Fachstelle Sucht in Calw
: Warum Smartphones und Drogen sich gefährlich ähnlich sind

Hunderttausende junge Menschen haben Probleme mit dem Medienkonsum. Auch in der Fachstelle Sucht in Calw kennen die Experten die Symptome – und die ähneln jenen der Drogenabhängigkeit.
Von
Ralf Klormann
Oberndorf
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Soziale Medien im Internet haben ein gefährliches Suchtpotenzial.

Alicia Windzio/dpa

Online-Banking für Überweisungen, Terminvereinbarungen bei Ärzten über Internetseiten, soziale Medien aller Art, um mit Freunden in Kontakt zu bleiben: Immer mehr wird das Leben der meisten Menschen in digitale Bahnen gelenkt.

Und immer weniger, so scheint es, ist es möglich, ohne digitale Technologien auszukommen. Medien, so erklärt auch Pia Vollmer, gehörten längst zum Alltag dazu. Wer in Gefahr gerate, in diesem Bereich eine Abhängigkeit zu entwickeln, solle sich am besten frühzeitig darum kümmern.

Vollmer kennt die Gefahr – denn sie ist Sozialarbeiterin und Suchttherapeutin bei der Fachstelle Sucht in Calw.

Beunruhigende Zahlen lieferte dazu eine in diesem Jahr veröffentlichte Studie der Krankenkasse DAK-Gesundheit. Dieser zufolge habe jeder vierte junge Mensch im Alter zwischen zehn und 17 Jahren Probleme mit Medienkonsum. „Insgesamt 1,3 Millionen Kinder und Jugendliche zeigen eine riskante oder krankhafte Nutzung sozialer Medien“, berichtete im Frühjahr das Gesundheitsmagazin Apotheken Umschau zur Studie.

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Eine großangelegte Untersuchung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) habe zudem gezeigt, dass sehr viele Kinder und Jugendliche „deutlich mehr als zwei Stunden Freizeit pro Tag am Bildschirm“ verbringen würden, schrieb das Gesundheitsmagazin.

Im Kreis Calw kommen indes nur vergleichsweise wenige Fälle bei der Fachstelle Sucht an. Nur etwa ein Prozent der Klienten im vergangenen Jahr seien wegen Medienabhängigkeit betreut worden, erzählt Vollmer. Und hauptsächlich handle es sich um Menschen, die an einer Online-Glücksspielsucht leiden. Die Sucht nach sozialen Medien oder digitalen Spielen seien nur selten vertreten.

Zum Vergleich: Mehr als die Hälfte der Fälle, um die sich die Fachstelle 2024 kümmerte, brauchten Unterstützung wegen ihres problematischen Umgangs mit Alkohol.

Anfragen für Schulungen in Sachen Medienkompetenz gebe es hingegen oft. Für Schulen, berichtet Vollmer, biete die Fachstelle das an.

Der Bedarf, aber auch das Problem scheinen indes gewachsen zu sein. Laut DAK-Studie veränderte sich die Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen im Zuge der Pandemie.

Während heute 25 Prozent der Zehn- bis 17-Jährigen eine problematische Nutzung von sozialen Medien aufweisen würden, so seien es 2019 nur 11,4 Prozent gewesen. Als problematisch definiert die Studie, dass die Betroffenen „Medien lang und häufig nutzen und daraus schädliche Folgen für die psychische und körperliche Gesundheit drohen“, heißt es im Text der Apotheken Umschau. 4,7 Prozent der Kinder und Jugendlichen im genannten Alter gelten sogar als abhängig.

Die Symptome einer Mediensucht, erklärt Vollmer, gleichen dabei frappierend den Symptomen einer Abhängigkeit von Alkohol und anderen Drogen. Mediensüchtige verlieren das Interesse an anderen Dingen und die Kontrolle über ihr Konsumverhalten, hängen beispielsweise 16 Stunden an Bildschirmen. Manche schwänzen dafür gar die Schule oder gehen nicht zur Arbeit, verlagern ihr Leben zunehmend ins Internet und pflegen kaum noch Kontakte im „echten“ Leben.

Nicht zuletzt zeigen sich sogar Entzugserscheinungen. Manche davon dürften viele Menschen selbst kennen. Etwa eine gewisse Nervosität oder Unruhe, wenn das Smartphone vergessen wurde oder der Akku den Geist aufzugeben droht.

Laut Apotheken Umschau bestätigen das auch Erkenntnisse von Wissenschaftlern der Universität Heidelberg. Diese stellten demnach fest, dass die Abwesenheit von Smartphones die Gehirn-Chemie verändern kann. Und dass eine Einschränkung der Smartphone-Nutzung dem Entzug von Suchtmitteln ähnelt.

Suchttherapeutin Vollmer stellt daher klar: Praktisch jeder habe heutzutage einen exzessiven Medienkonsum. Daher sei es wichtig, sich damit auseinanderzusetzen. Den richtigen Umgang mit Medien zu erlernen. Und – wichtige Aufgaben der Fachstelle Sucht – über Risiken aufzuklären und Prävention zu betreiben.

Ein Anstieg der Fälle sei auch im Kreis Calw bemerkbar, obgleich es sich um ein Randthema handle, bei dem nicht zuletzt Eltern um Rat fragen. Zumindest noch. Angesichts der Ergebnisse der DAK-Studie liegt nahe, dass das Ende der Fahnenstange bislang nicht erreicht ist.

Kontakt zur Fachstelle Sucht Telefon: 07051/9 36 16, Mail: fs-calw@bw-lv.de