Angst in den USA
: Warum sich André Schwenk plötzlich nicht mehr sicher fühlte

Der 47-Jährige, der aus Rangendingen stammt, erlebte das Attentat 9/11 unmittelbar in den USA. Die Eindrücke beschäftigen ihn noch 25 Jahre später.
Von
SWP
Rangendingen
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André Schwenk in USA vor der Golden Gate Brige

André Schwenk erlebte dramatische Stunden und Tage in den USA. Die Ereignisse und die Atmosphäre des 11. September 2001 haben sich tief in sein Gedächtnis eingegraben. Trotzdem besucht er das Land immer wieder.

Privat
  • André Schwenk schildert seine 9/11-Erlebnisse und wie sie ihn bis heute beschäftigen.
  • Er flog am 9. September ab Newark, sah die Twin Towers und war am 11. September in Schulung.
  • Nach den Anschlägen erlebte er Schock, militärische Präsenz und fühlte sich als Ausländer unsicher.
  • Er suchte Schutz bei seiner Gastfamilie in Pennsylvania und hielt Kontakt nach Deutschland.
  • Später besuchte er Ground Zero – er plädiert für Brücken statt Mauern in der Weltpolitik.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

André Schwenk, aufgewachsen in Rangendingen (Zollernalbkreis), hielt sich im September 2001 in den USA auf. Im Rahmen seines Studiums absolvierte er damals ein Praktikum beim Medizinkonzern Johnson & Johnson in New Jersey – etwa eine Stunde von Downtown Manhattan entfernt. Am 9. September nahm er einen Flug zu einem Produkttraining nach Rochester. Abflughafen war der Newark Airport, direkt gegenüber von Manhattan. Dieser Tag und die Erfahrungen in den Stunden nach dem Attentat vom 11. September haben sich, wie er sagt, „für immer in mein Gedächtnis eingeprägt“. Sie beschäftigen ihn bis heute. Wir geben seine Erlebnisse, die er unserer Redaktion anlässlich des Jahrestages von 9/11 in einem Bericht zukommen ließ, hier wieder:

„Ich bekomme jedes Mal Gänsehaut, wenn ich diesen Moment schildere: Ich blickte beim Abflug vom Newark Airport fasziniert wie ein kleines Kind aus dem Fenster auf die Türme des World Trade Centers, auf denen ich mehrmals war. In diesem Moment konnte ich mir niemals vorstellen, was ich nur zwei Tage später, live im Fernsehen mit eigenen Augen sehen sollte.“

Am 2. Tag seiner Schulung, am schicksalshaften 11. September, sei in einer Kaffeepause, völlig aufgelöst, eine andere Teilnehmerin ins Zimmer hereingestürzt und habe aufgeregt mitgeteilt, es sei soeben ein Flugzeug  ins World Trade Center geflogen.

„Wir sind alle in den Pausenraum gegangen und starrten völlig schockiert in den Fernseher, der in üblicher US-Manier alles live berichtete. Mehrere Helikopter schwirrten bereits über New York. Mit bangem Blick beobachteten wir die Zwillingstürme, mit dem einen brennenden Turm. Die Kollegen, die teilweise aus der ganzen USA stammten, telefonierten mit Familienangehörigen. Daran dachte ich in diesem Moment nicht unbedingt – ich fühlte mich eigentlich sicher“, erinnert sich André Schwenk.

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Sein gebannter Blick habe den Türmen im Fernsehen gegolten – bis 17 Minuten nach dem ersten Flugzeug ein zweites in den anderen Turm krachte. „Ich konnte es nicht fassen, was ich da sah. Absoluter Schock! Außer ‚Oh my God‘ (Oh mein Gott) hörte man nicht viel und es war ruhig im Raum. Pures Entsetzen. Wenn sich für den Menschen zuvor unvorstellbare Dinge ereignen, benötigt man ein wenig Zeit, bis man die Realität versteht“, meint der inzwischen 47-Jährige rückblickend. „Für immer eingebrannt bleiben mir die leidvollen Bilder der um Hilfe winkenden Leute und der Sprünge in den Tod wegen des bedrohlichen Feuers. Zuletzt der Kollaps des einen und danach des anderen Turms. Eine schreckliche Katastrophe. Trümmer. Schutt. Asche. Und das in unserer ‚modernen, sicheren‘ Welt.“

Er fügt hinzu: „Mich beschäftigt das heute noch sehr, da in den letzten 25 Jahren viele Gebäude in vielen armen Ländern aus Menschenhand zu Trümmerhaufen wurden. Doch das beschäftigt dieselbe ‚moderne Welt‘ nicht so sehr, wie damals die Twin Towers. Bedenklich.“

Militär überall – Start des 3. Weltkriegs?

Die schwierigen Tage sollten für den Rangendinger, der jetzt in Stuttgart lebt, jedoch nach diesem Schock erst beginnen. „Inlandsflüge gingen keine mehr. Die Trainerin fuhr mit mir im Auto zurück zur Firmenzentrale in New Jersey.“ Auch diese Bilder werde er nie vergessen, wie er sie – „als ‚glückliche Nachkriegsgeneration‘ im Frieden aufgewachsen“ – nun zu sehen bekam: „Fast ausschließlich schweres militärisches Gerät rollte auf dem Highway Richtung New York: Panzer. Flugabwehr. Militär-Lkws. Und der ‚Wahnsinnige‘ im Weißen Haus (damals US-Präsident George W. Bush Jr. – unvorstellbar was mit Trump danach kam!) saß am roten Knopf.“ Erst langsam habe er realisiert, dass er sich „als Ausländer und weit weg von meinen Liebsten, meiner Familie in Deutschland im beschaulichen Zollernalbkreis, mich nicht mehr unbedingt sicher fühlen konnte.“

Der 47-Jährige bekennt: „Ich hatte das erste Mal Angst um mein Leben. War dies der Start des 3. Weltkriegs? Und ich als Deutscher mittendrin? An den ersten beiden Tagen kam ich telefonisch nicht nach Deutschland durch. Es gab damals jedoch schon E‑Mails – also schrieb ich meiner Familie meine Ängste und Sorgen.“

André Schwenk mit seinem jüngeren Bruder seiner Mutter auf dem ESB

André Schwenk mit seinem jüngeren Bruder Bernd und seiner Mutter Edeltraud auf dem Empire State Building in New York. Das Foto entstand 1992. Im Hintergrund sind die Twin Towers zu erkennen.

Privat

„Spinnst Du? Bleib, wo Du bist!“

„Da sich die Lage an der Ostküste rund um Washington und New York zuspitzte (mir war spontan die Wohnung gekündigt worden), fiel mir in meiner Verzweiflung ein, dass ich mich einfach ins Auto setze und zu meinem jüngeren Bruder Bernd nach Denver, Colorado, fahre, der dort gerade sein Highschool-Jahr verbrachte. Als ich mit ihm am Telefon sprach, entgegnete er relativ trocken: ‚Spinnst Du? Was willst Du hier? Bleib, wo Du bist. Hier in der Nähe sind die Air Force Academy und weitere potenzielle militärische Ziele wie ein Atomwaffenlager.‘“

Ausländer werden kontrolliert

„Soviel dazu … Ich verwarf diesen Plan, hatte aber weiterhin dieses Bedürfnis nach Sicherheit, Fürsorge, einfach eine Umarmung zu spüren. Also plante ich, zu meiner  Gastfamilie nach Pennsylvania zu fahren, bei der ich als Schüler ein Jahr verbracht hatte  – knapp zwei Autostunden von New York entfernt. Auf dem Weg dorthin legte ich einen Stopp an einem offensichtlich falschen Ort ein und geriet in eine unangenehme Situation, weil ich Ausländer war. Zum Schusswaffengebrauch kam es nicht und die Polizei, die mich mit Händen auf dem Autodach kontrollierte, stellte fest, dass mit meinen Papieren als harmloser deutscher Praktikant alles okay ist. Als ich endlich meine Gastmutter spät abends kurz vor Mitternacht in Pennsylvania in die Arme schließen konnte, fühlte ich mich geborgen und es fielen etliche Sorgen von mir ab.“

Endlich eine Verbindung nach Deutschland

Wie der Zeitzeuge weiter berichtet, klappte es endlich auch mit der Telefonverbindung nach Deutschland. „In zahlreichen Gesprächen zu allen Tages- und Nachtzeiten mit meinen Eltern, meinen Geschwistern und meinem Schwager aus Jungingen wurden die Ereignisse und die schrecklichen Momente nachbesprochen und versucht, sie zu verdauen.“

Brücken statt Mauern bauen

Ein Jahr später kehrte André Schwenk zur selben Firma zurück und besuchte auch Ground Zero in New York, um der Opfer zu gedenken. Traurig und nachdenklich sei er zugleich, wenn er heute, 25 Jahre später, die Entwicklung der Weltpolitik und der USA betrachte. „Brücken zu bauen und Menschen zu verbinden, anstatt sie abzubrechen oder gar Mauern zu bauen, um Menschen zu trennen – das wünsche ich mir auch als Kind der deutschen Einheit in diesen Tagen umso mehr.“