Mutter aus Calw erzählt: Diagnose Essstörung – und die Angst, das eigene Kind fällt irgendwann tot um

Dünn bis zur Lebensgefahr: Essstörungen sind vielseitig – und weit verbreitet.
picture alliance/dpa/dpa-tmnWer an Essstörungen denkt, hat meist Bilder von jungen Mädchen im Kopf. Mit eingefallenen Gesichtern und buchstäblich fast nur noch Haut und Knochen.
Alles, was weniger drastisch anmutet, fällt bei den meisten Menschen aus dem Raster. Doch Essstörungen sind vielfältig. Sie sind weit verbreitet. Und sie sind potenziell tödlich.
Bei jungen Frauen bis zum Alter von 21 Jahren gelten Essstörungen gar als häufigste Todesursache, sagt Annika Brenner, stellvertretende Leiterin der Fachstelle Sucht in Calw.
Mehr als sechs Prozent aller Mädchen und Frauen sowie fast zwei Prozent aller Jungs und Männer erkranken im Laufe ihres Lebens an den drei häufigsten Essstörungen Binge-Eating, Bulimie und Magersucht, erklärt das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit.
Ein neues Angebot
Bis Ende des Jahres 2022 gab es dennoch keine offizielle Hilfe für Betroffene im Kreis Calw, berichtet Anja Niedballa, Leiterin der Fachstelle Sucht.
Der Landkreis habe jedoch die Bereitschaft bekundet, auch hierfür ein Angebot zu schaffen – sofern die Fachstelle Sucht das stemmen könne.
Damit, sagt Brenner, rannten die Verantwortlichen offene Türen ein. Dutzende Betroffene wurden seitdem unterstützt, ab diesem Herbst sollen auch Präventionsangebote an Schule starten.
Doch die Betroffenen kommen meist nicht selbst, zeigen keine große Therapiebereitschaft. Häufiger sind es Angehörige, die Alarm schlagen.
Eine Mutter berichtet
Karin W. (Name von der Redaktion geändert) ist eine von ihnen. Ihr Sohn erkrankte, als er 21 Jahre alt war. Er begann eine Diät, obwohl er Normalgewicht hatte, aß wenig bis nichts, wurde immer dünner. „Ich war sehr schnell alarmiert“, sagt W., die anonym bleiben möchte.
Heute leitet sie eine Selbsthilfegruppe für Angehörige von Betroffenen von Essstörungen bei der Fachstelle Sucht. W. befürchtete, ihr Kind leide an Magersucht. Er stritt alles ab.
Einige Monate schien alles wieder in Ordnung, dann begann ihr Sohn mit Intervallfasten. „Ab da ging’s richtig bergab“, erzählt sie. Bei einer Körpergröße von 1,81 Meter wog ihr Sohn nur noch 57 Kilogramm.
Doch Essstörungen äußern sich nicht nur durch das Essverhalten, sondern auch etwa durch einen Sportzwang. „Das war bei ihm ganz fürchterlich ausgeprägt“, sagt W.
Ihr Sohn ging 50 000 Schritte am Tag, konnte kaum noch still sitzen, ging für einzelne Waren mehrfach zum Einkaufen zu Fuß in den Laden – zusätzlich zum Sport. „Das war kompletter Wahn“, erklärt sie. Immer mehr veränderte sich das ganze Wesen, das ganze Verhalten des jungen Mannes.
Doch Hilfe wollte er nicht. Bis er eines Tages nach der Arbeit in einen Unfall verwickelt wurde und daraufhin zusammenbrach.
Doch viele Mediziner, berichtet W., würden das Problem nicht richtig ernst nehmen. Hilfsangebote gebe es wenige, die Wartezeiten seien lang.
In eine Klinik wollte ihr Sohn partout nicht – und als er schließlich ging, sei die Einrichtung nicht wirklich spezialisiert gewesen. Entsprechend wenig habe es gebracht. „Der Hilfsapparat funktioniert irgendwie so gar nicht“, meint W.
Inzwischen habe sich die Situation verbessert, erzählt sie. Er gehe in Therapie. Doch bis er diese Unterstützung gefunden habe, sei viel Zeit vergangen – und die Krankheit habe sich bereits enorm verfestigt.
Essstörungen, so erzählt W., seien nicht vergleichbar etwa mit einer Grippe. Eher mit einem komplizierten Knochenbruch, der nie ausheile und immer wieder Probleme mache. Unter Mangelernährung leide zudem das Gehirn, Denkprozesse würden beeinflusst.
Und die Betroffenen würden teils trotz allem funktionieren. Ihr Sohn etwa habe Leistungssport betrieben. W. hingegen hatte Angst, er falle eines Tages einfach tot um.
Bis heute quäle ihn eine irrationale Angst, in kürzester Zeit 200 Kilogramm zu wiegen, wenn er nicht auf seine Ernährung achte – obgleich das medizinisch nicht möglich wäre.
„Die meisten haben im Kopf: So in der Pubertät geht das los“, sagt sie. Doch eine solche Störung könne jederzeit eintreten – bereits bei Kindern.
So hilft die Fachstelle Sucht
In der Selbsthilfegruppe, die W. leitet, berichten die Teilnehmer alle von ähnlichen Erfahrungen, wie sie sie gemacht hat. Von Verzweiflung, von Hilflosigkeit. Von dem Gefühl, allein gelassen zu sein. Zusehen zu müssen, wie das eigene Kind den Bach runtergeht.
Doch die Gruppe biete einen Raum für Sorgen, Erfahrungen, Austausch unter „Gleichgesinnten“. Die Treffen finden alle drei Wochen statt. Nach einer Anmeldung bei der Fachstelle Sucht kann jeder kommen.
Die Fachstelle Sucht bietet überdies eine kostenlose und vertrauliche Beratung an, für Betroffene ab zwölf Jahren sowie für Eltern, Partner, Freunde und überhaupt alle Bezugspersonen.
Kontakt zur Fachstelle Sucht Telefon: 07051/9 36 16, Mail: fs-calw@bw-lv.de
