Albstädter Kinofilm
: Wie „Vexier“ entstand – und zwei Mal fast an Corona scheiterte

„Kino 1“ war voll besetzt im Capitol-Filmpalast, als Regisseur Matthias Wissmann und Kameramann Kevin Hartfiel beim Festival „Filmtage Albstadt Spezial“ ihren ersten Langfilm gezeigt haben. Was aber hat „Vexier“ mit indischem Chutney zu tun?
Von
Karina Eyrich
Oberndorf
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Trotz aller Widrigkeiten haben sie es geschafft, „Vexier“ auf die große Leinwand zu bringen (von links): Produzent Benjamin Huber, Producer Fabian Struwe, Regisseur Matthias Wissmann, Kameramann Kevin Hartfiel und Hauptdarsteller Merlin Leonhardt bei der ersten Vorstellung im „Capitol Filmpalast“ in Albstadt.

Karina Eyrich

Das Rezept für ein indisches Chutney ist ganz einfach: Es muss so scharf sein, dass man es kaum essen kann – aber so süß, dass man nicht widerstehen kann.

So verhält es sich mit „Vexier“, dem ersten Spielfilm, den Regisseur Matthias Wissmann, Kameramann Kevin Hartfiel, Producer Fabian Struwe und Produzent Benjamin Huber zusammen realisiert haben: mit Hilfe zahlreicher Spender.

„Ausverkauft“ lautete die Botschaft bei der ersten von zwei Vorstellungen des Kinofilms „Vexier“ beim Festival „Filmtage Albstadt Spezial“.

Foto: Eyrich

Ohne Crowdfunding hätte Huber schlechte Karten gehabt, wie er beim Festival „Filmtage Albstadt Spezial“ verriet. Alleine die verpflichtenden Hygienemaßnahmen mit täglichen Tests aller Crewmitglieder, Masken und zusätzlichen PCR-Tests während der Coronavirus-Pandemie hätten das ohnehin kleine Budget stark belastet.

Der Enthusiasmus aller macht Geldmangel wett

Was den Freunden an Geld fehlt, machen sie durch Ideen, Können und „unglaublich großen Enthusiasmus aller Beteiligten“ wett, wie Huber dankbar betonte. Wissmanns „Grundidee, wie jemand in einem abgeschiedenen Gasthof nach Hilfe sucht“, war der Ausgangspunkt für das Drehbuch des gebürtigen Albstädters, den ersten Pluspunkt des eindrucksvollen Films. Erzählt es doch die Geschichte einer Beziehung, wie es wohl zu viele gibt.

Im Albstädter Wald dreht Kevin Hartfiel besonders gerne. Hier filmt er Hauptdarstellerin Marie Scherzer.

Foto: Genz/Florian Genz

Lea (Marie Scherzer) und Sven – Darsteller Merlin Leonhardt, der schon Hollywood-Erfahrung hat, war bei der ersten zweier Vorstellungen im Capitol Filmpalast dabei – wirken wie das ideale Paar. Äußerlich. Bei den Liebesszenen der beiden hat Kevin Hartfiel, Wissmanns Freund seit Kindertagen, ihnen sehr sensibel zugeschaut, hat stylische Bilder eingefangen, die sich mit magischen Klängen zu einer Woge der Leidenschaft verbinden. Dazwischen mischen sich großartige Großaufnahmen von der Crema auf dem Kaffee, dicken Regentropfen am Fenster, der Hecke, die alles zu verschlingen scheint.

Die Chance zur Flucht – sie führt zum Waldheim

Mit bewusst monotonen Kamerafahrten – Lea und Sven sind in der kargen, winterlichen Landschaft rund um Albstadt unterwegs – schlägt Hartfiel die Brücke zu den scheinbar alltäglichen Szenen, die dann brutal eskalieren.

Svens ist krankhaft eifersüchtig, überwacht jeden Schritt der Geliebten. Selbst das kurze Gespräch mit einer früheren Kollegin im Balinger Möbel-Rogg oder der Nachbarin – Jana Leutenegger macht ihre kurze Szene zum Ereignis – mündet in Gewalt. An der Tankstelle „Rominger & Blaier“, die der Albstädter Filmemacher Fabian Struwe mit Hilfe visueller Bildretuschen ebenso optisch verändert hat wie deren Umgebung, nutzt Lea die Chance zur Flucht – jener Flucht zum Gasthaus Waldheim, die am Anfang der Vision zu einem ergreifenden Film stand.

Bei mehreren deutschen Festivals ist „Vexier“ schon positiv aufgefallen, einmal sogar als bester Film prämiert worden. Bald geht es auf internationale Festival-Tour – und danach in die deutschen Kinos: „Wir sind aktuell in Gesprächen mit Verleihern, so dass wir früher oder später einen offiziellen Kinostart haben werden“, verriet Wissmann.

Zurück zu den Wurzeln der Zombie-Film-Jugendtage

26 Tage lang haben er und sein Team gedreht – und sind zum Schluss zurückgekehrt zu den Wurzeln ihrer Albstädter Zombie-Film-Jugendtage: Es wird etwas blutig. Aber nie blutrünstig. Es passiert das, was in zu vielen vergifteten Beziehungen passiert – und Merlin Leonhardt berichtet, dass der Dreh einiger Szenen „nicht so spaßig“ gewesen sei. „Aber viele von uns schauen jetzt ein bisschen genauer hin.“ Soll heißen: Das Publikum hoffentlich auch.

Der Nebel aus der Maschine verflog im Wind.

Foto: Genz/Florian Genz

Die Notrufnummer, an die sich Betroffene häuslicher Gewalt wenden können, haben die Freunde im Abspann eingeblendet. Der ist – das Team ist so klein wie das Budget es war – deutlich kürzer als bei jedem Hollywood-Film. Qualitativ jedoch haben die Filmemacher um Matthias Wissmann und Kevin Hartfiel den Sprung in die Bundesliga längst geschafft.

Splitter

Im Kino 8
 des Capitol Filmpalasts hat alles begonnen: Dort haben Matthias Wissmann, Kevin Hartfiel und Fabian Struwe ihren Crowdfunding-Aufruf gedreht. 21 000 Euro sind eingegangen. Bei der ersten Albstädter Vorstellung saßen viele Spender im Publikum und erhielten Souvenirs der „Ofura Konzept Film“, Hartfiels und Wissmanns Filmkollektiv.

Der Nebel,
 der im Film durch die Landschaft rund um Albstadt zieht, ist samt und sonders aus der Nebelmaschine, verriet Fabian Struwe. „Immer, wenn der Wind kam, war alles wieder weg.“

Fast abbrechen
mussten die Macher die Dreharbeiten zwei Mal: Sie drehten in Corona-Zeiten im Februar und März 2022 und hatten zwei Corona-Fälle im Team. Das Durchhalten gelang mit Hilfe der Crowdfunding-Spender.

Braucht die Polizei
zum Waldheim tatsächlich so lange wie der Polizist der Waldheim-Wirtin im Film angibt: 25 Minuten? „Sie würde nicht so lange brauchen, wenn die Bitzer Steige wieder offen wäre“, kommentierte Fabian Struwe, gespielt empört, mit Blick auf die Sperrung der kürzesten Zufahrt für motorisierten Verkehr.

Der Filmtitel „Vexier“
entstammt dem lateinischen Wort „vexare“ für „(sich) quälen“. Ein Vexierbild ist laut Wikipedia ein „Bild, das außer der offenkundigen Abbildung noch eine weitere, mehr oder weniger schwer zu entdeckende verborgene Abbildung enthält“. Vexierspiele sind Geduldsspiele, bei denen es etwas zu entwirren gilt. All das passte für Drehbuchautor und Regisseur Matthias Wissmann zum Film, der ursprünglich den Arbeitstitel „Vergifter“ trug.

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