Herbert Blomstedt ist tot
: Dirigent im Alter von 99 Jahren gestorben

Seine Auftritte waren nie vordergründig spektakulär und trotzdem voller Glanz. Dirigent Herbert Blomstedt hat auch in Deutschland Musikgeschichte geschrieben.
Von
Von Jörg Schurig und Daniel Josling, dpa
Göteborg/Leipzig
Jetzt in der App anhören

Der Dirigent Herbert Blomstedt ist im Alter von 99 Jahren gestorben.

Gaetan Bally/KEYSTONE/dpa
  • Der schwedische Dirigent Herbert Blomstedt starb im Alter von 99 Jahren in Göteborg.
  • Er leitete Staatskapelle Dresden, Gewandhausorchester Leipzig, NDR-Sinfonieorchester und San Francisco Symphony.
  • Als Gewandhauskapellmeister führte er die deutsche Sitzordnung ein und erweiterte das Repertoire.
  • Zahlreiche Ehrungen folgten, darunter die Ehrenmedaille Leipzigs und das Große Verdienstkreuz mit Stern.
  • Kollegen würdigten seine Bescheidenheit und menschliche Wärme – Blomstedt blieb neugierig bis ins Alter.

Die Zusammenfassung wurde von einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt.

Die Musikwelt trauert um einen weltberühmten Dirigenten: Herbert Blomstedt ist am Mittwoch im Alter von 99 Jahren gestorben. Das teilte das Gewandhaus Leipzig mit. Laut Berichten seiner Agentur starb er zu Hause in Göteborg im Kreis seiner Familie.

Zwischen Dresden, Leipzig und San Francisco

Blomstedt prägte Orchester in Europa und den USA: Er leitete die Staatskapelle Dresden, das Gewandhausorchester Leipzig und das NDR-Sinfonieorchester als Chefdirigent, zehn Jahre lang auch die San Francisco Symphony. Als Gastdirigent war er unter anderem in Boston, Chicago und Los Angeles gefragt. Bis ins hohe Alter wagte sich der Grandseigneur an frische Interpretationen.

Von 1998 bis 2005 stand Blomstedt als Gewandhauskapellmeister an der Spitze des Leipziger Orchesters. Er folgte auf Kurt Masur und blieb dem Gewandhaus danach als Ehrendirigent verbunden. Während seiner Amtszeit führte er die traditionelle deutsche Sitzordnung wieder ein, setzte auf historisch informierte Aufführungspraxis und erweiterte das Repertoire etwa um Werke skandinavischer Komponisten wie Sibelius und Nielsen. Zum 275. Geburtstag des Gewandhausorchesters leitete er 2017 eine vierwöchige Jubiläumstournee durch Europa und Asien.

„Herbert Blomstedt ist einer der wenigen Dirigenten, die sich im Laufe ihres Lebens immer weiterentwickelt haben. Er geht immer wieder neu an die Werke heran“, würdigte der Cellist Bernward Gruner von der Staatskapelle Dresden Blomstedt zum 90. Geburtstag im Juli 2017. 

1979 ging Gruner als junger Musiker mit Blomstedt auf USA-Tournee und erlebte ihn als menschlichen Chef. Wochenlang fuhr das Orchester mit dem Bus durchs Land. Blomstedt nahm keine Privilegien in Anspruch, saß wie alle im Bus, dolmetschte und trug älteren Musikern sogar den Koffer, erinnert sich Gruner.

Vom Predigersohn zum Dirigenten

Blomstedt wurde 1927 als Sohn schwedischer Eltern, eines Predigers und einer Pianistin, in den USA geboren. Von seiner Mutter erhielt er ersten Musikunterricht. Als Kind wäre er wie am liebsten Lokführer geworden. Als Abiturient hatten es ihm Fächer wie Mathematik, Geschichte, Geografie und Sprachen angetan. Auf den Spuren seines Vaters hätte er aber auch Theologie studieren können. Blomstedt war bekennender Sieben-Tage-Adventist. Dann entschied er sich für die Musik, studierte in Stockholm Geige, später auch Dirigieren unter anderem bei Leonard Bernstein. 1954 gab Blomstedt sein Dirigentendebüt bei den Stockholmer Philharmonikern.

Nach ersten Chefstellen in Skandinavien debütierte er 1969 bei der Dresdner Staatskapelle, die er von 1975 bis 1985 als Chefdirigent leitete. Danach machte er die San Francisco Symphony zu einem Spitzenorchester. 1996 kehrte er nach Deutschland zurück, wurde Chef des NDR-Sinfonieorchesters und 1998 Gewandhauskapellmeister in Leipzig.

Für sein Wirken erhielt Blomstedt zahlreiche Ehrungen. Die Stadt Leipzig verlieh ihm 2017 ihre Ehrenmedaille, 2022 wurde er mit dem Großen Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Im September 2026 erhielt er den japanischen Kunstpreis Praemium Imperiale.

„Eine Ausnahmeerscheinung“

„Herbert Blomstedt ist als Mensch, Musiker und Dirigent eine Ausnahmeerscheinung“, sagte Gewandhausdirektor Andreas Schulz zum 90. des Maestro. Wann immer er später zu den beiden sächsischen Orchestern zurückkehrte, war die Freude auf beiden Seiten groß.

Nach Blomstedts Tod würdigte Schulz ihn als einen der größten Musiker seiner Zeit. Er habe dem Orchester auch gezeigt, dass „Größe aus Bescheidenheit erwächst“. Bernhard Krug, Vorsitzender des Orchestervorstands, erinnerte an Blomstedts Antwort auf die Frage, was er hinterlassen wolle: „Freunde.“

„Ich hatte viele Freunde in den Orchestern, die ich geleitet habe“, bekannte Blomstedt in einem dpa-Interview 2017. Seine besten Freundschaften habe er aber abseits der Klangkörper gepflegt. Sein Bruder sei ein großes Vorbild gewesen. „Wir waren unzertrennlich, ich habe ihn sehr bewundert.» 

Dankbar sei er auch für seine 2003 gestorbene Frau Traute: „Sie liebte die Musik und war in jedem meiner Konzerte, auch wenn sie die Werke schon oft gehört hatte. Sie konnte nicht genug davon kriegen. Sie hat mir vier Töchter geschenkt, wunderbar verschiedene Menschen, die mir alle nahestehen.“

Musikalische Neugier blieb ein bestimmendes Wesensmerkmal für Blomstedt. „Ich entdecke auch in Werken, die ich oft gespielt habe, immer wieder Neues“, betonte der Musiker. Eigentlich habe er jeden Tag etwas Neues machen wollen und Gänsehaut bei vielen Werken bekommen. „Man muss so empfänglich und so sensibel sein, dass man mit Respekt und Dankbarkeit vor einem Werk steht. Man darf nie in Routine verfallen.» 

Es sind genau diese Eigenschaften, die Musiker so sehr an Blomstedt bewunderten: sein phänomenales Gedächtnis, seine geistige Frische, seinen Fleiß und seine Disziplin, seine menschliche Wärme.

„Ich bin für alles dankbar, für mein ganzes Leben“, sagte Blomstedt im Rückblick. Nie habe er sich in seiner Laufbahn eine Chefposition gesucht oder sich dafür beworben. „Sie sind immer zu mir gekommen.“ Dennoch sei er von Selbstzweifeln geprägt gewesen: „Ich habe mir stets die Frage gestellt, ob ich gut genug bin, um ein Orchester anzuführen.“ Das sei bis ins Alter so geblieben.

Wenn er gemerkt habe, dass Musiker dankbar für seine Anwesenheit waren, habe ihn das sehr beflügelt. Er habe seine Aufgabe mal darin gesehen, „dass die Musik möglichst viel sagt und ich möglichst wenig“.