Blutdruckmesser
: Wie Jungingen zu einem Zentrum der Medizintechnik wurde

Wissenschaftler Lorenz Enderlein hielt in Räumen der Firma Boso einen Vortrag zur Unternehmenshistorie und zugleich über die regionale Wirtschaftsgeschichte.
Von
Matthias Badura
Jungingen/Hohenzollern
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Lorenz Enderlein Vortrag bei Boso Jungingen Blutdruckmesser

LLorenz Enderlein stellte nach dem Vortrag im alten Boso-Fabrikgebäude die internationale Blutdruckmesser-Sammlung der Firma vor. Eigentlich Kunsthistoriker konnte er jedes Gerät detailreich in fesselnden Worten erklären. Links neben ihm Andreas Zekorn, Vorsitzender der Heimatkundlichen Vereinigung Zollernalb.

Matthias Badura
  • Vortrag in Jungingen: Dr. Lorenz Enderlein zeichnete die Boso-Historie und Regionalökonomie nach.
  • Hohenzollern verarmte nach den „Hungerjahren“ der 1840er, Preußen förderte Gewerbe über Kommissionsmaschinen.
  • Gebrüder Bosch gründeten 1853 einen Betrieb, später in Straßburg Ausbau mit Optik und Messtechnik, erste Blutdruckmesser ab 1898.
  • Nach dem Ersten Weltkrieg Rückkehr nach Jungingen – Fokus auf Medizintechnik, spätere Elektronik und Privatmarkt.
  • Heute entwickelt Boso in Jungingen mit rund 100 Mitarbeitenden, Hausgeräte produziert Vietnam.

Die Zusammenfassung wurde von einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt.

Ein Vortrag über die Entwicklung von Blutdruckmessgeräten in und ausgehend von Jungingen? Da fragt man sich, wen interessiert so etwas außer Spezialisten und Technik-Narren?

Dr. Lorenz Enderlein, Uni Tübingen, Kunsthistoriker, sprach über diese Entwicklung. Er breitete dabei weit über Technik und Mechanik medizinischer Instrumente die Wirtschafts- und Sozialgeschichte Hohenzollerns, aber natürlich insbesondere des Killertales aus; lebendig, spannend, teils verblüffend von der ersten bis zur allerletzten Minute.

Enderlein recherchiert im Auftrag der Firma Boso und ihres Geschäftsinhabers Kurt Rädle die Vergangenheit des Junginger Unternehmens. Sein Vortrag kam auf Einladung der Heimatkundlichen Vereinigung Zollernalb zustande.

Restlos verarmtes Land

Die Hohenzollerischen Lande, legte Enderlein dar, gingen aus den 1840er-„Hungerjahren“ restlos verarmt hervor – was dann mit zu den Aufständen von 1948 führte. Die Fürsten in Sigmaringen und Hechingen übergaben ihre Gebiete schließlich den mächtigen Vettern in Preußen. Deren Ministerialbürokratie mühte sich, das Gebiet wirtschaftlich auf Vordermann zu bringen. Das gelang auch aufgrund der Mithilfe jüdischer Geschäftsleute und Unternehmer aus Hechingen. Sie waren im Textilbereich als Berater vor Ort tätig. Daneben gab es etwa Bemühungen, das Gewerbe der Korbflechterei voranzutreiben. In Killer, so erfuhr man, wurde dafür ein Lehrbetrieb eingerichtet.

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Die Junginger Start-ups oder schon vorhandenen Betriebe, das belegte Enderlein anhand von Dokumenten, hätten gerne Taler vorgeschossen bekommen. Doch da machten die Preußen nicht mit. Die Regierung vergab Maschinen auf Kommission. Unternehmer, die es schafften, fünf Jahre lang damit Steuern zu erwirtschaften, durften diese Maschinen unentgeltlich behalten.

Zwei davon: die Gebrüder Bosch, die 1853 einen eigenen Betrieb gründeten. Die Firma kam auf dem Gebiet der Mechanik rasch zu Ansehen. Mutmaßlich stellte Bosch auch das Uhrwerk für die Turmuhr auf der Zollerburg her.

Wechsel: Straßburg avancierte nach dem gewonnenen deutsch-französischen Krieg 1918 zur Boomtown, zu einem nationalen Zentrum für Industrie und Gewerbe. Auch Junginger zog es dahin, darunter Franz-Josef Bosch, der eine eigene Werkstatt öffnete. 1889 stieß sein Cousin Albert Bosch zu ihm, ältester Sohn von Ludwig Bosch, Gebrüder Bosch. Sie gründeten ein gemeinsames Unternehmen, stellten Brillen, Waagen, Ferngläser her und arbeiteten eng mit der Universität Straßburg zusammen.

Der Betrieb vergrößerte sich, erhielt für seine Produkte – etwa auf dem Gebiet der Wetterbeobachtung und Seismografie – internationale Anerkennung. Die ersten Blutdruckmesser wurden jedoch ab 1898 zunächst nur als Einzelaufträge gefertigt.

Rückkehr in die Heimat

Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg warfen die französischen Sieger die Deutschen aus dem Elsass hinaus. Die in Straßburg befindlichen Junginger strömten in ihre Heimat zurück, wo sie nun ihrerseits einen Boom auslösten. Die schon vor 1914 eingesetzte, dann durch den Krieg beförderte Blutdruckmesserproduktion nahm weiteren Aufschwung. „Die gingen alle knallhart in die Medizintechnik“, formulierte es Enderlein.

Blutdruckmessgeräte Blutdruckmesser Boso boso

Nur ein Teil der umfangreichen Messgeräte-Sammlung: von archaisch bis hochmodern.

Matthias Badura

So entstanden zahlreiche Werkstätten, teils in Wohnstuben – die später zu weltweit tätigen Unternehmen aufstiegen. Albert Bosch besaß natürlich, obwohl er seine Maschinen hatte zurücklassen müssen, durch sein Know-how einen Vorteil. Möglicherweise hatte er das Fiasko der Kriegsniederlage und des Firmenverlusts auch vorausgesehen und vorgesorgt. In Jungingen nahm er dann Albert Speidel mit ins Boot.

Weiter ging es im Vortrag durch eine wechselnde Unternehmensgeschichte mit Fusionen (Bosch und Speidel, Bosch und Sohn), begleitet von rasch erfolgten Firmenneubauten. Unterbrochen wurde der Aufwärtstrend nur durch die nochmalige Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg. Wieder wurden alle Maschinen requiriert, das Unternehmen musste sich zeitweise auf die Herstellung von Feuerzeugen beschränken.

Das hielt die Firma letztlich nicht auf. Die Funktion der Blutdruckmesser wurde ständig verbessert, man darf sagen revolutioniert. In den 1960er-Jahren erfolgte die Ausrichtung auf Elektronik, wobei Bosch und Speidel da schon erkannt hatten, dass auch in privaten Haushalten eine hohe Nachfrage an Blutdruckmessern herrscht.

Private Nachfrage ungebrochen

Heute gehört Boso (GmbH & Co. KG) dem alleinigen Inhaber Kurt Rädle. Wie er am Schluss des Vortrags auf eine Frage hin anfügte, werden in Jungingen inzwischen von rund 100 Mitarbeitern weiterhin hochwertige Blutdruckmessgeräte entwickelt und hergestellt. Die Produktion von Geräten für den Hausgebrauch findet dagegen in Vietnam statt. Scheinbar läuft das Geschäft gut. Rädle sieht den Privatbedarf längst nicht erschöpft, ganz im Gegenteil.

Kurt Rädle Geschäftsinhaber von Boso boso Jungingen

Boso-Inhaber Kurt Rädle beantwortete Fragen zum aktuellen Geschäftsstand. Die Nachfrage ist ungebrochen.

Matthias Badura

Lorenz Enderlein führte das Publikum abschließend durch die umfangreiche, weiterhin im Aufbau befindliche Boso-Blutdruckmesser-Sammlung. Auch wenn der Technik-Laie nicht viel verstand, so kapierte er doch, was in der Entwicklung immer wieder Bahnbrechendes geleistet wurde. Zudem, wie Tüftler in verschiedenen Ländern auf ganz verschiedene Lösungen kamen. Absolut faszinierend!

Ein Anliegen von Andreas Zekorn

Am Ende stand der Wunsch Dr. Andreas Zekorns, Vorsitzender der Heimatkundlichen Vereinigung Zollernalb, Enderlein möge seine Recherchen für die „Heimatkundlichen Blätter“ seines Geschichtsvereins verfassen, damit man sie ausführlich nachlesen könne. Dem Wunsch kann man sich nur anschließen.

Repräsentative Dauerausstellung geplant

Die Blutdruckmesser-Sammlung war auf Tischen aufgebaut. Angedacht ist eine repräsentative Dauerausstellung, die Boso-Geschäftskunden, aber sich an Öffnungstagen auch der Öffentlichkeit zugänglich ist.