Prävention im Kreis Calw: „Erhobener Zeigefinger“ in Sachen Drogen? Bringt nichts

Seit Cannabislegal ist, steigt der Beratungsbedarf an den Schulen. Problem Nummer eins ist jedoch meist der Alkohol.
Fabian Sommer/dpaWenn suchtkranke Menschen von sich berichten, kommen oft tragische Schicksale zum Vorschein. Jeder Fall ist anders. Gemeinsamkeiten gibt es dennoch viele.
Das oft langsame, unbemerkte Abgleiten in die Abhängigkeit etwa, das Stück für Stück erfolgt – häufig ohne dass es den Betroffenen bewusst ist. Bis sie suchtkrank sind.
Und dass viele Suchtkrankheiten in der frühen Jugend ihren Ausgang nehmen. Schicksale, die sich vielleicht verhindern ließen, wenn früh genug etwas unternommen würde.
An dieser Stelle setzt die Präventionsarbeit der Fachstelle Sucht im Kreis Calw ein. Diese leistet insbesondere dort Aufklärungsarbeit, wo viele junge Menschen zu erreichen sind: an den Schulen im Kreis Calw.
Themenfelder gibt es dabei einige, berichtet Annika Brenner, stellvertretende Leiterin der Fachstelle Sucht in Calw. Medien, illegale Drogen, Alkohol. Aber auch die Fragen, was Sucht überhaupt ist, wie sie entsteht und wie man sie erkennt, gehörten dazu.
Als Beispiel für ein Präventionsprogramm nennt Brenner den Schulklassenworkshop „Tom und Lisa“. Die Schüler schlüpfen dabei in Rollen, es geht um die Feier zum 15. Geburtstag der fiktiven Charaktere Tom und Lisa.
Die Experten sind dabei durchaus realistisch – und betreiben Aufklärung. Denn Prävention, so sagt die stellvertretende Leiterin der Fachstelle Sucht, sei heutzutage „ganz weg vom erhobenen Zeigefinger“. Denn das helfe nicht.
Risikobewusstsein stärken
Viel eher gehe es dabei nicht zuletzt darum, möglichen Schaden zu minimieren, indem etwa erklärt werde, wie getrunken werden kann, ohne dass etwas Schlimmes passiert. Wie sich Warnzeichen erkennen lassen. Was im Notfall zu tun ist – wenn jemand beispielsweise zu viel trinkt und das Bewusstsein verliert oder gar in Lebensgefahr gerät. Das soll auch das Risikobewusstsein stärken.
Häufig seien auch Präventionsangebote in Sachen Cannabis, berichtet Alica Wagner, Sozialarbeiterin bei der Fachstelle Sucht. Seitens der Schulen werde das seit einiger Zeit immer mehr nachgefragt, gerne in Kombination mit dem Thema E-Zigaretten.
Die Legalisierung von Cannabis, die zum 1. April 2024 erfolgte, beschäftige die Schulen schon, sagt Brenner. Obwohl die Droge gerade bei jungen Menschen eine Gefahr darstellen und Gehirnstrukturen verändern kann, sei mit der Legalisierung auch eine gewisse Verharmlosung einhergegangen. Gerade an Berufsschulen, wo viele Schüler volljährig sind, stelle sich die Frage nach dem besten Umgang damit.
Zwei bis drei Mal im Monat, manchmal auch öfter, richtet die Fachstelle Präventionsveranstaltungen an Schulen aus. Manche Bildungseinrichtungen hätten das fest im Plan, andere würden sich nur melden, wenn es akut sei, erzählt die stellvertretende Leiterin der Fachstelle Sucht.
Hinzu komme die Ausbildung von Schulsozialarbeitern, damit diese auch selbst Workshops wie „Tom und Lisa“ anbieten können. Generell gebe es viel Kontakt mit Ansprechpartnern an den Schulen. Die Fachstelle Sucht unterstütze hier mit Beratungen und Infomaterial.
Ein Erfolgserlebnis
Neben Schulen besuche die Fachstelle mitunter auch Wohngruppen, Jugendhäuser oder Betriebe in Sachen Prävention – der Schwerpunkt liege aber auf jeden Fall bei den Schulen.
Die Jugendlichen, sagt Brenner, seien in der Regel „eher offen und aktiv dabei“, hätten durchaus Lust, etwas zu lernen. Die Angebote erfolgten ohne Lehrer – damit die jungen Menschen freien sprechen können.
Und manchmal, so Wagner, komme danach auch der eine oder andere noch direkt auf sie zu. Weil es bereits ein Problem gibt.
Ein Erfolgserlebnis sei es nicht zuletzt, wenn Jahre später jemand als Betroffener Hilfe in der Fachstelle suche – und sich an die Mitarbeiter von damals in der Schule erinnere, sagt Anja Niedballa, Leiterin der Fachstelle Sucht. Da komme dann mitunter der explizite Wunsch auf: „Ich will zu der, die damals da war.“
Noch lieber wäre es den Mitarbeitern jedoch, wenn kein Teilnehmer der Präventionsangebote in späteren Jahren ihre Unterstützung braucht. Das wäre der größtmögliche Erfolg ihrer Arbeit.
Kontakt zur Fachstelle Sucht Telefon: 07051/9 36 16, Mail: fs-calw@bw-lv.de
