Autorenwanderung Wildberg
: Tinte, Tod und Efeublätter – auf den Spuren eines literarischen Rätsels

Eine Krimi-Wanderung in Wildberg und Nagold wurde zur lebendigen Zeitreise durch Symbolik, Mordmysterien – und zum letzten öffentlichen Projekt einer Autorin mit Mission.
Von
Aylin Kaya
Oberndorf
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Tatort mit Symbolkraft: Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Krimi-Wanderung versammelten sich an den historischen Mauern des ehemaligen Klosters – dort, wo in „Sonnwendtod“ die Leiche gefunden wurde.

Aylin Kaya

Die Sonne warf flache Schatten auf das alte Pflaster, ein Hauch von Herbst lag in der Luft – und über allem hing das Bild eines rätselhaften Gesichts, umwoben von Blättern. Der „Grüne Mann“, uraltes Symbol für Tod und Wiedergeburt, stand am Sonntagnachmittag im Zentrum einer literarischen Spurensuche, die sich bald als packende Grenzerfahrung zwischen Realität und Fiktion entpuppte.

Helena Reinhardt, Regionalkrimiautorin und Kennerin mittelalterlicher Symbolik, hatte zur Schauplatzwanderung durch Wildberg und Nagold eingeladen. Es war eine besondere Führung – nicht nur, weil reale Orte aus ihrem Krimi Sonnwendtod dabei neu erlebbar wurden, sondern auch, weil es zugleich ihr letzter offizieller Auftritt als Autorin war.

Autorin vor Ort: Helena Reinhardt mit ihrem Krimi am Originalschauplatz

Foto: Aylin Kaya

„Ich habe meine Autorentätigkeit Ende letzten Jahres eingestellt“, verriet sie im Gespräch mit der Redaktion. „Diese Führung war ehrenamtlich, für den Schwarzwaldverein – und eine Ausnahme. Weil ich die meisten Teilnehmer persönlich kenne. Und weil die Idee einfach noch in der Luft hing.“

Mordkulisse mit Symbolkraft

Bereits 2002 war Reinhardt in einer englischen Kathedrale erstmals einem „Grünen Mann“ begegnet – einem steinernen, blattumrankten Gesicht. Die Symbolik ließ sie seitdem nicht mehr los. Sie recherchierte, schrieb ein Sachbuch – und schließlich einen Kriminalroman, in dem das Motiv als Spur eines Mordfalls diente.

Von der Klosterruine zum Polizeiposten: Das Gebäude, das im Roman als Landespolizeiposten fungiert. Hier wurde Protagonistin Silvia Salomon mehrfach vernommen – und bei der Wanderung eine Szene daraus vorgelesen.

Foto: Aylin Kaya

Den Auftakt der literarischen Wanderung bildete die Klosterkirche in Wildberg – im echten Leben längst abgebrannt, doch im Roman Sonnwendtod als zentraler Schauplatz rekonstruiert. Hier wird die Leiche einer jungen Frau gefunden, gezeichnet mit einem grünen Stempel am Hals. Von der Klosterkirche aus führte Reinhardt ihre Gruppe zu weiteren Orten aus dem Buch: zum Polizeiposten, durch einen nächtlich beschriebenen Campingplatz, auf eine Waldlichtung, die im Roman zum rituellen Verdachtsort wird. Lesepassagen wechselten sich ab mit realem Gehen, der Ort verwob sich mit der Szene.

Anschließend ging es weiter nach Nagold – in die reale Kulisse eines weiteren zentralen Buchmoments. Vor der Alten Post, an deren Fassade ein echter Grüner Mann zu finden ist, las Reinhardt die Szene vor, in der Silvia Salomon ihrem Kollegen HD genau dieses Gesicht zeigt – was im Buch dazu führt, dass er sein Eis in der Hand vergisst. Auch in der Wandergruppe sorgte das für ein Lächeln: Eis war ebenfalls bestellt worden. So wurden Buchszene und Gegenwart zu einem stimmungsvollen Spiegelbild.

Es folgten weitere Stationen: das Polizeigebäude, die Innenhöfe, die engen Gassen. Und schließlich der Urschel- und Hennebrunnen – Orte, die im Roman ebenfalls mit Grüner-Mann-Symbolik belegt sind. Wasserspeier, Steine, die alten Fassaden: Alles bekam im Verlauf der Wanderung eine zweite Bedeutungsschicht. Hier, am Ende der Strecke, fiel der Satz, der sinnbildlich für das gesamte Projekt stand: „Wer einmal einen Grünen Mann gesehen hat, wird ihn nie wieder übersehen.“

Letzter Auftritt mit literarischer Handschrift

Die Führung war kein einmaliges Experiment – bereits 2024 hatte Helena Reinhardt eine ähnliche literarische Wanderung zum zweiten Band mit dem Titel Österbergmord in Tübingen organisiert. Doch nun zieht sich die Autorin endgültig zurück. „Das Schreiben war immer eine Leidenschaft, nie ein Beruf. Aber die bürokratischen Hürden wurden zu hoch“, sagte sie offen.

Fiktiver Schauplatz: Mit liebevollen Details wie dieser selbstgestalteten Absperrung verlieh Helena Reinhardt der Krimi-Wanderung einen spielerischen Rahmen – ein Hingucker mit Tiefgang.

Foto: Aylin Kaya

Dass ihre Bücher dennoch weiterleben, zeigte dieser Nachmittag eindrucksvoll. Schauplätze wurden zu Szenen, Bäume zu Verdachtsmomenten, Wege zu Spannungsbögen. Eine Teilnehmerin fasste es so zusammen: „Das war wie ein Escape Game in Buchform – draußen, lebendig, klug.“

So wurde aus einer Wanderung ein Kapitel Literaturgeschichte, mitten im Nordschwarzwald. Ein Erlebnis zwischen Symbolen, Mordmysterien und realem Lokalkolorit – mit einer Autorin, die ihrer Geschichte ein letztes Mal die Stimme lieh.

Hintergrund

Der so genannte grüne Mann
ist ein altes, mystisches Symbol, das seit der Antike in Kirchen, Kathedralen und Bauwerken auftaucht. Es handelt sich meist um ein Gesicht, das von Blättern umrahmt oder durchdrungen wird – ein Sinnbild für die Verbindung von Mensch und Natur, für Wandel, Wiedergeburt und den Kreislauf des Lebens.

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