Tradition in Bad Herrenalb: Der Jockel aus dem Kirbsenloch – der Pelzmärtle

Ein Spektakel Jahr um Jahr auf dem Rathausplatz von Herrenalb ist der Besuch von Pelzmäntel und Christkind
Sabine ZollerAn Heiligabend ist er wieder da. Still, geheimnisvoll und tief verwurzelt in der Geschichte des Gaistals: der Pelzmärtle. Oder, wie die Gaistäler es seit Generationen schlicht nennen: „der Jockel aus dem Kirbsenloch“. Eine über 200 Jahre alte Tradition, die bis heute nichts von ihrer Faszination verloren hat und die alljährlich nicht nur die Menschen im Gaistal, sondern auch die Gäste auf dem Rathausplatz in Bad Herrenalb in ihren Bann zieht.
Im Mittelpunkt steht der Pelzmärtle. Jedoch nicht erst beim Auftritt, sondern bereits lange zuvor. Denn an Heiligabend wird das Strohkostüm an einen mutigen jungen Mann aus dem Gaistal „angenäht“. Wer im Inneren steckt, bleibt streng geheim. Ab dem Moment des Einnähens ist der Bursche inkognito, seine Identität soll niemand erfahren.
Niemand soll wissen, wer im Kostüm steckt
„Wir nähen schon eine Stunde“, sagt Reinhold Nofer – und der Pelzmärtle nickt zustimmend. Geduld ist gefragt, sowohl vom Handwerker als auch vom jungen Mann im Kostüm. Mit kräftigem Sattlerfaden wird das Strohkostüm, bestehend aus Hose und Jacke, sorgfältig zusammengenäht. Stich für Stich, gesichert mit dem doppelten Weberknoten, damit alles hält. Die Bewegungsfreiheit? Stark eingeschränkt. Meist kann sich der Bursche nur hüpfend fortbewegen – ein Kraftakt, der Durchhaltevermögen verlangt.
Rund zwölf Kilogramm wiegt das Kostüm. Doch damit ist es noch nicht getan. Ein starkes, selbst gefertigtes Juteseil wird um den Körper gelegt, an das Stroh angeheftet wird, bevor es schließlich mit Schellen und Glocken bestückt wird. Sie verleihen dem Pelzmärtle seinen unverwechselbaren Klang, ein vielstimmiges Läuten, das beim Gehen, Hüpfen und Springen die kalte Winternacht erfüllt. Acht Stunden im Kostüm sind keine Seltenheit – eine lange Zeit, die dem Träger alles abverlangt.

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Schwarzwälder BoteReinhold Nofer, Jahrgang 1954, ist ein erfahrener Hüter dieses Brauchs und seit jungen Jahren dabei. „1970 habe ich das erste Mal geholfen“, erzählt er, während er konzentriert eine der ersten Schellen mit starkem Draht befestigt. Sein Sohn Stefan Nofer hilft mit, denn das Wissen wird von Generation zu Generation weitergegeben.
Die Geschichte hinter dem Pelzmärtle
Die Wurzeln des Pelzmärtle reichen weit zurück bis in vorchristliche, heidnische Zeiten. „Ursprünglich stammt unser Pelzmärtle aus einem Ritual rund um die Wintersonnenwende“, erklärt Nofer. Am 21. Dezember wurde das Kostüm angelegt, mit Hörnern, Schwanz und Glocken versehen, um der dunklen Nacht Paroli zu bieten. Am 21. März ließ man das Kostüm brennend den Berg hinunterrollen, um symbolisch den Winter auszutreiben. Ein archaisches Ritual, an dem einst nur jene teilnehmen durften, die konfirmiert wurden. Mitte des 18. Jahrhunderts, mit dem Einzug des Christkinds, kam es zu einer Einigung mit der Kirche, der das Pelzmärtle wegen seiner heidnischen Wurzeln lange ein Dorn im Auge war. Der Brauch wurde auf Weihnachten verlegt – und fortan traten der Pelzmärtle und das Christkind gemeinsam auf.
Seine feste Heimat hat der Pelzmärtle im Gaistal. Mit der Besiedelung durch Südtiroler Glaubensflüchtlinge fand der Brauch hier seinen Platz. „Die Freiheitskämpfer aus Südtirol waren verfolgt und fanden im protestantischen Württemberg Asyl“, berichtet Nofer. Zunächst lebten sie in Feldrennach, später erhielten sie Land und siedelten sich auch im Gaistal an. Die ersten Häuser entstanden 1811. Die Familie Nofer zählt zu den frühen Siedlern.

Im Gaistal näht Reinhold Nofer den jungen Burschen ein in das Strohkostüm und packt mit Draht die Schellen dran.
Foto: Sabine ZollerDas Handwerk zur Herstellung des Strohkostüms lernt Reinhold Nofer von seinem Vater Bernhard. Selbst während der Kriegsjahre bleibt der Brauch lebendig. „Als alle Männer im Krieg sind, schlüpft sogar meine Mutter ins Kostüm“, erzählt Nofer.
Ein fester Bestandteil an Heiligabend
Seit 1977 gehört der Pelzmärtle fest zum Heiligabend-Ritual in Bad Herrenalb. Wenn der Musikverein Bad Herrenalb-Gaistal zum Weihnachtskonzert aufspielt, wird auf dem Rathausplatz diese jahrhundertealte Tradition jedes Jahr aufs Neue erlebbar: Der Duft von Punsch und Glühwein liegt in der Luft, während die ersten Töne des Musikvereins unter der Leitung von Bernd Stiegeler erklingen.
Mit „Tochter Zion“ beginnt das Konzert pünktlich um 16 Uhr und sorgt für weihnachtliche Stimmung. Handys werden gezückt, um das Geschehen und die Ankunft der Stars des Nachmittags festzuhalten – der Pelzmärtle und das Christkind aus dem Gaistal. Das Schellenläuten kündigt die Ankunft an. Der in Stroh gehüllte Geselle mit Hörnern und langer Rute hüpft durch die Menge und ist schnell von einer großen Menschenmasse umringt. Kinder sagen Verse auf oder singen ein Weihnachtslied, um süße Gaben vom Christkind zu erhalten. Dann freut sich der Pelzmärtle und springt in die Höhe, dass seine Schellen laut erklingen. Das Konzert und die Begegnung mit dem Pelzmärtle und dem Christkind vereinen Einheimische und Gäste gleichermaßen. Sie schaffen einen Ort der Begegnung, an dem man sich ein frohes Weihnachtsfest wünscht. Ein Brauch, der auch Herbert und Monika Oeser aus Hamm begeistert, die so etwas noch nie erlebt haben, oder der Larissa Hering aus Karlsruhe Jahr für Jahr in die Kurstadt reisen lässt, um diese Tradition zu erleben.
Umherziehen bis tief in die Nacht hinein
Während die letzten Klänge der Musiker gegen 17 Uhr verklingen, ist für den Pelzmärtle und das Christkind jedoch noch lange nicht Schluss. Bis weit in die Nacht hinein ziehen beide mit ihren Helfern durch das Gaistal, besuchen Familien in ihren Häusern und machen den Heiligen Abend für viele zu einem unvergesslichen Erlebnis. Eine Tradition, die zeigt: Manche Bräuche sind stärker als die Zeit.