Musical „& Julia“ in Stuttgart
: „Sisi“-Star Jannik Schümann spielt Shakespeare – und erfüllt sich einen Traum

InterviewVom Fernsehen ins Musical: Jannik Schümann übernimmt in „& Julia“ im kommenden Jahr für einige Aufführungen die Rolle des Shakespeare. Warum er dafür seine größte Angst überwinden musste und was ihn mit den Backstreet Boys verbindet.
Von
Gunther Reinhardt
Stuttgart
Schauspieler Jannik Schümann: ARCHIV - 19.11.2022, Berlin: Der Schauspieler Jannik Schümann bei einem Spaziergang in Berlin-Mitte auf der Museumsinsel. Er spielt die Rolle von Kaiser Franz Joseph I. von Österreich in der RTL+ Event-Serie «Sisi». In Vorbereitung auf eine neue Rolle trägt er derzeit Koteletten. (zu dpa: ««Charité»-Star Jannik Schümann hat Unbehagen bei Smartphones») Foto: Jens Kalaene/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Jannik Schümann wird nächstes Jahr zu Shakespeare im Stuttgarter Musical „& Julia“

Jens Kalaene/dpa

Für Jannik Schümann ist es eine Rückkehr zu seinen Anfängen: Schon mit neun Jahren stand der Schauspieler im Musical „Mozart!“ auf der Bühne. Nun wird er im Stuttgarter Musical „& Julia“ zum singenden Shakespeare. Im Interview verrät der „Sisi“-Star, weshalb er sich lange nicht an Gesangsunterricht herantraute, welchen Backstreet-Boys-Hit er besonders liebt und was er an Stuttgart schätzt.

Herr Schümann, in „& Julia” treffen die Backstreet Boys auf William Shakespeare. Wer liegt Ihnen näher?

Hm, schwierige Frage. Ich würde mich aber für William Shakespeare entscheiden. Eine meiner größten Leidenschaften ist das Lesen. Shakespeare hat in der Literaturwelt Meilensteine gesetzt. Ich liebe seine Geschichten, ich liebe das Drama. Im Englisch-Leistungskurs habe ich meine Abiturarbeit über „King Lear“ geschrieben. Shakespeare war das absolute Lieblingsthema in meiner gesamten Schulzeit.

Das Musical „& Julia“ bricht bewusst mit Shakespeare und ändert frech die Story von „Romeo und Julia”. Darf man so etwas mit Shakespeare überhaupt machen?

Ich habe zwar schon einige fantastische „Romeo und Julia“-Inszenierungen gesehen, aber auch sehr viele sehr schlechte. Deshalb freue ich mich, wenn man die Geschichte auch anders erzählt. Das Schöne an dieser Geschichte ist, dass man mit den Charakteren, die man liebgewonnen hat, auf eine weitere Reise gehen darf. Die Geschichte wird in die Jetztzeit versetzt und vermittelt dem Publikum so viele wahnsinnig wichtige Werte und Botschaften, die aktuell sind. Deswegen finde ich es super, dass man die Charaktere, die man liebt, mit toller Musik und einer großartigen Geschichte vereint.

Jetzt werden Sie selbst Teil der Geschichte und übernehmen für einige Shows die Rolle des Shakespeare.

Ich bin ein riesiger Musicalfan, deswegen habe ich „& Julia“ schon vor vielen Jahren im Londoner West End gesehen. Ich hatte keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, selbst einmal Shakespeare zu spielen. Ich habe mich aber sofort in das Stück verliebt, es dann noch zweimal in Hamburg noch zweimal gesehen. Ich bin so unfassbar froh, dass ich Teil dieses Stücks sein darf.

Wie kam das zustande?

Stage Entertainment ist auf mich zugekommen. Ralf Schaedler, der Casting Director, hat gesagt: „Jannik, ich hätte Bock, mit dir zusammenzuarbeiten. Wie sieht’s aus?“ Dann haben wir uns zum ersten Mal in Hamburg getroffen, im Dezember letzten Jahres, und mit dem Gesangslehrer Christian Schleicher gesungen. Wir haben erst einmal geguckt: Was ist möglich? Ich habe vorher noch nicht gesungen. Obwohl das mein größter Lebenstraum ist, hatte ich immer sehr großen Respekt, fast Angst davor, Gesangsunterricht zu nehmen. Ich hatte Angst vor einer Enttäuschung, gerade was das angeht. Dann habe ich einfach die beiden entscheiden lassen. Sie haben gesagt: „Da steckt Potenzial dahinter.“ Seitdem bekomme ich, seit zehn Monaten, Gesangsunterricht bei Christian. Im Sommer hatte ich dann natürlich auch ein internes Casting für „& Julia“. Wir haben nicht einfach zu dritt entschieden, dass wir das machen. Die Audition-Tapes wurden zum Regisseur und zum Kreativteam nach London geschickt, die sich das angeschaut haben.

Welche Szene ist für Sie am anspruchsvollsten?

Ich würde sagen: Alles vom Showanfang bis zum Showende (lacht). Aber ich liebe Herausforderungen. Das ist das, was mich an meinem Beruf am meisten interessiert. Vor „Sisi“ hatte ich auch noch nie auf einem Pferd gesessen. Dann habe ich für die Serie reiten gelernt und war drei Monate nach meiner ersten Reitstunde im Galopp in den lettischen Wäldern unterwegs. Das war unfassbar. Mich reizt an meinem Beruf, dass ich mir für jede Rolle neue Sachen aneignen und etwas lernen kann, egal ob auf der Bühne oder vor der Kamera. In diesem Fall sind es das Singen und das Spielen auf der Bühne. Mein Probenbeginn ist im Dezember. Ich freue mich wahnsinnig darauf und gucke einfach, was passiert.

Und dass Sie gut tanzen können, haben Sie vor zwei Jahren ja auch schon in der tollen Serie „Disco 76“ bewiesen.

Ja, aber auch da hatte ich vorher ein halbes Jahr Tanzunterricht genommen.

Sie standen aber tatsächlich schon als Neunjähriger das erste Mal auf der Musicalbühne.

Alles hat damals in der Neuen Flora in Hamburg mit dem Musical „Mozart!“ angefangen. Durch eine Zeitungsannonce bin ich zu der Rolle gekommen. Das war für mich die schönste Zeit meines Lebens. Deshalb ist, glaube ich, dieser Traum, auf einer Musicalbühne zu stehen, auch so präsent. Mit 15 habe ich dann noch einmal ein Jahr bei der Uraufführung von „Ich war noch niemals in New York“ im Stage Operettenhaus mitgemacht. Da hatte ich schon Erfahrungen, weil ich als Kind zwischendurch auch gedreht hatte. Ich habe damals schon angefangen, anders darüber nachzudenken: Was ist eine Rolle? Wie kreiert man sie?

Unter den Songs, die Shakespeare singt, sind mehrere Backstreet-Boys-Hits: „Larger Than Life“, „Everybody“ und „I Want It That Way“. Gibt es einen, auf den Sie sich besonders freuen?

Ich finde der ikonischste Backstreet-Boys-Song ist „Everybody“. Ich habe mich gestern mit meiner Schwägerin darüber unterhalten, wie glücklich ich bin, dass ich in einer Zeit der Bands groß geworden bin. Die No Angels, die Backstreet Boys, *NSYNC, Westlife, Atomic Kitten, die Spice Girls – das war die Zeit. Meine Kindheit bestand auch darin, dass ich mit meinen Freunden und Freundinnen im Kinderzimmer Band gespielt, getanzt und gesungen habe. „Everybody“ war einfach einer der Hits. Dass ich jetzt in einer Boyband auf der Bühne stehen darf und so tun kann, als wäre ich Teil der Backstreet Boys, wird, glaube ich, die Erfüllung eines kleinen Traums.

Das Pop-Musical „& Julia“

Musical Unter dem Titel „& Juliet“ wurde das Musical nach einem Buch von David West Read am 10. September 2019 in Manchester uraufgeführt, bevor es im November 2019 am Londoner West End Premiere feierte. Seit 2022 läuft es auch am New Yorker Broadway. Die deutsche Premiere fand im Oktober 2024 in Hamburg statt. Stuttgart ist seit Oktober 2026 die zweite Station des Musicals in Deutschland.

Handlung In „& Julia“ nimmt Julia aus Shakespeares „Romeo und Julia“ ihr Leben selbst in die Hand, entkommt ihrem tragischen Schicksal, reist nach Paris, verliebt sich neu und begegnet dort Romeo wieder.

Songs Die Geschichte von „& Julia“ wird entlang zahlreicher Popnummern erzählt, darunter „I Want It That Way“ von den Backstreet Boys, „Oops! … I Did It Again“ von Britney Spears, „I Kissed A Girl“ von Katy Perry oder „It's My Life“ von Bon Jovi.

Stuttgart Die Stuttgart-Premiere von „& Julia“ fand am 8. Oktober 2026 im Stage Palladium Theater statt. Tickets für Vorstellungen können hier gebucht werden.

Haben Sie ein Lieblingsmusical? Und gibt es eines, in dem Sie gerne einmal mitspielen würden?

Mein absolutes Lieblingsmusical lässt sich eindeutig beantworten: „Billy Elliot“. Es ist mein Lieblingsfilm und mein Lieblingsmusical. Es kommt zum Glück wieder ins Londoner West End, und ich freue mich darauf, im Frühjahr wieder für „Billy Elliot“ nach London zu reisen. Für mich ist das wirklich das allerschönste Stück. Und welches Stück ich am liebsten spielen würde, unabhängig davon, ob ich das singen kann oder nicht? Wenn sie sich irgendwann trauen – und ich hoffe, dass der deutsche Markt bereit dafür ist, weil es ein fantastisches Stück ist –, wenn also irgendwann „Hadestown“ nach Deutschland kommt, dann wäre die Rolle des Orpheus schon ziemlich genial.

Bevor wir Sie nächstes Jahr in Stuttgart auf der Musicalbühne erleben dürfen, können wir sie noch in der Comedyserie „Jossi“ sehen, die am 12. November startet. Sie spielen darin den russisch-deutschen Schauspieler Wanja, der sich als Jude ausgibt, um die Hauptrolle in einer internationalen Serie zu bekommen. Welcher Aspekt an der Serie hat Sie am meisten interessiert?

Die Satire auf die Filmbranche. Die große Frage ist ja: Darf man das?  Es wird sich ja auch oft Die Frage gestellt, ob heterosexuelle Menschen queere Rollen spielen dürfen und wie wir – die queere Community – das finden, gibt es ja auch. Wollen wir das ändern? Diese Debatte habe ich wie eine Schablone auf das Projekt gelegt. Deswegen konnte ich mich so damit identifizieren. Was muss ich privat, was muss ich persönlich als Schauspieler mitbringen, um eine Rolle spielen zu dürfen? Das ist eine große Frage, die man nicht in einem Satz beantworten kann. Darüber kann man diskutieren. Das war es, was mich an der Serie so gereizt hat.

Sie waren an der #ActOut-Aktion beteiligt, bei der es auch darum ging, dass die eigene Identität die Möglichkeit, Rollen zu spielen, nicht einschränken sollte. Der Regisseur in „Jossi“ dreht das um und verlangt, dass ein Jude von einem Juden gespielt werden muss. Sollte grundsätzlich jeder Schauspieler und jede Schauspielerin spielen können, was sie möchten?

Ich finde, es gibt Grenzen. Grundsätzlich ist mein Beruf der des Schauspielers. Ich spiele einen Charakter, eine Person, die im besten Fall nichts mit mir zu tun hat.  Es gibt aber natürlich auch da Grenzen. Diese Frage kann ich nicht mit Ja oder Nein beantworten.

Sind Schauspieler nicht ohnehin professionelle Lügner, weil sie uns ständig etwas vormachen? Wäre Wanja insofern eigentlich ein hervorragender Schauspieler, weil er fast nur lügt?

Diese Frage habe ich am Set oft mit dem Regisseur durchgekaut: Inwiefern ist Wanja eigentlich ein guter Schauspieler? Es klingt sehr negativ, wenn wir sagen, Schauspieler seien große Lügner. Das möchte ich so auch nicht vertreten. Wir müssen uns ja selbst glauben und etwas empfinden, um etwas übertragen zu können. Die Gefühle, die wir übertragen, sind im besten Fall wahrhaftig.

Als wir uns vor zwei Jahren schon einmal unterhalten haben, haben Sie gesagt, dass Sie gerne einmal in einer Produktion mitspielen würden, die queeres Leben ohne Stereotype abbildet. Haben Sie den Eindruck, dass Diversität heute besser dargestellt wird als noch vor zwei Jahren?

Ich denke, wir sind auf einem sehr guten Weg, aber noch nicht am Ziel angekommen. Leider erleben wir gerade auch wieder einen Backlash. Wir trauen uns gewisse Dinge nicht und reproduzieren Stereotype und traditionelle Rollenbilder. Wir waren also schon einmal auf einem besseren Weg. Es gab aber auf jeden Fall Produktionen, die toll waren. Und um den Bogen zurück zu „& Julia“ zu schlagen: Das ist ein schönes Stück, das stereotypisierte Rollenbilder aufbricht und auf wunderbare Weise zeigt, dass das alles möglich sein sollte.

Es gibt Menschen, die finden „& Julia“ sei eskapistisch. Ich finde eher, dass das Musical unter der bunten Oberfläche hochpolitisch ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand, der die AfD gut findet, das Musical mag.

Dann haben wir alles richtig gemacht. Ja, genau. Das als eskapistisches Stück zu bezeichnen, finde ich eine so typisch deutsche Aussage. Es kommt doch immer darauf an, in welcher Bubble man lebt. Meine Bubble, in der ich persönlich lebe, ist die von „& Julia“. Ich wünschte mir, dass viele andere Menschen auch in diese Bubble kommen und sehen, wie schön das Leben ist, wenn man alle Menschen so liebt, wie sie sind.

Sie gastieren im Januar und Februar bei „& Julia“ Stuttgart. Kennen Sie die Stadt schon?

Ich habe vor gar nicht so langer Zeit für den Kinofilm „Cyberpunk Romance“ in Stuttgart gedreht. Da war ich allerdings am anderen Ende der Stadt – in Zuffenhausen. Und ich war natürlich schon wahnsinnig oft im Apollo- und im Palladium-Theater. Deswegen kenne ich die Gegend gut. Ein guter Freund von mir ist wieder nach Stuttgart gezogen, zurück in die Heimat. Ich freue mich auf die Zeit dort.

Jannik Schümann in „& Julia“ in Stuttgart

Jannik Schümann (34) stammt aus Hamburg. Als Neunjähriger spielte er in dem Musical „Mozart“ den Titelhelden als Kind. Seinen ersten TV-Auftritt hatte er als Elfjähriger in der ZDF-Serie „Die Rettungsflieger“. Er spielte seither in zahlreichen Filmen und Serien mit – zum Beispiel in „Charité“, „Sisi“ oder „Disko 76“. Im November 2026 startet die Serie „Jossi“ mit ihm in der Hauptrolle auf arte.tv und in der ARD Mediathek. 2020 outete sich Schümann auf Instagram als homosexuell, 2021 beteiligte er sich an der Aktion #ActOut, bei der sich 185 Menschen aus dem Bereich der darstellenden Künste als lesbisch, schwul, bisexuell, queer, intergeschlechtlich oder transgender outeten.

„& Julia“-Spieltermine Jannik Schümann

Jannik Schümann wird an den folgenden Spieltagen in der Rolle von „William Shakespeare“ im Stage Palladium Theater zu sehen sein (alle Angaben ohne Gewähr):

  • Donnerstag, 28.01.2027, 19:30 Uhr
  • Freitag, 29.01.2027, 19:30 Uhr
  • Samstag, 30.01.2027, 15:00 Uhr und 19:30 Uhr
  • Donnerstag, 04.02.2027, 19:30 Uhr
  • Freitag, 05.02.2027 19:30 Uhr
  • Samstag, 06.02.2027, 15:00 Uhr und 19:30 Uhr
  • Freitag, 19.02.2027, 19:30 Uhr
  • Samstag, 20.02.2027, 19:30 Uhr