Geplant war ein Familien-Besuch über die Ferien – nun sitzt der 14-jährige Ben aus Schopfheim wegen des Iran-Kriegs in Australien fest. Wann und wie er zurückkommt, ist unklar.
Von Sydney aus nach Zürich, mit Zwischenstopp in Abu Dhabi, Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate: Eine Standardroute vom anderen Ende der Welt nach Europa, über die der 14-jährige Ben Zeppenfeldt am vorletzten Wochenende nach einer Reise zu seinen Großeltern im australischen Toronto zurück nach Hause fliegen sollte. An jenem Samstag aber griffen die USA und Israel den Iran an. Die Lage eskalierte rasend schnell, buchstäblich über Nacht war die gesamte Golfregion betroffen, der Luftraum gesperrt – und der Rückweg für den 14-Jährigen abgeschnitten. Wann und wie er zurück nach Schopfheim kommt, ist aktuell unklar. Von hier aus versucht seine Mutter Leonie Zeppenfeldt, die Dinge im Blick zu behalten und zu organisieren.
Alle Flüge storniert
Dass die Eskalation im Nahen Osten das eigene Leben so unmittelbar berühren würde, war der Familie dies- und jenseits der Kriegsregion beim ersten Hören der Nachrichten keineswegs klar. „Das ist erst nach und nach eingesickert. Irgendwann am Sonntag fiel dann der Groschen“, so Leonie Zeppenfeldt im Rückblick. Kurz darauf kam auch die offizielle Information der Fluggesellschaft Etihad: Sämtliche Flüge in und über die betroffene Region storniert, alles Weitere vorläufig nicht absehbar, so die Info.
Geplanter Termin unsicher
Aktuell ist die Rückreise für den morgigen Freitag geplant – der erste Termin, den die Fluggesellschaft nach dem kompletten Shut-Down als Option eröffnet hat. „Es wäre wieder Freitag, der 13. – wie bei der Abreise“, hält Mutter Leonie mit einer ordentlichen Portion Galgenhumor fest – um dann ernst fortzufahren: „Im Moment fehlt mir ehrlich gesagt jegliche Vorstellungskraft, wie das funktionieren soll.“ Die Fluggesellschaft plant weiterhin mit der Golfstaaten-Route – und dort hat sich bislang bekanntermaßen nichts geändert. Ihre Hoffnung ist nun, dass die Fluggesellschaft eine Alternativroute organisiert, etwa über Singapur oder Bangkok. Davon aber ist bislang keine Rede.
Sicher: Auch auf eigene Faust könnte sich die Familie um eine alternative Rückreise kümmern. Über Asien, oder über die andere Hälfte des Globus, mit Zwischenstopp in den USA. Im Weg stehen dabei allerdings Mondpreise von mehreren Tausend Euro für ein Ticket – sofern überhaupt erhältlich, und/oder die Aussicht auf eine 35-Stunden-Reise, die der 14-Jährige inklusive sämtlicher Unwägbarkeiten unter Umständen allein in Begleitung seines 23-jährigen Halbbruders bewältigen müsste.
„Sicher bei seiner Familie“
„Klar: Wenn es sein muss, werden wir eine dieser Optionen ziehen“, so die Mutter. Vorerst aber ist „abwarten“ die Devise – so lange, wie es Ben mit der Situation gut geht.
Ein positiver Gedanke, an dem Leonie Zeppenfeldt derzeit festhält: „Er ist in Sicherheit bei seiner Familie und sitzt nicht allein an einem Flughafen in Nahost fest“. Das hätte durchaus passieren können, wenn sich die Dinge nur um einen Tag oder um einen halben mehr überschnitten hätten.
So läuft das Ganze derzeit mit einigem guten Willen und Optimismus als verlängerter Urlaub im Kreis desjenigen Teils der Familie, den Ben ansonsten selten zu Gesicht bekommt; zuletzt war er vor sieben Jahren in Australien: Leben im Haus seiner Großeltern direkt am Macquarie See, zusammen mit dem mitgereisten Halbbruder und seinem Vater, der ebenfalls vor Ort ist. Die Tage gefüllt mit Angeln, Ausflügen und Abhängen.
„Ben ist ein positiver Mensch, und macht das Beste aus der Situation“, so Leonie Zeppenfeldt. Sicher vermisse er nach mittlerweile fast vier Wochen sein Zuhause, seine Freunde, seine Familie hier, inklusive Hund Nando. „Für echtes Heimweh ist es dort im Moment aber zu spannend, zu interessant, zu viel zu tun.“
Und zumindest virtuell ist das Kontakthalten nach Hause in den heutigen Zeit ja glücklicherweise kein Problem: Durch die Zeitverschiebung um etwa zehn Stunden fügt es sich, dass die Mutter schon beim Morgenkaffee einen ersten Einblick in den heutigen Tag ihres Sohnes bekommt – der zu dieser Zeit indes schon halb rum ist. Und wenn Ben in Australien morgens gerade frisch in den Tag startet, kann er seiner Mutter nebenbei eine gute Nacht wünschen – „wenn es dazu reicht, bevor es raus auf den See zum Angeln geht“, schmunzelt Leonie Zeppenfeldt.
In der Schule verpasst der Achtklässler derzeit natürlich einiges. Damit die Lücke nicht zu groß wird, hat seine Mutter einen ganzen Packen Unterrichtsmaterial eingescannt und digital über den Globus geschickt. Und selbst wenn es mit dem Fernunterricht in Mathe & Co. nicht wirklich klappen sollte: Bens Englisch wird im Moment mit Sicherheit mächtig aufpoliert – eine positiver Effekt, den der verlängerte Auslandsaufenthalt auf jeden Fall hat.
Angst vor der Rückreise
„Klar, ich schlafe nicht wirklich gut im Moment. Aber ich weiß, dass Ben in den allerbesten Händen ist, dass es ihm gut geht und dass er sicher ist – zumindest, solange er dort bleibt“, fasst Bens Mutter ihre eigene Gefühlslage zusammen. Damit ist im Umkehrschluss allerdings auch die große Sorge angesprochen, die sie umtreibt: „Angst habe ich vor dem Tag, an dem er losfliegt“, so Leonie Zeppenfeldt angesichts der aktuell so brüchigen Weltlage. Und auch das gehört zur Wahrheit: „Natürlich ist die prekäre Situation aktuell eigentlich genau der Moment, in dem man sein Kind nicht auf der anderen Hälfte des Erdballs sitzen haben will.“ Zugleich allerdings relativieren sich die eigenen Sorgen gerade angesichts dieser unmittelbaren Verknüpfung auch wieder: „Unzählige Menschen sind in diesem Krieg derzeit in Leib und Leben bedroht. Dagegen ist unsere Situation komfortabel.“