Der Weinmarkt steht vor gravierenden Veränderungen. Die Markgräfler Winzer haben darauf längst reagiert, wie Hagen Rüdlin im Interview schildert.
Die größte Genossenschaftskellerei des Markgräflerlands und zweitgrößte in Baden, die Markgräfler Winzer eG in Efringen-Kirchen, wird ihre Standorte in Ballrechten-Dottingen und den Lindenhof in Müllheim aufgeben, da sie dauerhaft nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden können.
Außerdem ist eine Kooperation mit der Kaiserstühler WG in Ihringen angelaufen. Trotz allgemeiner Krise in der Weinwirtschaft stecken die Markgräfler Winzer den Kopf nicht in den Sand, sondern passen ihre Strukturen der veränderten Marktlage an. Es werden weitere Synergien etabliert.
Efringen-Kirchen ist Hauptstandort der größten Genossenschaftskellerei im Markgräflerland. Was passiert mit den anderen Standorten Ehrenstetten, Ballrechten-Dottingen, Weingarten, Bahlingen und Schliengen?
Wir entwickeln die Markgräfler Winzer eG konsequent entlang eines Prinzips weiter: regionale Verankerung ja – aber auf einer wirtschaftlich tragfähigen Struktur. Für Schliengen bedeutet das: Wir bleiben dort mit einer Verkaufsstelle präsent. Die Kellerei wird nach dem Brand nicht wieder aufgebaut.
Gleichzeitig haben wir Traubenannahme und die dafür notwendige Infrastruktur in kurzer Zeit in eine moderne, zukunftsfähige Lösung überführt, damit gerade auch unsere Winzerinnen und Winzer aus Schliengen weiterhin verlässlich anliefern können und die Weinqualität gesichert ist. Schliengen bleibt ein klarer Anker in der Vermarktung.
Und die anderen Standorte?
Für das Standortnetz der Markgräfler Winzer eG gilt, dass wir unsere Weinmärkte und Vertriebsstandorte fortlaufend prüfen anhand von Frequenz, Kostenstruktur und Ergebnisbeitrag. Dort, wo ein Standort unter den aktuellen Marktbedingungen dauerhaft nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden kann, ziehen wir konsequente Schlüsse, um die Genossenschaft als Ganzes zu stabilisieren und die Wertschöpfung für die Mitglieder zu sichern.
Konkret heißt das: Der Weinmarkt in Ballrechten-Dottingen sowie der im Lindenhof in Müllheim werden beziehungsweise wurden geschlossen, weil sie wirtschaftlich nicht tragbar waren – in Ballrechten-Dottingen trotz Eigentum, in Müllheim als Mietstandort, der durch Bauarbeiten stark beeinträchtigt war. Der Standort Bahlingen wird künftig als selbständiger Fachhandel mit unseren Produkten weitergeführt.
Die Weinmärkte in Efringen-Kirchen, Schliengen, Ehrenstetten und Weingarten bleiben unverändert Teil unserer Präsenz in der Region. Damit stellen wir sicher, dass unsere Kunden sowie die Winzer das Sortiment weiterhin zuverlässig beziehen können. Entscheidungen wie diese werden aber keineswegs von mir allein getroffen, sondern nach intensiver Prüfung in enger Abstimmung mit dem Vorstand und Aufsichtsrat.
Die WG Ihringen am Kaiserstuhl hat einen Kooperationspartner gesucht und mit den Markgräfler Winzern gefunden. Wie weit sind die Sondierungsgespräche schon gediehen?
Die Gespräche laufen seit Sommer 2025 und sind inzwischen so weit, dass wir jetzt aktiv in die Umsetzung gehen. Das erste sichtbare Ergebnis ist eine neue Kaiserstühler Weinlinie aus Ihringen, die wir im März gemeinsam auf der ProWein in Düsseldorf vorstellen.
Diese Linie wird anschließend von der Markgräfler Winzer eG national in den Handel eingeführt. Das ist ein bewusst gewähltes Startprojekt, weil es schnell umgesetzt werden kann und weil wir zügig liefern. Parallel stimmen wir weitere Kooperationsfelder ab, die über den Vertrieb hinausgehen, etwa in Produktion, Einkauf und Materialbeschaffung, Maschinen- und Anlagennutzung sowie IT. Weitere Schritte folgen.
Welche?
Das werden wir kommunizieren, sobald sie spruchreif sind.
Ein Blick in die Glaskugel: Wann geht es mit der Weinwirtschaft allgemein wieder aufwärts?
Der Weinmarkt, wie wir ihn vermeintlich kannten, wird in dieser Form nicht mehr zurückkommen.
Mit welchen Konsequenzen?
Wie in vielen verschiedenen anderen Situationen des täglichen Lebens auch hat sich das Konsumverhalten nachhaltig verändert. Die Aufgabe auf Seiten der Erzeuger und Vermarkter ist es, sich dieser veränderten Realität zu stellen. Dass wir aktuell immer wieder mit dem Wort „Krise“ konfrontiert werden, verschleiert den Blick aufs Wesentliche.
Gesellschaftliche Entwicklungen und veränderte Altersstrukturen fallen nicht plötzlich vom Himmel. Konkret: Die aktuelle Situation hat bereits 20 Jahre Anlauf genommen. Die Bürger, die heute Wein konsumieren und diejenigen, die dies in den kommenden 15 bis 20 Jahren tun sollen, leben alle schon.
Nun müssen wir der Tatsache Rechnung tragen, dass nach 1965 deutlich weniger Menschen geboren wurden. Um auch künftig eine wirtschaftlich tragfähige Struktur auf die Beine zu stellen, ist es unabdingbar, konsequent alle Schritte auf Effizienz auszurichten. Wie man unserer Kooperation mit den Kollegen aus dem Kaiserstuhl entnehmen kann, sind wir hier bereits auf einem guten Weg. Dazu zählen aber auch unbequeme Entscheidungen, für die man im Hier und Jetzt keinen Applaus erhält.
Was meinen Sie konkret?
Zum Beispiel die vorher angeführte Schließung von Weinmärkten. Doch die angebotenen Weinmengen aus Deutschland und aus Baden müssen sich der realistischen Nachfrage anpassen.
Parallel dazu müssen auf Seiten der Produktion weitere Synergien und zukunftsfähige Strukturen etabliert werden. Der Blick in den Rückspiegel und die Idee, den eigenen Kirchturm zu retten, darf und kann nicht mehr die Richtschnur sein.
Zur Person
Hagen Rüdlin (49)
ist seit rund zehneinhalb Jahren Geschäftsführender Vorstand der Markgräfler Winzer eG in Efringen-Kirchen. Vor seinem Engagement in Efringen-Kirchen war der studierte Betriebswirt bei namhaften national und international agierenden Getränkeunternehmen tätig. Mit rund 1100 Hektar Ertragsfläche sind die Markgräfler Winzer die größte Genossenschaft des Markgräflerlands und die zweitgrößte in Baden.