Hechinger Kunstgeragogin arbeitet mit Alten und Sterbenskranken: „Was hast du noch für Träume in diesem Leben?“

Ina Petri sieht sich die Arbeit von Lydia Schäfer an. Links malt Alfred Schäfer.
Maja DickDen anderen Teil tingelt sie mit ihrem „rollenden Atelier“, wie sie ihren Rollkoffer mit Malutensilien liebevoll nennt, quer durch den Zollernalbkreis, „um Kunst unter die Leute zu bringen“, und vor allem unter ältere Menschen.
Die Kreativtherapeutin arbeitet unter anderem als kunstgeragogische Begleitung von Senioren in Pflegeeinrichtungen und in der Klinik, gibt Kreativworkshops an Schulen, leitet Malgruppen, Selbsterfahrungsworkshops – und sie bietet Malbegleitung für Krebspatienten an und für Patienten auf der Palliativstation, etwa im Zollernalb-Klinikum.
Wie arbeitet man mit Menschen, die wissen, dass sie nicht mehr lang haben?
Wie aber arbeitet man mit Menschen, die wissen, dass sie nicht mehr lange zu leben haben?„Wir unterhalten uns“, sagt sie. „Was hast du noch für Träume und Wünsche in diesem Leben“, frage ich diese Menschen. „Diese Wünsche und Träume malen und zeichnen wir, und manchmal schreiben wir sie sogar auf“, sagt sie, und sie lächelt wieder.
Schwer zu glauben, dass Petri von der Arbeit mit Todsterbenskranken erzählt. Wieso kann sie dabei lächeln – zieht sie das nicht runter? „Nein“, antwortet sie ganz entschieden. „Denn viele dieser Menschen sind mutig und lebensbejahend. Sie geben nicht auf, und das unterstützen wir.“
Von manchen Bekannten und Freunden würde sie gefragt: „Was du da machst, lohnt sich das überhaupt noch?“ Auch hier kommt ein klares Ja von Petri: „Natürlich. Es sind Menschen, und es lohnt sich bis zum letzten Schnaufer!“ Sie weiß: „Wir alle werden alt. Wollen Sie vielleicht später im Rollstuhl in eine Ecke gestellt werden? Und nichts tun?“
„Die Arbeit hat mich krank gemacht“
Man spürt schnell, Petri ist für diese Arbeit geschaffen. Dabei hat ihr Berufsleben einmal ganz ganz anders angefangen. Aufgewachsen im Odenwald, machte sie nach dem Abitur eine Ausbildung zur Bankkauffrau bei einer Großbank, deren Namen sie nicht nennen mag. Sie machte Karriere, arbeitete später für das Institut in Stuttgart – und irgendwann ging das nicht mehr gut. „Die Arbeit hat mich krank gemacht“, bekennt sie.
Dazu kam die Bankenkrise 2009. Mittlerweile hatte Petri mit Arbeitskollegen eine Kunstgruppe in ihrer Filiale aufgebaut, und sie wusste, schon damals: „Kreativ sein bedeutet Erleichterung“
Sie kündigte bei der Großbank, im Januar 2011 hatte sie es „endlich da rausgeschafft“. Neuanfang. Es folgten zunächst eine Ausbildung als Kunst- und Kreativtherapeutin, und ihr wurde schnell klar: „Hier will ich bleiben.“ 2011 dann bekam sie erstmals ein Engagement in einem Altenheim, nämlich im St. Elisabeth in Hechingen.
Auch heute, an einem sonnigen Dienstagnachmittag und 13 Jahre später, ist sie in Hechingen aktiv. In der Seniorenanlage am Obertorplatz. Regelmäßig malt sie mit einer Gruppe von acht Personen, die hier leben und sich selbst versorgen. Der Malkreis beginnt mit einer Entspannung, Petri strahlt Ruhe und Lebendigkeit aus.
Die alten Leute wissen das zu schätzen. Es folgt ein Schwätzle, man spricht über Besonderes des vergangenen Tage und bereitet die Maleinheit vor. Heute geht’s ums Malen von Schatten mit grüner Farbe. Petri hat einen Exkurs über die Entstehung von grüner Farbe parat – begonnen beim Malachit, einem grünen Edelstein.
Das Ehepaar Lydia und Alfred Schäfer – sie arbeitete früher als Krankenschwester, er war Lehrer, und beide sind über 80 Jahre alt – findet den Maltreff toll: „Wir sind zehn Jahre dabei und finden es einfach wunderbar.“
Lydia Schäfer malt an einer Obstschale, und es gelingt ihr wirklich fabelhaft. „Vor zehn Jahren konnte ich das überhaupt nicht“, bekennt sie, und schaut zu Ina Petri hinüber. Ihr Blick sagt: „Das habe ich Ina zu verdanken.“