Freudenstadt: Pilzdiebe wildern im Schwarzwald

217 Kisten voller Pilze wurden von einer Spaziergängerin in Alpirsbach am Waldrand entdeckt.
KorneffelFreudenstadt - Drei Fälle von Pilzdiebstahl im großen Stil wurden diesen Herbst schon im Bereich Freudenstadt aufgedeckt. Förster Bernd Leix war in Alpirsbach bei der Entdeckung des größten Coups dabei. Er hat 24 Jahre Erfahrung, doch so dreistes Vorgehen ist ihm neu.
Mit Pilzen lässt sich viel Geld machen – vor allem dann, wenn man sie kostenlos im Wald sammelt und dann teuer verkauft. In Alpirsbach, Loßburg und Freudenstadt wurden diesen Herbst bereits gewerbliche Pilzsammler entdeckt. In großen Mengen holten sie Pilze aus dem Wald, vermutlich um sie zu verkaufen. Dabei ist es verboten, über den Eigenbedarf hinaus zu sammeln. Trotzdem gibt es plötzlich etliche solcher Diebstähle im Nordschwarzwald, auch im Kreis Freudenstadt.
Der Sprecher der Polizeidirektion Freudenstadt, Walter Kocheise, sagt, er habe noch nie von solchen Fällen in Freudenstadt mitbekommen. Auch der Alpirsbacher Förster Bernd Leix, der seit 24 Jahren hier im Schwarzwald arbeitet, sagt: "Das ist was Neues, ich hatte von solchen Diebstählen zuvor nicht gehört."
Keine Straftat, sondern Ordnungswidrigkeit
Kürzlich hat er einen Fall unmittelbar miterlebt. Sonntagnachmittag vor drei Wochen: Bei Förster Bernd Leix klingelt das Telefon. Eine Spaziergängerin, die er oft im Wald trifft, ruft ihn an: Unglaublich viele Kisten voller Pilze stünden am Alpirsbacher Waldrand. "Sonntagnachmittag hin oder her", sagt sich Bernd Leix, und fährt los. Als Förster hat er im Wald Polizeifunktion. Als er ankommt, stehen sieben Leute um die Kisten herum. Keiner spricht Deutsch. Ob sie eine Genehmigung für gewerbliches Sammeln haben, war nicht herauszufinden. Leix ruft die Polizei, wie er im Nachhinein erzählt.
"Polizei. Das hatten sie wohl verstanden, denn plötzlich haben sechs Personen die Flucht ergriffen", sagt er. Der einzig verbleibende wurde von einer Polzeistreife, die zur Fundstelle kam, befragt. Weil es sich nicht um eine Straftat, sondern eine Ordnungswidrigkeit handelt, musste die Gemeinde entscheiden, was zu tun ist. Die Pilze, 217 Kisten voller Reizker, wurden von Bauhofmitarbeitern zunächst beschlagnahmt. Nach Angaben der Polizei verzichtete Bürgermeister Reiner Ullrich jedoch auf eine Ordnungswidrigkeits-Anzeige, und gab die Pilze letztlich wieder an die "Sammler" zurück. Per Fax war eine Erklärung ins Rathaus geflattert, wonach die Pilze gekauft worden seien und nur am Waldrand lagerten, weil das Kühlauto kaputt gegangen war, bestätigt der stellvertretende Bürgermeister Holger Korneffel. Inwieweit diese von den Sammlern vorgetragene Version der Geschichte stimmt, lässt sich wohl kaum überprüfen.
In allen Fällen kamen Sammler aus Rumänien
Weitere Pilzdiebstahl-Fälle haben sich am selben Sonntag in Loßburg und nur einen Tag später in Freudenstadt abgespielt. In allen Fällen handelte es sich um rumänische Sammler. Ob ein Zusammenhang zwischen den Fällen besteht, kann Polizeisprecher Kocheise nicht sagen.
In Freudenstadt waren die Sammler ebenfalls von einem Förster beobachtet worden, wie sie ihren Kofferraum mit etlichen Kisten füllten. In Loßburg flogen die zwei rumänischen Sammler ebenfalls auf, als sie acht Kisten voller Pilze in ihr Fahrzeug mit spanischem Kennzeichen luden, wo die Personen laut Polizei leben. In beiden Fällen ließ die Polizei den Sammlern eine Kiste zum Eigenbedarf. Der Rest wurde beschlagnahmt und vernichtet. Den Sammlern drohe ein Bußgeld von bis zu 7500 Euro heißt es aus dem Landratsamt, das aber praktisch nicht vollstreckt werden könne. "Ausländische Mitbürger sind schwer zu fassen", sagt Martin Steudinger, Leiter des Umweltamts im Kreis Freudenstadt. Er habe mit der Polizei die Vereinbarung getroffen, bei künftigen Fällen Bargeld von den Ertappten als Sicherheitsleistung zu fordern – pro Kiste mit Reizker-Pilzen zehn Euro, bei den teureren Steinpilzen deutlich mehr.
Laut Steudinger gleichen sich die Fälle in diesem einen Punkt: "Die haben alle den Edel-Reizker gesammelt. Unsere Recherche hat ergeben, dass der in Spanien als Delikatesse gilt." In Osteuropa und Russland wird er offenbar auch verwendet, in Deutschland hingegen kaum. Dabei wachse er hier massenhaft, sagt Förster Leix. Die Pilzdiebe haben seiner Einschätzung nach keine bleibenden Schäden angerichtet. "Das Pilzgeflecht ist ja im Boden drin, die Nutzung der Früchte gefährdet den Bestand nicht."
Dass die Polizei des Waldes auch am Wochenende reagieren kann, hatten die Pilzdiebe vermutlich nicht einkalkuliert. Leix hat nämlich ein gutes Informantennetz, zu dem auch die Spaziergängerin gehört, die ihn nach ihrer Beobachtung angerufen hat. "Ich kenne viele Leute, die im Wald unterwegs sind", sagt er. "Die sind meine Zusatzaugen."
Für den Eigenbedarf
Pilze, die nicht unter besonderem Schutz stehen, dürfen für den eigenen Bedarf gesammelt werden. Laut Umweltamtsleiter Martin Steudinger entspricht das etwa einem Kilo pro Tag und Person. Folgende Pilzarten stehen unter besonderem Schutz, dürfen aber trotzdem gesammelt werden: Steinpilz, Pfifferling, Schweinsohr, Brätling, Birkenpilz, Rotkappe, Morchel.
Gewerbliches Sammeln
Mit einer Erlaubnis des Umweltamts des Landkreises ist das gewerbliche Pilzsammeln erlaubt. Wenn der Bestand eines Pilzes am Sammelort nicht gefährdet ist, kann der Antrag auf "pflegliche Entnahme" durchgewunken werden. In diesem Jahr wurde laut Umweltamt aber kein solcher Antrag gestellt.