Lebensretter-Wissen für Notfälle: DRK Meßstetten zeigt die wesentlichen Griffe und Kniffe

An „Elvis“, wie die DRK-Mitglieder den Übungsdummie nennen, durften die Besucher die Herzdruckmassage üben.
Karina EyrichDer Bedeutung des Themas ist die Resonanz noch nicht gerecht geworden, doch das Rote Kreuz, Ortsverein Meßstetten, und die Feuerwehr Heinstetten wollen es nicht beim ersten Infoabend „Lebensretterwissen zum Mitmachen – Feuerwehr und DRK zeigen, wie’s geht“ belassen.
Der Anlass dafür war ein Motorradunfall, bei dem Feuerwehrkommandant Frank Löffler lauter gaffende statt helfende Zuschauer erlebt hatte. Dass manche helfen wollten, ihnen aber die Kenntnisse fehlten, ist dem Meßstetter DRK-Vorsitzenden Felix Steidle wohl bewusst, und bei seinem anschaulichen Vortrag, der wohlgemerkt keinen Erste-Hilfe-Kurs ersetzen könne, fokussierte er sich auf eine der wichtigsten Hilfeleistungen: bei Herz-Kreislauf-Stillstand.
Schockierende Zahlen: 13 Millionen ambulante Notfallbehandlungen und 7,8 Millionen Rettungsdiensteinsätze seien 2023 in Deutschland gezählt worden. 120 000 Mal im Jahr fahre der Rettungsdienst zu einem Herz-Kreislauf-Stillstand und komme nur 60 000 Mal so rechtzeitig, dass die Helfer noch Reanimationsversuche unternehmen könnten. 65 Prozent der Fälle träten im häuslichen Umfeld auf. Gut ein Drittel der Reanimierten sei im erwerbsfähigen Alter, zwei Drittel seien männlich. Das Durchschnittsalter liege bei 70,2 Jahren und nur elf Prozent der Reanimierten lebe nach 30 Tagen noch. Viel besser sei die Überlebenschance, wenn Laien-Ersthelfer Patienten wiederbelebten: „Das ist absolut entscheidend!“

Oh Gott, Herr Pfarrer: Reinhold Schuttkowski lässt sich den Helm abnehmen.
Foto: Karina EyrichDie Folgen: Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand setzt die Atmung aus, Körperzellen sterben ab und Organe nehmen Schaden. Durch Laien-Reanimation verdoppelt bis verdreifacht sich die Überlebenschance. Bis zu 5000 Menschen mehr könnten in Deutschland dadurch jährlich gerettet werden. Steidle betonte: „Wir können nicht jedem helfen, aber jeder kann jemandem helfen.“ Und: „Jeder muss helfen!“
In Paragraf 323c Strafgesetzbuch heiße es: „Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft. Ebenso wird bestraft, wer in diesen Situationen eine Person behindert, die einem Dritten Hilfe leistet oder leisten will.“ Wer beim Helfen selbst Schäden erleide – etwa Schäden durch Blutflecken – bekomme laut Sozialgesetzbuch den Schaden ersetzt.

Zusätzlich zur Herzdruckmassage ist Beatmung wichtig – allerdings zusätzlich, nicht ausschließlich.
Foto: Karina EyrichHelfer organisieren: Steidle riet dazu, andere einzubinden: „Einer reanimiert, einer setzt den Notruf ab, einer holt den nächsten Defibrillator.“ Für Notrufe – egal ob medizinische oder Rufe nach der Feuerwehr – gelte europaweit die Nummer 112. Anrufer sollten klar folgende Angaben machen: Wo ist es passiert? Was ist passiert? Wie viele Betroffene gibt es? Welche Verletzungen liegen vor? Wichtig sei es, danach am Telefon zu bleiben: um Rückfragen zu beantworten und auch, weil der Teilnehmer in der Rettungsleitstelle den Anrufer durch die Erste Hilfe führen könne.
Der bewusstlose Patient: Bewusstlose sollten Helfer laut ansprechen, sie leicht an den Schultern rütteln, eventuell kleine Schmerzreize setzen – „am Arm kneifen“ – und sehen, ob sie reagierten. Weil die Zunge die Atemwege blockiere, sei es lebenswichtig, den Kopf zu überstrecken, zu entfernen, was Atemwege blockiere – Kaugummi, Verschlucktes, die Zahnprothese – und die Atmung zu überprüfen: Bewegt sich der Brustkorb? Ist Atmung hörbar? Ist sie fühlbar? Das ließe sich anhand eines Spiegels oder Smartphones vor der Nase prüfen. Beschlägt die Fläche, atme der Patient. Dann sollte man ihn in die Stabile Seitenlage bringen, ihn wärmen – „Bewusstlose kühlen unfassbar schnell aus, brauchen aber Körpertemperatur für die Stoffwechselprozesse!“ – und ständig seine Vitalfunktionen überprüfen.

Bei der Stabilen Seitenlage muss der Kopf überstreckt werden.
Foto: Karina EyrichKeine Reaktion, keine normale Atmung: Zeige ein Patient beides nicht, gelte: Drücken – am unteren Drittel des Brustbeins und im Rhythmus der Lieder „Atemlos“ von Helene Fischer, „Staying Alive“ von den Bee Gees, „Yellow Submarine“ von den Beatles oder „Highway To Hell“ von AC/DC – sie lieferten die erforderlichen 120 Beats pro Minute. „Das ist verdammt anstrengend“, räumte Felix Steidle ein, „aber Ihr müsst durchhalten!“, rief er den Teilnehmern zu. Am besten sei es, sich nach zwei Minuten abzuwechseln. „Habt keine Angst davor, Rippen zu brechen“, betonte er. „Das ist nicht schlimm. Und relevante Verletzungen passieren wirklich höchst selten.“ Wichtig sei es, ganz nah beim Patienten zu knien, um von oben drücken zu können.

Felix Steidle (Zweiter von rechts) vom DRK referierte.
Foto: Karina EyrichDen Helm abnehmen: Bewusstlosen Kradfahrern sollten Helfer in jedem Fall vorsichtig den Helm abnehmen, mahnte Steidle, denn die Wahrscheinlichkeit, dass sich dadurch eine Halswirbelverletzung verschlimmere sei viel kleiner als jene, dass der Patient durch Atemnot sterbe. Zur Abnahme des Helms seien zwei Helfer ideal: Einer zieht den Helm vorsichtig ab, während der andere den Hals von unten hält und Sorge trägt, dass der Kopf nicht zu Boden fällt.

Bei der Herzdruckmassage ist Kraft gefragt. Leichter geht es, wenn man nah am Patienten kniet.
Foto: Karina EyrichKindern helfen: Ein Sauerstoffproblem hätten Kinder wegen der dünneren Atemwege schneller als Erwachsene, so Steidle. Daher sei Mund-zu-Mund- oder Mund-zu-Nase-Beatmung wichtig. Zur Reanimation werde der Brustkorb gedrückt: beim Säugling mit zwei Daumen, beim Kind mit einer Hand, bei Jugendlichen mit beiden. Um Atemwege frei zu machen, dürfe der Kopf bei Kindern nicht so sehr überstreckt werden wie bei Erwachsenen: „Die Nase sollte im Profil der höchste Punkt sein.“ Bei Fieber gelte: Kühlen – durch Wadenwickel und durch Kühlpads unter den Achseln und an den Leisten. Bei Fieberkrämpfen: „Krampfen lassen“, riet Steidle, „Notruf absetzen und darauf achten, dass das Kind sich nicht verletzt.“

Wie war das noch gleich? Die Stabile Seitenlage sollte man ab und zu üben.
Foto: Karina EyrichKindermissbrauch: Starke Hinweise darauf seien Hämatome in Größe und Form einer Hand, Bissverletzungen, Würgemale und Verletzungen an der Körperrückseite und im Intimbereich sowie oberhalb der Hutkrempe. Dort verletzten sich Kinder beim Spielen sehr selten.
Atemwege zugeschwollen: Schwellen die Atemwege zu, etwa nach einem Wespenstich, sollte Allergikern sofort ihr Adrenalin verabreicht werden. Die Schwellung lasse sich lindern durch das Lutschen von Eiswürfeln und Kühlpads außen.