Mit QR-Codes: Balingen ordnet umstrittene Straßennamen ein

QR-Codes liefern Informationen zu umstrittenen Namensgebern für Balinger Straßen und ordnen ihr Wirken während des Dritten Reichs ein.
MarschalEine Straße nach einer prominenten Person oder einer, die sich für Stadt oder Land verdient gemacht hat, zu benennen, um sie damit zu ehren, ist in Deutschland durchaus üblich. Doch was, wenn das öffentliche Ansehen dieser Menschen mit den Jahren bröckelt und sie im historischen Kontext doch nicht mehr so ruhmreich sind?
Mit dieser Frage hat sich der Balinger Gemeinderat auf Antrag der Grünen-Fraktion hin bereits vor drei Jahren beschäftigt. In der Balinger Kernstadt gibt es drei Straßennamen, die nach Menschen benannt sind, die polarisieren: die Hindenburgstraße, der Ina Seidel-Weg und die Pfitznerstraße. Den Namensgebern der drei Straßen wird vorgeworfen, den Nationalsozialisten während des Dritten Reichs auf verschiedene Weise besonders nahe gestanden zu haben.
Umbenennung wäre aufwändig
Der Antrag wurde damals abgelehnt. Schließlich würde eine Umbenennung für Anwohner und Stadtverwaltung einen erheblichen Aufwand bedeuten, nicht zuletzt, weil Ausweisdokumente geändert werden müssten und die Benachrichtigung über die Adressänderung durchaus umfangreich sein könnte.
Doch ganz unkommentiert wollte der Balinger Gemeinderat die Namen der drei umstrittenen Persönlichkeiten nicht in der Eyachstadt hängen lassen: Tafeln unter den jeweiligen Straßenschildern sollen dazu dienen, die Namensgeber historisch einordnen zu können.

Schild mit QR-Code
Foto: MarschalVor wenigen Tagen wurden die Zusatzschilder angebracht: „Dieser Straßenname steht in der Kritik“ steht über einem QR-Code geschrieben. Dieser leitet auf die Internetseite der Stadt Balingen, wo die Lebensstationen und das Wirken der jeweiligen Namensgeber erläutert und historisch eingeordnet werden. Stadtarchivarin Nicole Scheletz hat die Informationen umfangreich aufgearbeitet und mit Quellen versehen.
Umbenennung war 1946 in der Diskussion
„Die kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ist eine wichtige Grundvoraussetzung für die Aneignung politischer Bildung und das Erlernen von Demokratiefähigkeit und Toleranz. Im Vordergrund steht die mahnende Erinnerung an die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes“, ist auf der Internetseite als Erklärung geschrieben.
Auch wenn die Diskussion um die Umbenennung von Straßennamen in der Gesellschaft oft als „woke“ abgetan wird – neu ist diese nicht. Der Balinger Gemeinderat setzte sich schon 1946, kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs, kritisch mit der Hindenburgstraße auseinander. Ihr Namensgeber Paul von Hindenburg gilt als „Steigbügelhalter“ Adolf Hitlers. Die Umbenennung wurde damals mit sieben gegen drei Stimmen abgelehnt worden. Die Begründung: Erst die spätere Geschichte könne das richtige Urteil abgeben.
Wer waren die drei Personen
Paul von Hindenburg
(1847 – 1934) war ein deutscher Generalfeldmarschall und später Reichspräsident der Weimarer Republik (1925–1934). Er ernannte 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler, was maßgeblich zur Machtübernahme der Nationalsozialisten beitrug. Heute wird seine Person oft problematisch gesehen, weil er trotz demokratischer Verantwortung autoritäre Kräfte unterstützte und so den Weg in die NS-Diktatur ebnete.
Ina Seidel
(1885 – 1974) war eine deutsche Schriftstellerin, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem durch Heimat- und Familienromane bekannt wurde. Während der NS-Zeit unterstützte sie das Regime ideologisch, unterschrieb 1933 das „Gelöbnis treuester Gefolgschaft“ für Hitler und veröffentlichte linientreue Texte. Sie trug den Nationalsozialismus öffentlich mit und verherrlichte diesen.
Hans Erich Pfitzner
(1869 – 1949) war ein deutscher Komponist und Dirigent, der vor allem durch seine Oper Palestrina bekannt wurde und sich als Verteidiger der „deutschen Musiktradition“ verstand. Er vertrat nationalistische und kulturkonservative Ansichten, äußerte sich antisemitisch und unterstützte ideologisch die Ziele des Nationalsozialismus, auch wenn er dem Regime persönlich nicht durchgehend nahe stand. Sein Werk und sein Wirken werden im heutigen Kontext stark mit völkischem Denken und antisemitischer Ideologie verknüpft.