Kunst-Forum Baar: Künstlergespräch mit Sergej Alöchin in Donaueschingen

Der Künstler Sergej Alöchin mit seinem Spitzenobjekt „Finish“ im Kreuzgewölbe des historischen Quellhöfles. Er steht bei einem Künstlergespräch Rede und Antwort.
Stefan SimonDeutschland ist auffallend streng und flach geordnet. Dagegen erscheint in direkter Nachbarschaft Frankreich fröhlich bewegt – typisch „savoire vivre“ eben. Und was halten die Eidgenossen dieser Lebenskunst entgegen?
Die Schweiz verhält sich mit vielen Höhen und Tiefen und mit einigen markant gesetzten Schlagschatten eher ambivalent und unbestimmt in dem bunten Reigen der Nationalflaggen. Willkommen in der vielfältigen Welt der Flaggen, willkommen in der souveränen Kunstwelt von Sergej Alöchin.
In der Bilder-Rahmen-Manufaktur Stefan Baur stand der Villinger Künstler nun im Rahmen der neu initiierten Kunstgespräche „Kunst-Forum Baar“ den Besuchern seiner Ausstellung über Hintergründe, Inhalte und Herstellungsweise seiner im besten Sinne des Wortes „Spitzenobjekte“ Rede und Antwort.
Ein Autodidakt
Eigentlich funktioniert das ohne große Erklärungen des Künstlers – somit ein Kennzeichen von ernst zu nehmender Kunst. Sergej Alöchin ist zwar nur Autodidakt. Doch was bringt der beste akademische Hintergrund, wenn nichts Eigenständiges dabei entsteht? Im Umkehrschluss heißt das aber auch nicht, dass jeder Autodiktat mit zwei Wochen VHS-Kurs sich als Künstler bezeichnen kann. Sergej Alöchin ist in diesem zunehmend größer werdenden Kreis der sich selbst überschätzenden Kreativen eine rühmliche Ausnahmeerscheinung. Wie erwähnt, das funktioniert auch ohne große Selbstdarstellung, allein das Resultat zählt. Bestens gerahmt und somit in dem historischen Kreuzgewölbe optimal in Szene gesetzt, ziehen die farbig gesetzten Holzspitzen die Blicke der Betrachter magisch an.
Präzise Anordnung
Was zuvor wie ein geschwungenes Tuch, ein eleganter Faltenwurf oder wie eine plane Stoffbahn wirkt, entpuppt sich bei der Nahsicht als eine äußerst präzise Anordnung von unterschiedlich gefärbten, mit einem herkömmlichen Bleistiftstiftspitzer in Form gebrachten Holzspitzen. „Meine Grundlage ist das Handwerk und die Begeisterung für Kunst“, so Alöchin.

Deutschland ist aus der Sicht des Künstlers flach und strukturiert.
Foto: Stefan Simon
Frankreich erscheint in den Spitzenobjekten schwungvoll bewegt.
Foto: Stefan SimonIn seinem erlernten Beruf als Feinmechaniker habe er mit einem eher unbequemen Material, das sich nicht so einfach formen lasse, und mit schwerem Werkzeug zu tun. So lag es nahe, sich in seiner Berufung dem zeitlosen Naturprodukt Holz, für das es keine außergewöhnlichen Werkzeuge braucht, zu widmen.
Akkurat gesetzt
So überzeugend die akkurat gesetzten Spitzen mit minimalen Mitteln eine maximale Wirkung erzielen, so spielt die Farbe auch eine enorme Rolle in diesem kalkulierten Zusammenspiel der vermeintlich immer gleichen Hölzer. Alöchin versteht die Farbe in seiner künstlerischen Praxis nicht als Malerei, sondern als Material. Das ist für die Besucher sicherlich Definitionssache, aber nicht unerheblich für diese Kunstform.
Denn gerade in dieser raffinierten Verknüpfung von haptischem Werkstoff und farbiger Erscheinung kann der Künstler gemeinsam mit dem kontrolliert gesetzten Licht- und Schatteneinfluss diese komplexen Wechselwirkungen erzeugen und den Betrachter mit doch so einfachen Mitteln auf eine doch so abwechslungsreiche Schule des genauen Wahrnehmens entführen.
Das erinnert an die Bildwelten des Begründers der Op-Art, Victor Vasarely. Der Künstler stimmt dem zu, bringt dann jedoch gleich den Künstler Klaus Staud ins Gespräch. Was für den Meister der konstruktivistischen Abstraktion gilt, hat auch für Alöchins Bildwelten Gültigkeit: Sie leben von Serialität, Schatten, Raum und Bewegung.
Nächste Gelegenheit
Das nächste Künstlergespräch
„Lichtgestalten – wenn Spitzen Raum verändern“ mit Sergej Alöchin findet am Donnerstag, 2. Juli, von 18 bis 21 statt. Das Kunst-Forum Baar ist in der Bilder-Rahmen-Manufaktur Stefan Baur, Karlstraße 63 (im Quellhöfle). Die Ausstellung „Spitzenobjekte“ läuft bis zum 29. August.