Können die neun rassistischen Morde von Hanau am 19. Februar 2020 ein Thema auch der Kunst sein? Und wie! „Three Doors“ im Württembergischen Kunstverein Stuttgart ist für viele jetzt schon die Ausstellung des Jahres.
Der Flug des Polizeihubschraubers in der Nacht des 19. Februar 2020, in der Nacht des Mordes an neun Menschen in Hanau, hat keine Struktur, er folgt keinem geografischen Bild, keiner ablesbaren Beobachtungsrichtung. Wie auch. Ein Mitschnitt des Piloten-Dialogs an Bord zeigt: Die Hubschrauberbesatzung hat nur einen Ortshinweis, keine Anweisungen, weiß nicht, nach was und nach wem sie suchen soll.
So kreist der Hubschrauber buchstäblich ins Leere, während unter ihm der Todesschütze Tobias R. sein Fahrzeug parkt, das elterliche Haus aufsucht, dort erst die Mutter und dann sich selbst erschießt. Was einzig bleibt von diesem Fiasko sind aus den Flugdaten gewonnene Spuren – eine grün gefärbte Lineatur des Absurden. Sinnbild einer Nacht, eines Wahns, einer Tat, die ungeachtet ihrer Ungeheuerlichkeit im gesellschaftlichen Bewusstsein der Bundesrepublik Deutschland kaum eine Rolle spielt.
Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili-Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov – das sind die Toten von Hanau, die Ermordeten. Nach offizieller Lesart Opfer eines psychisch kranken Einzeltäters. Die Angehörigen aber haben Fragen. Nach geschlossenen (Notausgang-)Türen, nach ungeöffneten (Täterwohnort-)Türen. Und sie haben noch mehr Fragen, seit die 2010 durch den israelischen Architekten Eyal Weizman gegründete multidisziplinäre Forschungsgruppe Forensic Architecture mit Sitz an der Goldsmiths University of London sowie die Berliner Organisation Forensis das Geschehen in den und um die mörderischen sechs Minuten am 19. Februar 2020 zu einem ihrer zentralen Forschungsprojekte gemacht haben.
Wichtige Förderung durch die Stadt Stuttgart
Forensis-Mitkoordinator Robert Trafford wird durch den Untersuchungsausschuss zu Hanau im Hessischen Landtag wiederholt gehört. Jetzt steht er im Vierecksaal des Württembergischen Kunstvereins Stuttgart und erläutert mit seiner Arbeit zugleich die Ausstellung „Three Doors“. Mit beachtlichem Rückenwind eines entsprechenden Gemeinderatsbeschlusses nachdrücklich durch die Stadt Stuttgart gefördert, zeigt sich die Schau als begehbare und nutzbare Rauminstallation. Darf man das? Darf die Kunst in ihren ganz eigenen Vertiefungsmöglichkeiten von Forschung in der Konfrontation mit rassistisch motivierten Morden der Information auch architektonische, skulpturale und konzeptuelle Qualität geben (die Ausstellungsarchitektur stammt von Kunstvereinsdirektor Hans Christ)? Mit dieser Ausstellung, mit „Three Doors“, kann die Antwort nur heißen: Sie muss es sogar.
Überraschender Treiber der sich immer weiter verzweigenden Fragestellungen ist der bildnerische Wille. Nicht anders, als sich der wirre Hubschrauberkurs über dem Elternhaus des Täters von Hanau zu einer Zeichnung der Ungeheuerlichkeit formiert, werden die Ablaufprotokolle des Ereignisses zu einem Wandbild analoger Bitterkeit. Je mehr Daten sich reihen, je feiner sich die Bewegungsanalysen von Opfer und Täter ausdifferenzieren, umso deutlicher wird, dass Tobias R. am 19. Februar wohl allein gehandelt hat, sich aber zugleich in einem unausgesprochenen rassistischen Gespinst bewegt hat. „Three Doors“ zielt so auf ganz eigene Weise auf die gerne beschworene Mitte der Gesellschaft. Aus dieser kommt Tobias R., der Täter von Hanau, aus dieser kommt die Initiative 19. Februar Hanau. Aus dieser kommen mutmaßlich wir, erschrocken-staunende Beobachterinnen und Beobachter, die in der Logik der Forschungsarbeit alsbald zu Beteiligten werden. Akten wird hier niemand wälzen, aber doch immer neue digital und analog bereitgestellte Informationsebenen öffnen.
Zur verschlossenen Nottür in der Arena-Bar in Hanau und der nicht geöffneten Tür des „Täterhauses“ kommt eine dritte Tür – jene zur Gewahrsamszelle, in der am 7. Januar 2005 im Keller des Dienstgebäudes Wolfgangstraße 25 des Polizeireviers Dessau Oury Jalloh festgehalten wurde – offiziell wegen eines Drogendeliktes. Kurz nach Mittag löscht die Feuerwehr ein Feuer in Zelle 5. Oury Jalloh ist da schon verbrannt. War die Türe geschlossen, wie die Polizei sagt, und so mitentscheidend dafür, dass sich Jalloh, wie unterstellt, selbst anzünden konnte? Oder war die Türe offen – und so ein Beleg für eine Fremdeinwirkung auf den Ausbruch des Feuers in Oury Jallohs Zelle?
Auch hier suchte und sucht Forensic Architecture/Forensis – gemeinsam mit der Initiative in Gedenken an Oury Jalloh – nach Hinweisen und Antworten. Und auch hier erschüttern Analysen die offizielle Realität und die nicht gezogenen Konsequenzen. Was passiert hier? „Three Doors“ ist keine bloße Anklage gegen die Polizei, keine bloße Anklage gegen den Staat, wohl aber gegen das Verweigern von Einsicht in jedem Sinn. Und: Über die Daten- und Informationsmengen und ihre Aufarbeitung wird etwas fassbar, das zu oft als hohle Phrase eines „strukturellen Rassismus’“ genutzt wird. „Three Doors“ konfrontiert uns mit der Frage nach Voraussetzungen und Folgen der Bereitschaft, das mutmaßlich Andere und die mutmaßlich Anderen unter den Bedingungen des unterstellten Andersseins zu erleben, zu beurteilen und zu behandeln.
Und so ist es nur konsequent, dass uns die Ausstellung auf die Bedeutung ernsthafter journalistischer Arbeit aufmerksam macht. Zuvorderst mit Blick auf den Mord an Halit Yozgat in einem Kasseler Internetcafé durch die Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund, aber auch als Echoraum der Morde von Hanau. Dietrich Brants SWR-2-Feature-Serie „Die Lücke von Hanau“ (2022) nimmt inmitten von „Three Doors“ ebenso viele Fakten- und Wahrnehmungsfäden auf, wie zugleich neue gezogen werden.
Ein „offener Lernort“
Zuvor im Frankfurter Kunstverein, im Haus der Kulturen der Welt in Berlin und im Neustädter Rathaus in Hanau zu sehen, wird „Three Doors“ dem Anspruch eines „offenen Lernortes“ in der Weite des Vierecksaals des Württembergischen Kunstvereins, erstmals vollumfassend gerecht. Dass „Three Doors“ zugleich eine herausragende Ausstellung ist, mindert ihre mitunter beängstigende Tiefe nicht, sondern unterstreicht diese.
Three Doors. Bis 1.9., Di bis So 11 bis 18, Mi 11 bis 20 Uhr. Eintritt: freiwillige Zahlung