Kirchturmglockenfest Truchtelfingen: Vorgänger wurden im Krieg eingeschmolzen

Seit 1950 klingen die neuen Glocken im Turm.
Susanne ConzelmannKaum vorstellbar, dass während einiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts immer nur das zarte Taufglöcklein vom Turm der Galluskirche zu Truchtelfingen tönte. Die Gründe dazu finden sich in einem der traurigsten Kapitel der deutschen Geschichte.
Erster Weltkrieg
Bereits im Ersten Weltkrieg mussten vielerorts die Kirchenglocken der Kriegsindustrie geopfert werden. So auch in Truchtelfingen, wo zwei der Glocken, eine von 1843 und eine von 1770, den Weg in die Öfen fand, um eingeschmolzen zu werden. Das Bronze-Material wurde dringend gebraucht, um daraus Kriegsgerät herstellen zu können.
Zweiter Weltkrieg
Doch auch den neuen Glocken, die 1920 unter großer Anteilnahme der Truchtelfinger eingesetzt wurden, war kein langes, friedliches Leben vergönnt. Begründet mit dem „Führergeburtstag“ erließ Hermann Göring am 27. März 1940 den Aufruf zur „Metallspende des deutschen Volkes“. Diese sei nötig, „um die für eine Kriegsführung auf lange Sicht erforderliche Metallreserve zu schaffen.“

Auf einem Schlitten wurden die Glocken 1940 verabschiedet.
Foto: ArchivFeierlich bekränzt wurden die Glocken von einem Schülerchor verabschiedet und auf einem Schlitten durch den Ort abtransportiert. 1940 dachte noch ein Großteil der Bevölkerung, es sei patriotische Pflicht und Ehre, die Glocken für das Reich abzugeben. Von rund 90 000 Kirchenglocken in Deutschland und den besetzten Gebieten wurden mehr als 70 000 eingeschmolzen.
Euphon statt Bronze
Einige Jahre nach Kriegsende hatten die Glockengießereien Hochkonjunktur. Dazu wurde der neue, zinnfreie Werkstoff „Euphon“ entwickelt. Zum einen war dieser deutlich günstiger als die bisher verwendete Bronze. Zum anderen lässt es sich für Kriegszwecke lässt nicht einschmelzen.
Da auch die Truchtelfinger nach zwei Weltkriegen gebrannte Kinder waren, entschieden sie sich nach langem Hin und Her für Euphon – gegen die Expertise des damaligen Glockensachverständigen des Oberkirchenrats. Dieser gab zu bedenken, dass die Euphon-Glocke nicht imstande sei, „das Geheimnis christlichen Mysteriums auszudrücken“.
Anstecknadel zur Weihe
Am 29. Oktober 1950 wurden unter Anteilnahme der Gemeinde und Mitwirkung von Kirchen- und Posaunenchor, von Musikverein und Männern des Gesangvereins die neuen Glocken von Gemeindepfarrer Wilhelm Haefner und Prälat Walther Buder aus Ulm geweiht. Das Ereignis war für die Gemeinde so bedeutend, dass am Nachmittag ein zweiter Gottesdienst gefeiert wurde. Zu diesem Anlass wurden sogar extra Anstecknadeln „Glockenweihe 1950 Truchtelfingen“ angeschafft.

Die Anstecknadel erinnert an die Glockenweihe 1950.
Foto: ConzelmannTonfolge E-G-A-C
Zusammen mit der Glocke von 1920 ergeben die 1950 geweihten Glocken die Tonfolge E-G-A-C, den Lobgesang „Te Deum laudamus“. Dieser wird auch am kommenden Sonntag, 2. November, zu hören sein, wenn die evangelische Kirchengemeinde Truchtelfingen anlässlich des 75. Jahrestags der Glockenweihe Kirchturmglockenfest feiert.
Jubiläumsfest
Beginn ist um 11 Uhr mit einem Familiengottesdienst, den die Kindergärten mitgestalten. Außerdem stellen sich die Kandidierenden für die Kirchengemeinderatswahl am 1. Advent vor.
Es bietet sich auch die Möglichkeit zur Turmbesteigung, um den Glocken Segenswünsche zum Geburtstag auszurichten. Der Heimatforscher Bernd Koch bietet Führungen an.