Rallyetag aus der Beifahrerperspektive: Ein kleiner roter Bulli auf großer Schwarzwaldfahrt bei der Baiersbronn Classic

Volontärin Saskia Hug und Fahrer Felix Bühner bestritten gemeinsam den ersten Tag der Schwarzwaldrallye.
Anna-Sophie Zepf- Rallye-Erlebnis im VW T2A: 106 Kilometer durch den Schwarzwald ohne Navi, nur mit Roadbook.
- Ziel der Baiersbronn Classic: Präzision statt Tempo – mechanische Uhren und klare Zeiten.
- Vier Wertungsprüfungen und zwei Durchfahrtskontrollen, insgesamt 174 Minuten Zeit.
- Prüfungen fordern Gleichmäßigkeit, etwa 76 Meter in zehn Sekunden oder 200 Meter in 23 Sekunden.
- Stimmung an der Strecke: viele Zuschauer, Kinder mit Autogrammwünschen und eine Genusskontrolle.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Der kleine rote Bulli VW T2A, Baujahr 1970, leuchtet in der Sonne. Die Startnummer 114 ist aufgeklebt. Der Motor läuft, die Scheiben sind geputzt – wir sind bereit. Nur noch wenige Augenblicke, dann geht es los.
Vor uns liegen 106 Kilometer durch den Schwarzwald. Am Straßenrand stehen begeisterte Zuschauer, die auf unseren Start warten.
Ich sitze auf dem Beifahrersitz neben Felix Bühner und halte ein kleines Büchlein in den Händen. Darin: Bilder, Pfeile und Hinweise zur Strecke. Denn ein Navigationssystem gibt es nicht. Auch das Handy bleibt in der Tasche.
Meine Aufgabe ist es, den richtigen Weg zu finden, Fahrer Felix rechtzeitig zu sagen, wo es langgeht, und ihn bei den Wertungsprüfungen zu unterstützen.
Wir starten bei der dreitägigen Baiersbronn Classic – der Schwarzwaldrallye für Genießer. Am ersten Tag ist der Prolog „Rund um Baiersbronn“. Bereits wenige Meter nach dem Start wartet die erste Überraschung: eine Grundschule.
Die Kinder stehen dicht gedrängt am Zaun, winken, jubeln und halten Stifte und das Rennmagazin für Autogramme bereit. Die historischen Fahrzeuge ziehen an ihnen vorbei, und für einen Moment fühlt es sich weniger nach Rallye und mehr nach einer kleinen Parade an.
„Mir gefällt die Begeisterung der Zuschauer“
Auch Erwachsene stehen am Straßenrand. Manche winken mit Fähnchen, andere halten ihre Handys oder Kameras hoch. An Hängen und auf Hügeln haben sich Fotografen mit teils langen Objektiven postiert. Sie warten auf den perfekten Moment, wenn die alten Autos um die nächste Kurve kommen.
Solch eine Ansammlung an besonderen Wagen bekommt man nur selten zu sehen. Die Teilnehmer sind mit historischen Automobilen unterschiedlichster Baujahre unterwegs. Genau diese Mischung macht für Felix Bühner einen Teil des Reizes aus.
„Mir gefällt die Atmosphäre, die Begeisterung der Zuschauer, die bunte Mischung der Fahrzeuge und die wunderschöne Strecke durch den Schwarzwald mit solch einem alten Fahrzeug zu erleben und zu erkunden“, sagt er.
Das kann ich nach den ersten Kilometern gut nachvollziehen. Unsere Route führt über Klosterreichenbach ins Glatttal, entlang der Nagoldtalsperre nach Erzgrube und weiter über die Seewälder Hochfläche bei Besenfeld nach Schwarzenberg.
174 Minuten haben wir für die 106 Kilometer. Das klingt zunächst nach reichlich Zeit. Doch wir müssen nicht einfach nur von A nach B kommen. Auf der Strecke warten vier Wertungsprüfungen und zwei Durchfahrtskontrollen.
Und bei den Wertungsprüfungen wird es kompliziert. Denn die Schwarzwaldrallye ist keine Geschwindigkeitsrallye. Hier gewinnt nicht, wer am schnellsten fährt. Es geht um Gleichmäßigkeit, Zuverlässigkeit und Präzision. Vorgegebene Strecken müssen in exakt festgelegten Zeiten absolviert werden. Jede Hundertstelsekunde Abweichung bringt Strafpunkte.
Moderne Technik ist dabei tabu. Kein Handy als Stoppuhr, kein Navigationsgerät. Im Cockpit sind zur Zeitmessung ausschließlich mechanische Uhren erlaubt. Schon bei der ersten Prüfung wird deutlich, wie genau es werden muss: 76 Meter in zehn Sekunden.
Wir haben gerechnet. Durchschnittlich müssen wir dafür 25,2 Kilometer pro Stunde fahren. Das klingt einfach – bis man tatsächlich versucht, es exakt hinzubekommen. Ich schaue auf die Strecke. Dann auf die Uhr. Dann wieder auf die Strecke. 76 Meter können plötzlich ziemlich lang sein.
Die Wertungsprüfungen sind herausfordernd
Kaum ist diese Aufgabe geschafft, wartet schon die nächste: 200 Meter in 23 Sekunden. 31,3 Kilometer pro Stunde, hat mein Fahrer ausgerechnet. Unsere Blicke wandern zwischen Straße, Uhr und den Orientierungshinweisen hin und her. Wir versuchen, möglichst gleichmäßig zu fahren.
Der Bulli hat allerdings seine eigene Vorstellung davon, was „gleichmäßig“ bedeutet. Es scheppert irgendwo am Bremspedal. Felix überlegt, ob er weiter Gas geben oder besser vom Pedal gehen soll. Ich schaue konzentriert auf meine Stoppuhr.
Die uns gestellte Aufgabe ist herausfordernd. Wie gut wir sie gemeistert haben, werden wir erst später erfahren. Der Tacho unseres Bullis reicht bis 140. Viel mehr als 120 dürfte der kleine Rote wohl ohnehin nicht schaffen. Aber Geschwindigkeit ist ja sowieso nicht das Ziel.
Die Strecke führt durch Wälder, vorbei an Wiesen und Höfen. Die Straßen sind kurvig und teilweise ziemlich holprig. In den Kurven werde ich von einer Seite zur anderen geschoben.
Man spürt jede Bodenwelle. Esel stehen am Straßenrand, Pferde schauen neugierig herüber, irgendwo laufen Hühner und Ziegen herum, auf den Weiden grasen Schafe. Der Schwarzwald zeigt sich an diesem Tag von seiner freundlichen Seite.
Nachdem die Rallye in den vergangenen Jahren immer wieder mit schlechtem Wetter zu kämpfen hatte, meinte es der Schwarzwald dieses Mal gut mit den Teilnehmern. Auch die Zuschauer genießen das. Wir fühlen uns wie zeitweise wie Prominente und winken und lächeln den Kindern und Erwachsenen zu.
Dann wird es wieder ernst: Die nächste Wertungsprüfung nähert sich. Wir sollten 1233 Meter in genau 18,50 Minuten zurücklegen. Das Ende der Strecke liegt hinter einer Kurve – wir wissen also nicht, wie viel noch vor uns liegt.
Was also sollen wir tun? Anhalten und kurz warten? Langsam weiterfahren? Wir entscheiden uns dazu, einige Sekunden anzuhalten. Eine kleine Ewigkeit, wenn man gleichzeitig weiß, dass es auf Hundertstelsekunden ankommt. Aber damit ist die Prüfung noch nicht zu Ende.
Nun müssen wir 50 Meter in acht Sekunden bewältigen. Aus dem fahrenden Auto heraus soll ich auf einen Buzzer drücken. Eine ehrenamtliche Helferin steht mit einem Start- und Stoppschild bereit. Kameras, Messgeräte und weitere Technik sind aufgebaut. Und wir mittendrin. Wir fahren los, Felix gibt Gas und bremst dann wieder ab.
Es geht um Team-Work
Ob es geklappt hat? Das wissen wir noch nicht. Solche Momente sind es, die den Reiz dieser Rallye ausmachen. Es geht nicht darum, möglichst schnell zu fahren. Es geht darum, gemeinsam die richtigen Entscheidungen zu treffen
Zwischendurch bleibt Zeit zum Durchatmen. In Pfalzgrafenweiler holen wir uns einen Stempel ab. Es gibt leckeren Kuchen, viele Menschen stehen dort und begrüßen die vorbeikommenden Fahrzeuge. Die Stimmung ist ausgelassen. Die Rallye scheint für viele entlang der Strecke genauso ein Erlebnis zu sein wie für die Teilnehmer selbst.
Ein bisschen später wird es sogar noch exklusiver. In Schwarzenberg wartet die kulinarische Durchfahrtskontrolle im Sackmann Genusshotel. Sternekoch Jörg Sackmann und sein Team haben eine kleine Stärkung vorbereitet.
Bei diesen Kontrollen geht es ausnahmsweise nicht um die perfekte Zeit. Hier zählt der Genuss. Und der kommt bei einer solchen Fahrt gerade recht. Denn kaum sitzen wir wieder im Bulli, warten schon die nächsten Kurven.
Unterwegs sehen wir ein Fahrzeug mit einer Panne. Der Motor raucht. Unser Bulli fährt weiter. Zumindest meistens so, wie er soll. Der Bremse kann man beim Scheppern zuhören. Die Hupe hat ihre guten und schlechten Momente.
Die Federung lässt uns jede Unebenheit kennenlernen. Aber genau das gehört dazu. Denn während moderne Autos die Straße beinahe vergessen lassen, spürt man im Bulli jeden Meter. Jede Kurve. Jeden Huckel. Jede Beschleunigung. Man sitzt nicht einfach in einem Auto. Man erlebt die Straße.
Und während Felix fährt, muss ich durchgehend aufpassen. Wo kommt die nächste Abzweigung? Welches Bild im Büchlein passt zu dem, was gerade vor uns liegt? Sind wir richtig?
Was mir an diesem Tag immer deutlicher wird: Die Rallye ist kein Kampf gegen die anderen Fahrer. Jedenfalls nicht im klassischen Sinne. Denn irgendwann höre ich auf, darüber nachzudenken, ob wir gerade eine Hundertstelsekunde zu früh oder zu spät sind.
Ich schaue aus dem Fenster: Wald, Wiesen, Kurven. Menschen am Straßenrand, Kinder, die winken. Fotografen, die auf ihren Moment warten. Und neben mir ein Fahrer, der versucht, einen alten roten Bulli möglichst genau durch den Schwarzwald zu bringen.
106 Kilometer liegen hinter uns
Als wir schließlich wieder Richtung Baiersbronn fahren, fühlt sich die Strecke gleichzeitig lang und viel zu kurz an. 106 Kilometer liegen hinter uns. Vier Wertungsprüfungen und zwei Durchfahrtskontrollen. 174 Minuten Zeit – und jede Menge Erlebnisse.
Vor allem aber bleibt das Gefühl, einen Schwarzwald erlebt zu haben, den man aus dem eigenen Auto so wahrscheinlich nicht kennenlernen würde. Eine Rallye, bei der nicht der Schnellste gewinnt. Eine Rallye, bei der mechanische Uhren wichtiger sind als digitale Technik. Eine Rallye, bei der ein kleines Büchlein auf dem Beifahrersitz plötzlich über den richtigen Weg entscheidet. Und eine Rallye, bei der selbst eine eigensinnige Hupe niemanden davon abhält, den Menschen am Straßenrand zuzuwinken.
Ich steige aus dem roten Bulli und denke: Schön war’s. Wir waren ein gutes Team.


