Die Sozialarbeiterinnen Annika Brenner (links) und Sara Kugel helfen in der Fachstelle Sucht Betroffenen von Essstörungen. Foto: Biermayer

Ungefähr sechs Prozent der Frauen und knapp zwei Prozent der Männer entwickeln im Laufe ihres Lebens eine Essstörung. Bisher gab es im Landkreis Calw keinen Anlaufpunkt. Die Fachstelle Sucht wird das nun ändern.

Calw - Annika Brenner und Sara Kugel sind Sozialarbeiterinnen in der Fachberatungsstelle Sucht im Landkreis Calw. Sie haben Büros in Nagold, Calmbach und Calw. Und ab dem 1. Oktober können nun auch Menschen mit Essstörungen zu ihnen kommen. "Bisher gab es gar kein Angebot im Landkreis", erklärt Brenner. Deshalb seien sie froh, jetzt Anlaufstellen für Betroffene bieten zu können.

Und von denen gibt es gar nicht so wenige. Nach Zahlen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung leiden im Laufe ihres Lebens von 1000 Frauen 28 an einer Binge-Eating-Störung, 19 an Bulimie und 14 an Magersucht. Männer sind etwas weniger betroffen. Von 1000 leiden 10 an einer Binge-Eating-Störung, sechs an Bulimie und zwei an Magersucht.

Unerreichbare Schönheitsideale

Genaue Zahlen für den Landkreis gebe es nicht, so Brenner. Aber aus der Jugendarbeit und der Schulsozialarbeit höre man immer wieder von Problemen mit diesen Erkrankungen. Diese zögen sich durch alle Altersschichten, erklärt Kugel. Allerdings seien vor allem junge Frauen und Mädchen betroffen.

Corona und Social Media hätten das Problem verstärkt, erklärt sie weiter. Durch die Pandemie seien junge Menschen sehr isoliert gewesen. Das habe zu einem Kontrollverlust geführt. Und die fehlenden Kontakte habe man auf Social Media gesucht. Hier würden aber durch Werbung und Influencer oft unerreichbare Schönheitsideale vermittelt. Alle scheinen schlank, trainiert und perfekt. Diesen Idealen nachzueifern, führe bei manchen zu Essstörungen. Und auf Social Media fände man schnell Gleichgesinnte. Aber auch im Fernsehen, wie bei dem TV-Format "Germany’s Next Topmodel", würde dieses Körperbild verbreitet.

"Es ist einfach ein gesellschaftlich vermitteltes Bild", fasst es Brenner zusammen. Auch gut gemeinte Komplimente, einfach die sehr starke Betonung des Äußerlichen, könnten zu Essstörungen führen. Beim Binge-Eating gehe es den Betroffenen auch oft darum, um sich herum eine Art Schutz aufzubauen, erklärt Kugel weiter. Eine Ursache könne auch sein, dass Betroffene sich abgrenzen oder die Kontrolle über den eigenen Körper haben wollen. Vielleicht auch aus der Erfahrung heraus, dass das bisher nicht der Fall war. Und da habe man dann Erfolgserlebnisse, die abhängig machen könnten.

An andere Stellen verweisen

Betroffene können sich nun an die Fachstelle wenden. Kontakt könne man einfach per E-Mail oder Anruf aufnehmen, so Kugel. Danach könne man persönliche Gespräche mit den Sozialarbeiterinnen führen, erklärt Brenner. Es gehe dabei erst einmal um eine Stabilisierung. Gegebenenfalls würden Betroffene dann an andere Stellen weitergeleitet, fügt Kugel hinzu. Zu einer Therapie gehörten neben einer Psychotherapie, eine Ernährungsberatung und die medizinische Seite.

Oft seien es die Angehörigen oder Freunde, die Betroffene auf eine mögliche Erkrankung aufmerksam machten. Aber man müsse auch erst einmal das Bewusstsein bei den Betroffenen entwickeln. "Wenn es medizinisch bedenklich ist, sollte man schnell handeln", stellt Brenner klar. Aber das sei bei Volljährigen oft schwerer. Die könnten ja selbst entscheiden, ob sie sich in Behandlung begeben – oder eben auch nicht.

Generell sei es wichtig, Betroffenen nicht konfrontativ zu begegnen. Wenn man aber eine gute Beziehung zu dem Betroffenen habe, könne man seine Hilfe anbieten. "Man kann zum Beispiel sagen, dass man sich Sorgen macht", schlägt Brenner vor. Angehörige und Freunde sollten aber auch auf sich selbst Acht geben und nur so viel helfen, wie sie wirklich können.

Wie andere Suchterkrankungen begleitet eine Essstörung Betroffene ein Leben lang, so Kugel. Selbsthilfegruppen könnten über lange Sicht hilfreich sein. Therapieplätze für akute Probleme gebe es leider viel zu wenige, stellt Brenner fest. Aber zumindest eine erste Anlaufstelle gibt es jetzt im Landkreis.

Info:

Essstörungen

Zu den häufigsten Essstörungen gehören Magersucht, Bulimie und Binge-Eating. Bei der Magersucht versuchen Betroffene, sehr stark abzunehmen. Für Erwachsene wird hier ein BMI von 17,5 als Grenzwert angegeben. Bei der Bulimie folgt auf eine Essattacke Erbrechen. Betroffene können durchaus normalgewichtig sein. Betroffene von Binge-Eating leiden ebenfalls unter Essattacken. Allerdings wird das Gegessene hier nicht erbrochen. Längerfristig kann so starkes Übergewicht entstehen.

Kontakt:

Die Fachstelle Sucht in Calw ist unter der 07051/9 36 16 telefonisch und per E-Mail unter fs-calw@bw-lv.de zu erreichen. Termine finden in der Bahnhofstraße 31 statt. Eine Außenstelle gibt es in Nagold (Marktstraße 12) und in Calmbach (Bahnhofstraße 10).