Museum für Volkskunst Meßstetten: Die Menschen machten es der Lava nach

Musiker Serhij Solonytzin und Museumschefin Klara Stingel beim Klangtest mit Kristallglas
Rüdiger WysotzkiGlas in allen Facetten hat Museumsleiterin Klara Stingel im Museum für Volkskunst in der Hangergasse 16 versammelt; davon konnten sich die Meßstettens Kunstfreunde bei der Vernissage von „Faszination Glas“ am Samstagabend überzeugen: Sie erlebten eine veritable Zeitreise durch verschiedene künstlerische Epochen, auf der die Volkskunst des 17. und 18. Jahrhunderts ebenso zu ihrem Recht kam wie der Historismus und die orientalisierenden emaillierten Prunkgläser des Jugendstils der Jahre 1900 bis 1910. Damit nicht genug: Auch farbenfrohes Überfangglas aus der Art-Deco-Zeit zwischen 1919 und 1930, grün leuchtende Urangläser und böhmische Glaskunst in verschiedenen Techniken können in der Ausstellung bestaunt werden – ein Fest der Augen nicht nur für die Kenner der Glaskunst.
Glas, so erfuhren die Vernissagegäste aus der Einführung der Museumsleiterin, begleitet die Menschen schon seit Tausenden von Jahren – irgendwann hatten sie beobachtet, wie Blitzschläge oder heiße Lava Quarzsand zum Schmelzen brachten, waren von dem dabei entstandenen amorphen Stoff fasziniert gewesen und hatten versucht, es der Natur nachzumachen.
Dabei sind die Stoffe, aus denen Glas gefertigt wird, unspektakulär – es besteht aus einem Gemisch aus Quarzsand, Pottasche und Soda, das sich im Schmelzofen bei 1200 bis 1600 Grad in eine zähflüssige, glühende Masse verwandelt. Quarzsand, der aus den Bächen und Flüssen gewaschen wurde, entsteht durch natürliche Verwitterung von Gesteinen die einen hohen Anteil an Quarzmineralien enthalten; er verleiht dem Glas seine Härte. Kalk – er besteht aus den Schalen und Skeletten urgeschichtlicher Meerestiere – verhindert, dass das Glas zu schnell abkühlt und dadurch zerbrechlich wird. Soda hilft, den Sand zu schmelzen und zu einer geschmeidigen Substanz zu machen.
Geschmolzen wurde in Waldglashütten in Böhmen, Bayern und im Schwarzwald; war das Brennmaterial der jeweiligen Gegend verbraucht – sprich: der Wald abgeholzt – zogen die Glashütten weiter. Die Glasschmelze wurde zu Flachglas gezogen, gewalzt, geschleudert oder gefloatet.
Alte gezogene Gläsernweisen Schlieren auf
Durch Ziehen konnten nur kleine Formaten hergestellt werden, weil die Schwerkraft bei größeren dafür gesorgt hätte, dass das Glas oben zu dünn und unten zu dick geriet. In diesen gezogenen Gläsern sind noch deutlich Schlieren und Luftblasen zu erkennen.
Geschleudert wurden die Butzengläser für Kirchen, Klöster und Schlösser und danach in Bleirahmungen zu Butzenglasfestern gefasst. Die nächste Stufe waren die gewalzten Gläser – diese Technik machte bereits größere Formate möglich. Heute wird Flachglas auf einem 700 Grad heißen Zinnbad in sehr großen Dimensionen gefloatet und ist absolut plan und blasenfrei.
Das Glasblasen ist allesandere als einfach
Und die Glasbläserei? Ist die Technik, mit der Hohlglas wie Flaschen, Gläser und Vasen geformt wird. Der Glasbläser nimmt mit der Glasmacherpfeife eine exakt bemessene Menge Glasschmelze auf und formt sie durch ständiges Drehen und Blasen. Was alles andere als leicht ist, denn die Viskosität der Masse verändert sich sehr schnell, sobald sie an der Luft ist und zusätzlich die Schwerkraft einwirkt.

Serhij Solonytzin steuerte den musikalischen Rahmen bei.
Foto: Rüdiger WysotzkiMusikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung von Serhij Solonytzin, der eigene Werken auf seiner Gitarre spielte.
Die neue Ausstellung im Museum für Volkskunst ist sonntags und donnerstags von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Über die E-Mail Klara.Stingel@museum-messstetten können gesonderte Terminvereinbarungen getroffen werden. Der Eintritt ist frei.