In der Tötungsanstalt umgebracht: Tragische Familiengeschichte in Freudenstadt ans Licht gebracht

Bei der offiziellen Einweihung der Informationstafel (von links): Florian Flick, Friedhelm Flick, Elisabeth Hardtke, Christiane Braun und Bürgermeister Wolfgang Fahrner.
Fahrner- Neue Infotafel an der B28 erinnert an Siedlung Langenhardt und eine Familiengeschichte.
- Hintergrund: Hugo Klaissle wurde am 27. September 1940 im Zuge der „Aktion T4“ ermordet.
- Friedhelm Flick stieß die Recherchen an – Stadt- und Kreisarchiv sowie Grafeneck klärten Fälle.
- 2023 entstand ein Mahnmal für die Opfer, die Tafel wurde nun offiziell eingeweiht.
- Bürgermeister Fahrner betont die Bedeutung von Erinnerung und Sichtbarmachung der Geschichte.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Am Parkplatz Langenhardt der B28 zwischen Freudenstadt und Kniebis steht jetzt eine Informationstafel, die an eine ehemalige Siedlung und auf eine tragische Familiengeschichte hinweist. Das schreibt die Stadt in einer Pressemitteilung.
Vertreter der Stadt Freudenstadt und der Familie Flick trafen sich auf dem Parkplatz, um die Tafel offiziell einzuweihen. Mit dabei waren Bürgermeister Wolfgang Fahrner, Christiane und Volker Braun vom Kloster- und Heimatgeschichtsverein Kniebis, Elisabeth Hardtke, Leiterin des Stadtarchivs Freudenstadt, sowie Friedhelm Flick und sein Sohn Florian Flick. Friedhelm Flick war es auch, der die Recherchen über die schicksalhaften Ereignisse in seiner Familie angestoßen hatte und damit viel mehr erreichte, als er sich laut Stadt ursprünglich erhofft hatte.
Streit um die Wasserversorgung
Die Parzelle Langenhardt geht auf die Köhlerfamilie Christian Wein zurück, die sich 1772 dort niederließ, etwa einen Kilometer vom Ortskern von Kniebis entfernt. Die Nachfahren von Anastasia Claissle wohnten bis 1963 am Langenhardt. Die Familie Klaissle, so der Name in seiner heutigen Schreibweise, lebte von der Landwirtschaft und war im Nebenerwerb auch als Fuhrleute und Holzhauer tätig. Mit der Stadt Freudenstadt gab es ab 1940 Streit um die Wasserversorgung und die Bewirtschaftung. Das Stammhaus wurde 1943/1944 gegen den Willen der Anwohner abgebrochen. Die letzten Bewohner mussten 1963 die Siedlung verlassen, und die letzten beiden Häuser wurden ebenfalls abgerissen.
Das Datum für die offizielle Einweihung der Tafel war bewusst gewählt. Denn am 27. September 1940 wurde Hugo Klaissle wegen seiner geistigen Behinderung in der Tötungsanstalt auf dem Schlossgelände Grafeneck bei Reutlingen im Zuge der „Aktion T4“ umgebracht. Auch er hatte im Langenhardt gewohnt, bevor er in der Landesfürsorgeanstalt Reutlingen-Rappertshofen untergebracht wurde. Von dort wurde er mit einem der grauen Busse abgeholt und noch am selben Tag ermordet.
Mantel des Schweigens liegt über seinem Schicksal
Über sein Schicksal war rund 80 Jahre lang ein Mantel des Schweigens gelegt worden, ehe Friedhelm Flick den Anstoß dafür gab, dieses dunkle Kapitel der eigenen Familiengeschichte aufzuarbeiten. Als Kind hatte er gehört, dass sein Großvater noch einen Bruder hatte. Was mit jenem Hugo Klaissle geschehen war, erfuhr er 2008 ansatzweise bei einem Kaffeenachmittag, als seine Mutter erwähnte, dass der Bruder des Opas „abgeholt und getötet“ worden sei.
Daraufhin begann Flick mit der Recherche. In Zusammenarbeit von Stadt- und Kreisarchiv sowie der Gedenkstätte Grafeneck gelang es nicht nur, das Schicksal von Hugo Klaissle aufzuklären, sondern auch das von zahlreichen weiteren Menschen aus dem Kreis Freudenstadt, die in der Nazizeit während des „Euthanasieprogramms“ von Ärzten und Pflegekräften systematisch ermordet worden waren.
Informationstafel über die Siedlung Langenhardt
2023 war am Langenhardt ein Mahnmal zum Gedenken Hugo Klaissles in einer Feier für alle Opfer der „Aktion T4“ enthüllt worden. Die Informationstafel über die Siedlung Langenhardt komplettiert diesen Teil der Kniebiser Ortsgeschichte, so die Stadt. Friedhelm Flick finanzierte die Tafel aus eigenen Mitteln. Der Text entstand mit Unterstützung von Kreisarchivarin Ruth Dörschel und Stadtarchivarin Elisabeth Hardtke. Grundlage bildeten die Recherchen von Wolfgang Hug vom Kloster- und Heimatgeschichtsverein Kniebis.
Die Einweihung der Gedenktafel sei auch für Bürgermeister Wolfgang Fahrner ein bewegender Moment gewesen: „Der Gedenkstein und die Informationstafel sind mehr als nur Zeichen am Wegesrand. Sie laden dazu ein, innezuhalten, sich zu erinnern und sich mit der Geschichte dieses Ortes auseinanderzusetzen. Sie machen sichtbar, was verschwunden ist. Sie geben den Menschen, die hier gelebt haben, einen Platz in unserer Erinnerung. Und sie zeigen zugleich, wie wichtig es ist, Geschichte zu bewahren, auch wenn sie unbequem oder schmerzhaft ist.“
Weitere Informationen unter www.freudenstadt.de/parzellelangenhardt

