dauern. Ein Verteidiger hat bereits sein Interesse an Gesprächen mit der Staatsanwaltschaft bekundet; ob es dazu kommt, bleibt abzuwarten. Der Prozess wird am Freitag, 7. November, um 9 Uhr fortgesetzt.
