Kissin’ Dynamite in Balingen: Viel Pathos, viel Routine, viel Herz

Crowd Surfing mit einer Prise Humor: Hannes Braun schwebt im Schlauchboot über die Köpfe der Fans hinweg.
Peter DemmerEs ist kurz vor 23 Uhr. Rund 3000 Menschen sind mittlerweile in der Volksbankmesse. Voll. Ausverkauft. Und das bereits seit Wochen.
„Es sind nicht die Bands, wegen denen wir hier sind, sondern die Party. Die ganzen Leute, die man ansonsten erst im Sommer beim RV-Bang-Festival wieder sieht“, erzählt Heike, eine Besucherin. Aus den Boxen dröhnt 80er-Jahre-Glamrock.
Auf einmal wird die Halle dunkel. Intro, dann überall Licht, und auf einer erhöhten, zweiten Bühnenebene stehen sie in Reih und Glied: die Jungs von Kissin’ Dynamite mit ihrem ersten Stück „Back with a Bang“ – der perfekte Opener. Eingängig und quasi selbsterklärend. Auf der Bühne stehen Steffen Haile (Bass) und Ande Braun (Gitarre), auf ihren Schenkeln posiert artistisch Hannes Braun. Seit nunmehr 18 Jahren Sänger seiner Band Kissin’ Dynamite. Strahlend reckt er wild die Hände in die Luft. Das macht er so nicht zum ersten, aber bald zum letzten Mal. Es ist sein Abend heute in Balingen. Zu den Dreien von der Alb finden sich Jim Müller (Gitarre) und Sebastian Berg (Schlagzeug) auf der Bühne ein.
Eine fast perfekte Show
Es folgt eine Show, die neben neueren Stücken wie „My Monster“ auch ältere Hits bietet. Ein eindrucksvolles „I Will Be King“ wird durch einen Bühnenthron illustriert. Bei „Flying Colors“ ist die Hallenmitte ein einziges buntes Lichtermeer. Und immer wieder wird das Publikum einbezogen. Hannes Braun und seine Mitstreiter haben die Halle fest im Griff: routiniert, erfahren und mit perfektem Timing.
Der Abend gehört aber nicht nur Hannes Braun und Co. Viele Vorgruppen würden sich eine bereits früh so gut gefüllte Halle wünschen. League of Distortion, die Band rund um die Sängerin Anna „Ace“ Brunner (bekannt von Exit Eden) und Jim Müller bieten einen frischen Metalcore-Sound an.
Dann ist Axxis dran. Bereits seit Ende der 80er spielt die Band auf allen größeren und kleineren Rockbühnen in der Republik ihren melodischen Power-Metal. Sowohl immer mal wieder auf dem Bang-Your-Head-Festival in Balingen vor Tausenden als auch Mitte der 90er vor ein paar Hundert im Heuby in Nusplingen.

Es ist sein Abend: Hannes Braun auf der Bühne – ohne Schnickschnack oder doppelten Boden.
Foto: Peter DemmerDoch zurück zu Kissin Dynamite, bis bis heute eine der wenigen sehr erfolgreichen Bands aus der Rockwelt ohne rasantes Besetzungskarussell. Die Wurzeln der Band finden sich in der Schülerband „The Blues Kids“. Damals noch im beschaulichen Burladingen ganz zu Anfang der Nullerjahre.
Seit damals spielen Hannes Braun, sein Bruder Ande und Steffen Haile zusammen. Man coverte AC/DC und die Scorpions. Später holte man sich Musiker einer anderen Schülerband dazu – und daraus entstand 2007 eben Kissin’ Dynamite.

Ran ans Piano: Hannes Braun im akustischen Teil des Abends, begleitet von Gitarre und Bass
Foto: Peter DemmerMit seinen „besten Freunden, meinen vier Brüdern“, läutet Hannes Braun schließlich das Konzertfinale ein. Er nimmt sich Zeit für sein Publikum und berichtet, was hier jeder schon weiß: Er wird aufhören. Zumindest als Frontmann auf der Bühne, nicht dahinter. Aus gesundheitlichen Gründen, wie er sagt.
Die ganze Halle hebt das Glas
Es fällt schwer, sich Kissin’ Dynamite ohne ihn vorzustellen. Prägt er doch Liedgut und Bühnendynamik fast im Alleingang. Nach einer fast einen Tick zu perfekten und zu glatt durchchoreografierten Show – aber das ist Jammern auf hohem Niveau – folgt die Zugabe mit einem eindrücklichen, neuen und akustischen „Not a Wise Man“. Für viele das Stück des Abends. Und zum Schluss ein „Raise Your Glass“, dass es in sich hat. Die ganze Halle hebt kollektiv die Becher auf Kissin’ Dynamite.
Ein Abend wie ein Lagerfeuer oder ein Klassentreffen der lokalen Rockmusikszene. Wohlig gewärmt entschwindet man aus der Halle in die kalte Balinger Nacht. Man geht nicht euphorisch, sondern zufrieden. Neugierig darauf, wie sich „Kissin Dynamite“ ohne ihren Sänger weiterentwickeln wird . Wie das Festival im nächsten Sommer an selber Stelle wird. Und was 2026 so allgemein bringt. Bestimmt, wie an diesem Abend: nur Gutes.