Kulturfestival in Balingen: Hier ist für einen Abend lang die Welt noch heil

Mehr gute Laune ging fast nicht.
Roland BeckWer erinnert sich nicht gerne an die Ära, als die D-Mark noch ein Teenie war und die Kugel Eis 10 Pfennige kostete? Selbst die, die erst ein bis zwei Jahrzehnte später auf die Welt kamen – dank oder trotz der Aufklärungsfilme eines gewissen Oswalt Kolle und dessen Helga – wissen, dass der Bossa Nova an allem schuld war und der alte Indianerhäuptling ein ach so schweres Leben hat. Mag daran liegen, dass sich die damaligen Pimpfe in den Ferien bei Oma und Opa durch drei Fernsehprogramme schraubten und in der lustig-heilen Welt von Heinz Erhardt und Hansi Kraus hängenblieben oder die Hitparade von Dieter Thomas Heck cool fanden.
„Schlager machen glücklich“
Die heutigen Teenies kennen zwar Begriffe wie D-Mark und Pfennig bestenfalls noch vom Hörensagen, aber bei den meisten Schlagern singen sie ungeniert zumindest den Refrain mit. Warum, das bleibt ein erfreuliches Mysterium. Womöglich hat die Band irtschaftswunder Recht mit ihrem Slogan „Schlager machen glücklich“.
Doch der Reihe nach. Für den Auftakt kündigte Moderator Romain Fehlen – ehemals SWR4-Radio – die Formation PolkAcht an. Wie es der Name vermuten lässt, handelt es sich um acht Musiker, die sich der Polka und dem Marsch verschrieben haben. Und sie kommen alle aus Geislingen. Fast. Nach eigenen Angaben gewähren sie auch zwei Reigschmeckten aus Vöhringen und Zepfenhan die Mitgliedschaft.
Immer für ein Schwätzchen gut
Die Kapelle gibt es seit 2019 und ist spezialisiert auf den böhmischen Zweivierteltakt mit hohem und tiefem Blech, sprich Flügelhorn, Trompete, Posaune, Tenorhorn, Bariton und Tuba. Und, damit es richtig fetzt, ein Schlagzeug. Zünftig in Lederhose absolvieren die Jungs bis zu zehn Auftritte im Jahr von hier bis Oberammergau. Auf dem Marktplatz steigerten sie die anfänglich noch etwas verhaltene Grundstimmung im Publikum und dadurch auch den Bierumsatz.

Begeisterte Fans
Foto: Roland BeckDie ersten zweieinhalb Stunden teilten sich die Geislinger im Wechsel mit einem Meßstetter: Frank Cordes. Seit zehn Jahren lebt der international bekannte Schlagerstar auf dem Blumersberg, wo er vor zwei Jahren auch schon mal ein Kinder-Schlagerfest ausgerichtet hat. Eine Bühne braucht er eigentlich gar nicht. Er fühlt sich wohler mitten im Publikum, drängt sich mit dem Mikro durch die Reihen und klettert auch schon mal auf den Biertisch. „Wir sind alle über 40“, mit dem Titel hat er seine Fans gleich bei sich. Und spätestens bei „Sierra Madre“ und „Ein Stern, der deinen Namen trägt“ singt dann auch die U30-Fraktion mit. In seinen Pausen sitzt Cordes dann bei seiner Frau Dagmar Krönauer, mitten im Publikum, immer für ein Schwätzchen gut.
Zurück in die Zeit des Wirtschaftswunders
Die letzten eineinhalb Stunden gehörten dann dem Schlager der 1950er- und 1960er-Jahre, der Zeit des Wirtschaftswunders. Und so nennt sich eben auch die Stuttgarter Band, die in den letzten 35 Jahren 22 Mal das Stuttgarter Sommerfest rockte und mehr als 60 Fernsehauftritte absolvierte. Unter anderem in der Hitparade von Dieter Thomas Heck, der sie danach für eine Privatparty engagierte. Im Vordergrund stehen Sängerin Helga im Petticoat und Sänger Oswald mit Schmalztolle. Namensähnlichkeiten zu dem eingangs erwähnten Aufklärungs-Duo sind womöglich kein Zufall. Und dass ein Dr. Sputnik am Schlagzeug und ein Jens von Eden am Klavier sitzt, könnte der ein oder andere Historiker und Cineast auch in einen gewissen Zusammenhang bringen. Jedenfalls nahm das Sextett sein Publikum mit auf eine zauberhafte Reise in die gute alte Zeit, als die D-Mark noch ein Teenie war…
Es wurde ausgelassen geschwooft
Mal rock’n’rollig, mal verträumt, mal kess, mal exotisch. Mit Titel wie „Nachtexpress“, „Schöner fremder Mann“, „Die Gitarre und das Meer“, „Café Oriental“ oder natürlich „Itsy Bitsy Teeny Weeny“ hat dieses Genre ja alles, was irgendwie gute Laune verursachen kann. Vor der Bühne wurde ausgelassen geschwoft, auf den Bierbänken mindestens geschunkelt. Und wenn dann die Stimmung auf dem Höhepunkt tanzt und weder die Musiker noch das Publikum nach Hause und stattdessen lieber noch eine Schippe drauflegen wollen, kommt dem Bühnenmeister die undankbare Aufgabe zu, punkt zehn die Balinger Nachtruhe einzuläuten. Naja, man soll ja bekanntlich aufhören, wenn es am Schönsten ist.