Walter Bingham wuchs in Karlsruhe auf. Als Jugendlicher musste der Jude vor den Nazis fliehen. Mit 102 Jahren erzählt er nun in seiner alten Heimat von den damaligen Zuständen.
Walter Bingham ist voller Energie. Als er in den Räumen des Vereins Zedakah am Sonntagabend als „über 100-Jähriger vorgestellt wurde“, wies er lautstark darauf hin, dass er bereits 102 Jahre alt ist.
Als ihm zwei Menschen auf die Bühne helfen wollten, machte er klar, dass er maximal einen Helfer brauche – wenn überhaupt. Und als er auf der Bühne saß, auf der er als Zeitzeuge von seinen Erfahrungen als Jude unter dem Nationalsozialismus erzählte, war Moderator und Schuldekan Thorsten Trautwein nicht viel mehr als ein Stichwortgeber.
Eine erfolgreiche Familie Er wurde als Wolfgang Billig 1924 in Karlsruhe geboren. Seine Familie väterlicherseits kam über Wien, Galizien und München schließlich nach Baden. Der Vater arbeitete beim Karlsruher Tagblatt als Schriftsetzer. Seine Mutter verkaufte Bettwäsche. Und die Großmutter hatte auf der Kaiserstraße ein Geschäft, indem sie Arbeitskleidung verkaufte. Die Billigs wohnten auch in der Kaiserstraße, zuerst im Haus 109, später in Nummer 211. Und sie waren Juden. Das, so erzählt es Bingham, hatte für ihn zunächst nur eine Auswirkung: Er musste jeden Abend zur großen Synagoge in den Religionsunterricht. „Alles war gut“, blickte er auf diese Jahre zurück.
Doch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 veränderte sich das Leben der Familie dramatisch.
Bücherverbrennung miterlebt
Der Boykott jüdischer Geschäfte entzog den Billigs die wirtschaftliche Grundlage. Auch der Vater verlor seinen Job. Und dazu kamen immer offenere Anfeindungen.
Bingham erzählte, wie er als kleiner Junge die Bücherverbrennung auf dem Schlossplatz miterlebte. Viele hätten die Werke jüdischer Autoren „mit Freude ins Feuer geworfen“. Vor der Wohnung in der Kaiserstraße paradierten die Nazis vorbei. „Ich sah Hitler einige Male von unserem Balkon“, so Bingham.
Verprügelt und geschlagen Er besuchte die Pestalozzischule. Die Eltern seiner Mitschüler wählten Hitler, erinnert sich Bingahm. Manche gingen zur Hitlerjugend. Einer habe ihm den HJ-Dolch mit der Gravur „Blut und Ehre“ gezeigt – als Drohung. Der junge Walter musste in der Klasse hinten sitzen, wurde von Lehrern und Schülern schikaniert. Die Juden seien die Sündenböcke für alles Schlechte gewesen. „Die konnten machen mit mir was sie wollten. Und das taten sie auch“, sagt er. Er sei verprügelt und geschlagen worden. Schließlich durfte er die Schule gar nicht mehr besuchen. Die jüdische Gemeinde ermöglichte ihm in Mannheim einen weiteren Schulbesuch. Ausgeschlossene Lehrer und Schüler fanden in der dortigen Synagoge Zuflucht.
Dort erlebte Bingham auch die Reichspogromnacht 1938. Die Synagoge brannte aus. Bis dahin habe seine Familie immer noch gedacht, Hitler würde vielleicht wieder abgewählt, erinnert er sich.
Aber es kam noch schlimmer: Die Nazis nahmen seinen Vater fest und verschleppten ihn an die polnische Grenze zum Arbeitseinsatz. Für seine Mutter war klar, dass ihr Sohn das Land verlassen muss. Und Bingham bekam einen Platz in einem Kindertransport nach England. Teilweise seien die Kinder nicht einmal zwei Jahre alt gewesen, erzählt er. Viele habe das traumatisiert. „Am 25. Juni 1939 verließ ich Deutschland“, so Bingham.
Als Soldat zurück nach Deutschland Seine Eltern hatten weniger Glück. Sein Vater kam ins Warschauer Ghetto, seine Mutter als Zwangsarbeiterin ins Baltikum.
Bingham trat ins britische Militär ein. Als Teil einer Sanitätseinheit landete im Juni 1944 in der Normandie. Für seine Tapferkeit bekam er Orden vom britischen König und der französischen Republik. Schließlich kam Bingham nach Hamburg, wo er für das britische Militär nach Nazi-Verbrechern fahndete.
Als Erster gehängt
Dabei traf er auf den NS-Außenminister Joachim von Ribbentrop. Den fragte er nach der Judenvernichtung. „Das war der Führer. Ich habe es aus der Zeitung erfahren“, habe ihm Ribbentrop geantwortet. „Ich dachte der ist verrückt“, schildert Bingham seine damalige Reaktion. „Der war Außenminister. Der wusste alles, was geschah“, sagt er. Mit Genugtuung führt Bingham aus, dass Ribbentrop später in Nürnberg als Erster gehängt wurde.
Heimkehr nach Israel Für Bingham gab es nach dem Krieg ein Wiedersehen mit seiner Mutter. Die Flucht nach Schweden rette ihr das Leben. Sein Vater überlebte die Shoah nicht. Bingham selbst kehrte nach England zurück. Er heiratete, wurde Vater, arbeite als Journalist und Model. Nach dem Tod seiner Frau wanderte er 2004 schließlich nach Israel aus. Jerusalem sei für ihn wie ein Magnet, sagt Bingham. Deutschland sei keine Heimat und auch in England habe er sich nie wirklich daheim gefühlt. In Jerusalem sei das anders: „Jetzt bin ich zu Hause. Das war die beste Entscheidung meines Lebens“.
Binghams Auftritt bei Zedakah stand im Zeichen der Erinnerungsarbeit des Vereins. „Erinnerung ist ein Auftrag an uns, heute anders zu handeln“, sagte Bereichsleiter Jair Bayer. Auch Landrat Helmut Riegger sah diesen Auftrag. Dass jüdisches Leben in Deutschland heute wieder bedroht werde, sei „eine riesige Schande für dieses Land“. Rabbiner Mordechai Mendelson von der chassidisch-orthodoxen Chabad-Gemeinde in Karlsruhe dankte für diese Worte. Gerade seit dem 7. Oktober 2023 merke er, dass Juden in Deutschland, trotz allem, eben auch viele Freunde hätten.