Nach dem Angriff auf eine Jugendgruppe in einer Regionalbahn bei Rottweil berichtet eines der mutmaßlichen Opfer über die Ereignisse.
Der Angriff auf mehrere Jugendliche in einer Regionalbahn bei Deißlingen am 15. Mai hat viele Menschen bewegt. Nun hat sich Ahmed, einer der Betroffenen, bei unserer Redaktion gemeldet. Der 16-Jährige (vollständiger Name ist der Redaktion bekannt) möchte über das Erlebte sprechen, um auf die Folgen solcher Gewalttaten aufmerksam zu machen und für mehr Zivilcourage zu appellieren.
Ahmed gehört nach eigenen Angaben zu den sechs Jugendlichen, die an diesem Abend in der Regionalbahn auf dem Weg nach Rottweil angegriffen wurden. Die Gruppe hatte zuvor Zeit in einem Jugendhaus verbracht und trat gegen 21.45 Uhr die Heimfahrt an.
„Wir hatten gute Laune, haben geredet und gelacht und nach einem Sitzplatz gesucht“, erinnert sich Ahmed. Als er an einem Mann vorbeiging, sei er von diesem angesprochen worden. Der Mann habe auf Türkisch oder Kurdisch mit ihm gesprochen, das konnte er nicht genau verstehen. „Ich dachte, er hätte ein Problem und blieb stehen“, erzählt der Jugendliche. Die Hose des Mannes sei nass gewesen, außerdem habe dieser ihn an der Hand festgehalten. Ahmed habe den Mann gefragt, ob alles in Ordnung sei, da er davon ausgegangen sei, dass dieser Hilfe benötige.
Die Polizei sollte später mitteilen, dass der 24-Jährige stark alkoholisiert war. Ein Atemalkoholtest ergab einen Wert von 1,8 Promille.
Die Situation eskaliert
Doch die Situation eskalierte plötzlich. „Der Mann ist auf unsere Gruppe losgegangen und hat angefangen, uns zu schlagen“, berichtet Ahmed. Die Jugendlichen hätten mehrfach versucht, ihn zum Aufhören zu bewegen. „Dann ging alles ganz schnell. Es fing mit Geschubse an, und jeder hat Schläge abbekommen.“
Ein Teil der Gruppe konnte sich in die Zugtoilette flüchten. Ahmed und ein weiterer Freund befanden sich jedoch noch im Wagen. Der Angreifer sei auf ihn zugekommen. Ahmed stellte sich nach eigenen Angaben schützend vor seinen Freund. Daraufhin habe ihn der Mann zunächst an der Hand gepackt und anschließend gewürgt.
„Ich hatte den Eindruck, er will mich umbringen“, erzählt der 16-Jährige mit zittriger Stimme. Der Griff sei immer fester geworden. Sein Freund habe hinter ihm gestanden. „Ich habe noch versucht zu sagen: ,Ich kann nicht mehr.‘“
Die anderen Jugendlichen hätten versucht einzugreifen, um ihrem Freund zu helfen. Nach ihren Schilderungen sei der Angreifer schließlich zu Boden gegangen, habe Ahmed jedoch weiterhin am Hals festgehalten. An die letzten Momente könne er sich selbst nicht erinnern, sagt Ahmed, er verlor das Bewusstsein.
Fehlende Zivilcourage
Die Jugendlichen hätten ihn anschließend in die Zugtoilette gezogen und die Tür abgeschlossen. Dort sei der 16-Jährige wieder zu sich gekommen. Von dort aus verständigten die Jugendlichen den Notruf. Zudem hätten sie den Notrufknopf im Zug betätigt und laut um Hilfe gerufen.
Besonders belastend ist für Ahmed und seine Eltern jedoch ein anderer Aspekt des Vorfalls. Trotz der Hilferufe sei bis zur Ankunft des Zuges in Rottweil niemand eingeschritten. Erst dort habe die Polizei die Jugendlichen aus der Zugtoilette befreit.
Nach Ahmeds Schilderungen befanden sich während des Vorfalls etwa zehn bis 15 erwachsene Personen im Zug, aber niemand habe geholfen. „Ich bin froh, dass ich nicht alleine war, sonst wäre ich noch hilfloser gewesen, was soll ich als Kind gegen einen erwachsenen Mann machen? “, sagt er. Er hätte sich gewünscht, dass Zugpersonal anwesend gewesen wäre oder jemand eingegriffen hätte.
Die Folgen
Als Konsequenz fordert der Jugendliche mehr Sicherheit in den Abendstunden an Bahnhöfen und in Zügen. Sein Vorschlag: Sicherheitspersonal in Zügen, insbesondere zu später Stunde. Tagsüber seien die Züge häufig voller und die Wahrscheinlichkeit größer, dass Menschen eingreifen. Nachts sei dies offenbar nicht selbstverständlich.
Auch mehr als zwei Wochen nach dem Vorfall leidet Ahmed nach eigenen Angaben noch unter den Folgen. Er habe teilweise weiterhin Schmerzen, außerdem verfolge ihn das Erlebte in Alpträumen. Zug fährt er derzeit nicht mehr. „Sollte ich wieder Zug fahren, dann nur mit Erwachsenen zusammen. Ich habe einfach zu viel Angst“, sagt der 16-Jährige. Derzeit fahren ihn seine Eltern mit dem Auto.
Der 24-jährige wurde in Gewahrsam genommen, gegen ihn wird wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt.