Ministerin Petra Olschowski: „Wir brauchen eine Liebeserklärung an unsere Orte der Kultur“

Petra Olschowski (Grüne), Baden-Württembergs Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst, zeigte sich auch in unserer Reihe "Über Kunst" 2025 in der Staatsgalerie Stuttgart zum Thema „KunstLänd - wie weiter?" hoch engagiert - hier im Dialog mit Stefanie Patruno, Direktorin des Kunstmuseums Karlsruhe .
Lichtgut/Julian RettigFrau Ministerin Olschowski, in seiner Rede zur Eröffnung der Bayreuther Festspiele sagte Michel Friedmann: „Es wäre wünschenswert, dass die Vulgarität, Aggression, die Ich-Bezogenheit, der Egoismus in diesem Land wieder ersetzt werden durch Respekt, Liebe und Anerkennung, auch einer Anerkennung für unsere vielen Festspielorte: Das sind die Theater im Land, die Opern, die Universitäten, die Museen und Schulen.“ Hat Friedmann recht?
Was Michel Friedman hier beschreibt, empfinde ich tatsächlich als eine gefährliche Entwicklung: Beinahe scheinen diese „Festspielorte“, die ja zugleich zentrale Institutionen unserer Gesellschaft sind, zu einer kollektiven Last geworden. Die Debatten dazu gleichen sich und bedienen dabei oft das Bild einer Abwärtsspirale: Unsere Bildungseinrichtungen – intellektuell verarmt und international kaum konkurrenzfähig. Die Theater und Museen im Land – reine Subventionsbetriebe. Die Opernhäuser – teure Sanierungsfallen.
Was halten Sie dagegen?
Erst einmal die Frage: Ist das wirklich so? Ich sehe das nicht. Vielmehr sind es doch fast immer lebendige Räume, Impulsgeber auf hohem Niveau, wichtige Partner im internationalen Miteinander. Das konnte ich gerade wieder auf meiner Reise in die USA erleben. Wer diese Orte des Diskurses für tot erklärt, schwächt zugleich zentrale Pfeiler der Demokratie. Und das ist ja oft genau das Ziel. Was wir daher brauchen - und so verstehe ich Michel Friedman an dieser Stelle -, ist nicht weniger als eine Liebeserklärung an unsere „Festspielorte“, alle unsere Bühnen der Kultur, der Bildung, der Wissenschaft – allen Unkenrufen zum Trotz und im Sinne einer neuen Stärkung von Respekt und Anerkennung.

Ministerin Petra Olschowski am Rednerpult im Stuttgarter Landtag
www.imago-images.deGegen eine solche „Liebeserklärung“ hätte wohl niemand etwas einzuwenden. Oder reicht diese für Sie tiefer?
Auf den 6. September dieses Jahres fällt der 80. Jahrestag einer Rede, die den Diskurs in Nachkriegsdeutschland maßgeblich beeinflusst hat. Ich spreche von der „Speech of Hope“ des US-amerikanischen Außenministers James F. Byrnes 1946 im Stuttgarter Opernhaus. Sie leitete nicht nur die Aussöhnung zwischen Deutschen und Amerikanern ein, sondern war auch ein eindringlicher Appell an die deutschen Staatsbürger selbst, Verantwortung für den Aufbau und die Konsolidierung einer stabilen demokratischen Zivilgesellschaft zu übernehmen: „Das amerikanische Volk hofft, ein friedliches und demokratisches Deutschland zu sehen, das seine Freiheit und Unabhängigkeit erlangt und behält.“
Eine Hoffnung, die Realität geworden ist.
Zum Glück. Aber wir dürfen uns darauf nicht ausruhen. Denn - diese Rede liest man heute mit einem anderen Blick auf die USA und aus den USA. Vor allem ist sie heute nicht mehr nur eine Rede der Hoffnung für Deutschland und damit auch für Europa. Sie ist auch eine Rede der Verpflichtung. Unserer gemeinsamen Verpflichtung, für unsere Demokratie zu kämpfen.
Und dies mit Kultur als Eigengewicht?
Auch. In diesem Sinne lese ich Michel Friedmans am Ende seiner Rede in Bayreuth aufgeworfene Frage - besser noch seinen Weckruf - an die „müden Demokraten“: „Alles geht – wenn wir es wollen. Ich will. Wollen Sie auch?“ So sehr diese Frage an uns alle gerichtet ist. Sie muss an erster Stelle mal von jenen bejaht werden, die politische und gesellschaftliche Verantwortung für diese Demokratie und ihre Orte tragen. Mehr noch: Wer das Privileg der Gestaltungsmacht hat, darf nicht beim Wollen bleiben.
Dessauer Erklärung
Die für Kultur zuständigen Ministerinnen und Minister sowie Senatoren der Bundesländer bekennen sich mit der am 20. August verabschiedeten „Dessauer Erklärung“ gemeinsam und unmissverständlich zur Freiheit von Kunst und Kultur in ganz Deutschland. Aus Anlass des 100-jährigen Bauhaus-Jubiläums warnen sie vor politischer Einflussnahme, finanziellen Sanktionen und jeder Form von Zensur. Die Länder bekräftigen ihre gemeinsame Aufgabe, die Räume künstlerischer Freiheit zu schützen und - wo immer möglich - zu erweitern.
Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg, sagte am 20. August hierzu: „Die Geschichte des Bauhauses zeigt auf beeindruckende Weise, welch enorme Innovationskraft in den Künsten steckt, wenn sie sich frei entfalten können. Gleichzeitig ist das Ende der Kunstschule nach ihrer Schließung durch die Nationalsozialisten 1933 ein mahnendes Beispiel dafür, wie die Freiheit der Kunst von Demokratiefeinden beseitigt wird. Aktuelle politische Tendenzen, die eine Einschränkung der Kunst zur Folge hätten, verlangen Widerspruch. Wenn Kulturpolitik nicht mehr der Maxime folgt, die Räume für die freie Entfaltung von Kunst und Kultur offen zu halten, sondern Räume verengt, zum Beispiel in dem nationalistisch-völkische Inhalte vorgegeben und davon die Förderung abhängig gemacht werden soll, ist das der Anfang vom Ende unserer Demokratie. Kulturpolitik muss Räume für die freie Entfaltung der Künste offenhalten, das ist elementar für unser Zusammenleben als vielfältige, offene Gesellschaft in unserer liberalen Demokratie.“
Wollen Sie sich selbst zum Handeln verpflichten? Inwiefern?
Es sind nicht nur die leeren Kassen, die an vielen Orten die Substanz unserer demokratischen Infrastruktur gefährden. Es ist auch die Unlust von vielen Entscheidungsträgern vor schwierigen Debatten, die möglicherweise auch die Politikmüdigkeit in unserem Land verstärkt. Geradezu verängstigt wird da an vielen Orten agiert. Sich lieber gar nicht positionieren als irgendwo anecken scheint oft die Devise.
Wollen Sie uns allen und sich selbst Mut machen?
In gewisser Weise schon. Wenn wir die noch immer große Mehrheit in unserem Land, die an Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat glauben, wieder wachrütteln wollen, wenn wir von den Bürgern erwarten, dass sie sich als Citoyen engagieren, dann müssen wir in den Führungsetagen, Intendanzen und Rektoraten selbst bereit sein, uns auch unbequemen Debatte zu stellen. Zu streiten für das, was uns Kultur, Bildung, Wissenschaft wert ist.
Eben dies geschieht doch aber vielerorts.
Ja, aber wir müssen darüber hinaus bereit sein, Solidarität zu leben, statt im Angesicht knapper Kassen wieder in die alten Verteilungskonflikte zurückzufallen. Denn es geht ja um mehr: Karl Jaspers hat 1945 in seiner Heidelberger Grundsatz-Rede „Erneuerung der Universität“ die Freiheit von Lehre und Forschung zur Existenzbedingung der liberalen Demokratie erklärt und dies später bekräftigt: „Nur ein freies Staatswesen wird seinen Universitäten die volle, durch keine außerwissenschaftliche Beeinflussung eingeschränkte Lehr- und Forschungsfreiheit garantieren.“
Spielen Sie auf Interessen an, diese Freiheit einzuschränken?
Die in Artikel 5 des Grundgesetzes verbürgte Kunst- und Wissenschaftsfreiheit ist einer der besten Indikatoren für unserer demokratische Verfasstheit: Und genau hier zeigen sich mehr und mehr Sollbruchstellen.
Wo und wie?
Längst nicht mehr nur kommen die Nachrichten von Einschüchterungsversuchen oder gesteuerten Kampagnen gegenüber Wissenschaftlern aus den USA oder anderen ins Autoritäre gleitenden Staaten. Bedrohungen gibt es auch in Deutschland. Wissenschaftler, Kulturschaffende und Bildungsakteure ringen um Freiheit und Anerkennung von Evidenz.
Und Sie vermissen eine übergreifende Gegenbewegung?
Sagen wir es so: Ich sehe mindestens so viel Selbstzensur wie Mut zur klaren Positionierung. Aber hier kann es keine Ausrede geben, sich nicht offen gegen verfassungsfeindliche oder demokratiezersetzende Positionen zu stellen. Das Beamtenrecht sieht eine Pflicht zur aktiven Verteidigung der Verfassung vor. Mehr noch: Als eine der Lehren des Scheiterns der Weimarer Republik gibt es eine Remonstrationspflicht, die Widerspruch bei Bedenken gegen die Rechtmäßigkeit dienstlicher Anordnungen erfordert.
Sehen Sie diese „Pflicht“ nicht ausreichend beachtet?
Um in diesen Debatten zu bestehen, braucht es Mut. Die politischen Gegner haben die Kultur- und Bildungspolitik längst zu ihrer ureigensten Domäne erklärt. Da wird ungehemmt die völkische Bühne, die nationale Kultur, die vermeintlich von ideologischem Ballast befreite Wissenschaft beschworen. Ganz weg soll am besten alles, wo sich die Freiheit der Kunst, die Freiheit des Denkens ihren Raum nimmt.

Mit klaren Worten auch an die Verantwortlichen der Kulturszene machte Petra Olschowski bereits als Staatssekretärin auf sich aufmerksam.
Lichtgut/Leif PiechowskiDie formulierten Anwürfe sind exemplarisch. Es ist ja kein Zufall, dass ausgerechnet das Bauhaus zur Zielscheibe wird, ausgerechnet jene von Walter Gropius gegründete Kunstschule, die nach ihrer Gründung in Weimar ab 1925 Zuflucht in Dessau fand, weil in Thüringen reaktionäre Kräfte die Mehrheit erhielten, das Budget drastisch kürzten und das Bauhaus faktisch abwickelten. Aber es geht um viel mehr.
Was macht Ihnen Sorgen?
Mich treibt die Frage um: Wie können wir die Kunst- und Wissenschaftsfreiheit so robust wie möglich absichern? Eine Hochschulfinanzierungsvereinbarung, wie sie die meisten Länder und auch Baden-Württemberg für fünf Jahre gemeinsam zwischen Landesregierung und allen staatlichen Hochschulen abgeschlossen hat, die unseren Hochschulen Planungssicherheit und finanzielle Sicherheit gibt, kann mit einfachen Mehrheiten aufgekündigt werden. Rundfunkstaatsverträge, Kulturzuschüsse, Förderprogramme – alles aufkündbar, wenn es politisch nicht mehr genehm ist. Hier, ganz konkret, fängt unsere Verpflichtung an.
Wie meinen Sie das?
Wir müssen uns wappnen, wie wir es in der Wissenschaftsministerkonferenz kürzlich gemacht haben. Dazu gehören: Mehrheitsentscheidungen statt Einstimmigkeitsprinzip, wo notwendig, um handlungsfähig zu bleiben, mehr verbindliche Verträge statt auf Konsens angelegter Vereinbarungen. All das wird aber nichts nützen, wenn in unserer vom Wettbewerb geprägten Welt, gerade in der Wissenschaft, nicht ein alter Wert Einzug hält, den ich für zentral halte: Solidarität. Wenn die Unterstützung aus den eigenen Reihen fehlt, woher soll sie dann kommen?
Sie sehen die Verantwortlichen der Einrichtungen stärker in der Pflicht?
Unser Grundgesetz ernst nehmen heißt, sich nicht wegzuducken aus Bequemlichkeit. Ja, es verlangt uns als politischen Entscheidern einiges ab, aber auch uns Bürgerinnen und Bürgern. Wir müssen und dürfen, wie auch Michel Friedman anmerkt, da, wo öffentliches Geld fließt, auch von den Institutionen mehr einfordern: Mehr Diskurs, mehr Sichtbarkeit, neue Formate!
Wer heute für eine Kultureinrichtung Verantwortung trägt, wird eben dies für sich beanspruchen - und den Ball nur zu gerne zurückgeben.
Mit Recht – die Verantwortung besteht ja in alle Richtungen. Ja, wir müssen auch politisch mehr als bisher bereit sein, in die Schmerzpunkte der Debatten zu gehen: Das heißt, dass wir eben auch dann für eine Opernhaussanierung werben, wenn der Wind von vorne bläst. Und wir müssen gerade dann für eine verlässliche Hochschulfinanzierung kämpfen, wenn im gleichen Moment die Schlagzeilen vom Stellenabbau in der Autoindustrie dominierend sind.
Auch, weil nicht nur einmal in der Geschichte diese „Festspielorte“ Bühnen politischer Selbstbestimmung wurden?
Auch dies. Erinnert sich noch jemand daran, dass am 18. März 1920 die Weimarer Nationalversammlung in Stuttgart getagt hat? Während des rechtsnationalen Kapp-Lüttwitz-Putschversuchs in Berlin war das Kunstgebäude in der Stuttgarter Innenstadt vorübergehend zum Zufluchtsort für die Volksvertreter der jungen deutschen Demokratie geworden.
„Was muss eigentlich noch passieren, dass wir unsere Demokratie persönlich verteidigen?“, fragte Michel Friedmann in Bayreuth.
Ist die Frage vielleicht eher, ob wir unsere Demokratie wirklich verteidigen wollen?
So oder so kann es nur eine Antwort auf diese für unser Zusammenleben essenzielle Frage geben: Ja, wir wollen. Und wir müssen. Und wir können es auch. Wenn wir die Festspielorte der Demokratie wieder beleuchten. Wenn wir sie für stürmische Zeiten rüsten, sie vertäuen und mit Leidenschaft verteidigen. Und auch, wenn wir sie ernst nehmen und Anforderungen an Veränderung stellen. Wenn von dort ein Strahlen ausgeht, das auch jene erreicht, die nicht mehr zur Schule gehen, die nicht studieren oder das Dauerabo fürs Theater haben. Wenn wir diese Orte so ausstatten, dass wieder in aller Sichtbarkeit das sein dürfen, was sie sein können: laut, streitlustig, widerspenstig. Orte der Orientierung, der Auseinandersetzung. Orte, die Entwicklungen anstoßen, Missstände aufzeigen und Persönlichkeiten hervorbringen. Voller Respekt, Liebe und Anerkennung. Wir brauchen diese Orte.
Petra Olschowski
Geboren wurde Petra Olschowski am 29. Juni 1965 in Stuttgart. Nach dem Abitur entschied sie sich zunächst für eine Lehre als Einzelhandelskauffrau im Kunsthandel, 1986 schloss sie das Studium der Kunstgeschichte und Germanistik an der Universität Stuttgart an, das sie mit dem Magister Artium abschloss. Schon während der Studienzeit arbeitete sie als freie Journalistin, unter anderem für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, als freie Lektorin für den Kunstbuchverlag Hatje Cantz und die Bundeskunsthalle in Bonn, als Dozentin für Kostümkunde und Kunstgeschichte sowie als Kuratorin von Ausstellungen im In- und Ausland.
Von 1996 bis 2002 war sie nach einem Volontariat als Redakteurin bei der Stuttgarter Zeitung tätig, wo sie zunächst im Sportressort, dann in der Innenpolitik und schließlich im Feuilleton tätig war. 2002 wechselte sie als Geschäftsführerin an die Kunststiftung Baden-Württemberg GmbH, wo sie spartenübergreifend Förderprogramme entwickelte. Von 2010 an leitete sie als erste Rektorin die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart.
Sie war mehrere Jahre als Sachkundiges Mitglied im Kulturausschuss des Stuttgarter Gemeinderats engagiert und hatte vor Amtsantritt zahlreiche Ehrenämter inne, unter anderem als Vorsitzende des Württembergischen Kunstvereins, als Mitglied des Kuratoriums der Künstlersozialkasse des Bundes, in der Kommission Kunst am Bau Baden-Württemberg und im Kuratorium der Triennale Kleinplastik in Fellbach.
Von Mai 2016 bis September 2022 als Staatssekretärin im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst tätig, wurde Petra Olschowski Ende September 2022 Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Baden-Württemberg. Seit 2021 ist sie als direkt gewählte Abgeordnete für Die Grünen Mitglied des baden-württembergischen Landtags.