Ärztemangel im Kreis Calw
: Wenn Suchtkranke Methadon brauchen – und niemand es verschreiben will

Um von harten Drogen loszukommen, braucht es häufig Ersatzstoffe wie Methadon. Dafür braucht es spezielle Mediziner. Und die wiederum gibt es im Kreis Calw seit langem nicht mehr.
Von
Ralf Klormann
Oberndorf
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Viele ehemals Heroin-Abhängige brauchen Ersatzstoffe wie Methadon, um nicht wieder zu Drogen zu greifen. Doch das zu bekommen ist nicht ganz einfach.

Roessler

Gut acht Jahre ist es her, seit im Sommer 2017 eine kleine Gruppe ganz unterschiedlicher Menschen in Calw mit unserer Redaktion über ein bedrohliches Szenario sprach.

Trotz aller Unterschiede hatten sie etwas gemeinsam: Sie alle waren jahrelang von Heroin abhängig. Und allen hatten Ersatzstoffe wie Methadon ein neues Leben ohne harte Drogen ermöglicht. Ein Leben, das damals in Gefahr geraten war.

Viel Zeit ist seitdem vergangen. Viel geändert hat sich jedoch nicht

Denn im Sommer 2017 schlugen diese Betroffenen Alarm. Weil es nur noch einen Arzt im ganzen Kreis Calw gab, der jene Ersatzmittel verschrieb – und der zu allem Überfluss nur etwa ein Jahr später aufhören sollte.

Angst machte sich breit. Denn alle Mitglieder dieser Gruppe hatten sich aufgerappelt und zurück in ein normales Leben gekämpft. Ein Leben, das jedoch maßgeblich von einem legalen Zugang zu den benötigten Ersatzstoffen abhängt.

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Viel Zeit ist seitdem vergangen. Viel geändert hat sich jedoch nicht.

„Das Schlimme ist, dass es nichts Neues gibt“, berichtet Pia Vollmer, Sozialarbeiterin und Suchttherapeutin, im Sommer dieses Jahres im Gespräch mit unserer Redaktion. Vollmer ist bei der Fachstelle Sucht in Calw unter anderem im Bereich der Substitution tätig, wie die Drogenersatztherapie auch genannt wird.

Die Lage im Kreis Calw sei „eher schlecht als recht“, sagt Vollmer. Seit vielen Jahren gebe es hier nun schon keinen Arzt mehr, der das Thema betreue. Gemeinsam mit dem Landratsamt sei die Fachstelle seit längerer Zeit damit beschäftigt, eine Lösung für dieses Problem zu finden – „bisher ohne Erfolg“, bedauert sie.

Die nächsten Praxen seien etwa in Jettingen, Rottenburg, Herrenberg oder Karlsruhe zu finden.

Problematisch ist das Ganze vor allem deshalb, weil Suchtkranke meist auf Ersatzstoffe angewiesen sind, um von harten Drogen wie Heroin, Kokain oder auch Crystal Meth wegzukommen. Methadon und Co. sollen dabei den Suchtdruck minimieren.

Ursprünglich sollte Substitution als Übergangslösung dienen. Bis Betroffene ganz ohne Substanzen leben können. Erfahrungen mit dieser Therapie zeigten jedoch, dass viele dauerhaft auf Medikamente angewiesen sein würden. Kranke, die ihre Medizin brauchen.

Ohne einen legalen und tatsächlich möglichen Weg, an diese Medikamente zu kommen, so fürchteten die Betroffenen bereits vor acht Jahren, drohe einen Rückfall in die alte Szene. Kontakt zu alten Bekannten, zu denen der Kontakt ganz bewusst abgebrochen wurde, um an den Ersatzstoff zu kommen.

Denn obgleich die Betroffenen meist arbeiten, oft auch eine Familie haben, besitzen viele keinen Führerschein. Und die Praxen der Substitutionsärzte sind nicht nur weit entfernt, sondern müssen, mindestens in den ersten Monaten, zudem täglich aufgesucht werden. „Auch samstags und sonntags“, sagt Vollmer.

Der Grund dafür ist simpel. Nicht jeder Suchtkranke schafft den Ausstieg. Manche würden die erhaltenen Medikamente horten und auf dem Schwarzmarkt verkaufen. Daher müssen die Betroffenen sich die Rezepte für ihre tägliche Dosis auch täglich holen, diese in speziellen Apotheken einlösen und dort vor den Augen der Mitarbeiter einnehmen.

Während die Fachstelle Sucht in dieser Hinsicht nur wenig weiterhelfen kann, so bieten die Experten doch Unterstützung an anderer Stelle: mit psychosozialer Begleitung.

Seit 2017 sei das zwar nicht mehr gesetzlich vorgeschrieben, manche Ärzte würden es jedoch verlangen. 13 Betroffene betreute die Fachstelle im vergangenen Jahr. Neue Suchtkranke kämen nur selten dazu – allerdings nicht, weil niemand mehr Heroin nehme. Sondern weil es eben nicht mehr zwingend gefordert sei.

Dass tatsächlich jemand irgendwann ganz ohne Droge oder Medikament klarkomme, sei selten. Diese Fälle, sagt Vollmer, ließen sich „an einer Hand abzählen“.

Doch auch wenn jemand Ersatzstoffe brauche, sei das keineswegs sinnlos, betont Peter Heinrich von der Fachstelle Sucht. Die Betroffenen könnten dadurch ihr Leben wieder in den Griff bekommen. Und: „Es sichert das Überleben“, fügt Vollmer hinzu.

Manchmal werde jedoch zu früh zu einer Substitution geraten, meint Heinrich. Denn Abhängigkeit sei oft die Folge eines Fluchtversuchs aus belastenden Situationen. Der Weg des vermeintlich geringsten Widerstands. Das, was weniger zu schmerzen scheint. Erfülle der Ersatzstoff diesen Zweck, sei das eine der Schattenseiten der Substitution.

Im Rahmen der psychosozialen Begleitung berät die Fachstelle Sucht indes zu Themen wie Entgiftung oder Therapien. Die Experten versuchen, die Betroffenen zu stabilisieren und aufzuklären, um sie sozial zu integrieren und das Risikoverhalten zu reduzieren.

Ohne die nötigen Ärzte schwebt all das jedoch in einer ständigen Gefahr, zurück in die Sucht abzugleiten. „Und das Leben mit der Sucht ist beschissen“, berichtete im Sommer 2017 einer der Betroffenen. Alles drehe sich dann nur noch um Heroin.

Das wiederum sei kein Leben mehr. Nur noch ein „am Leben erhalten“.

Kontakt zur Fachstelle Sucht Telefon: 07051/9 36 16, Mail: fs-calw@bw-lv.de