Alljährlich zünden die Waldenser im Piemont ein Freudenfeuer an in Erinnerung an den Tag, an dem sie offiziell ihre bürgerlichen und politischen Rechte zurückerhielten.
In Verbundenheit mit den Glaubensgeschwistern im Piemont kommen auch im Waldenserort Neuhengstett an jedem 17. Februar die Menschen beim Freudenfeuer zusammen und gedenken diesem Ereignis, das durchaus Bezüge zu vielen Themen und Situationen der heutigen Zeit hat. Brannte im Piemont nach 1848 bei jeder Familie im Hof ein kleines Feuer, feiert man heute auch dort dieses Datum in großer Gemeinschaft.
Andacht in der Waldenserkirche
„Heute gibt es in Deutschland wieder Stimmen, die uns in Menschen erster und zweiter Klasse einteilen wollen“, sagte Pfarrer Jörg Schaber in der kurzen Andacht in der Waldenserkirche. Von Biodeutschen sei die Rede, von Remigration, „unsere Waldenser gäbe es nicht mit solchen Vorstellungen. Stattdessen sollten wir miteinander reden und voneinander lernen, die Menschen, die zu uns kommen willkommen heißen, um gemeinsam in Freiheit leben zu können“.
Brigitte Bernert, Architektin und Künstlerin, hat ein Kunstwerk, eine Metallskulptur mit dem Titel „Freudenfeuer“, geschaffen, das zur Andacht und noch die nächsten Tage in der Neuhengstetter Waldenserkirche einen Platz gefunden hat. Pfarrer Schaber nahm Bezug zum Kreuz als das der Metallstab, auf dem die Skulptur sitzt, ausgebildet ist und zur Geschichte der Waldenser, die lange vor 1848 begonnen hat. Er erinnerte an Petrus Valdes und die Armen von Lyon, die später als Waldenser in den Tälern im Piemont im Untergrund ihren Glauben gelebt haben.
Ambivalente Beziehung zum Kreuz
Zum Kreuz hatten diese Menschen eine ambivalente Beziehung, sagte er. Ein Teil ist um 1700 ausgewandert und manche sind in Neuhengstett angekommen. Andere sind in den Tälern geblieben und litten weiter unter dem Kreuz von König und Kirche. Der Geistliche erinnerte an die 2025 verstorbene Holocaust-Überlebende Margot Friedländer und thematisierte den Antisemitismus, der heute wieder auf dem Vormarsch ist, an Universitäten und in Hörsälen beispielsweise. „Die junge Generation ist nicht verantwortlich für die alte Schuld, aber verantwortlich für die Zukunft, die sie gestaltet“, habe Friedländer der Jugend mitgegeben.
Brigitte Bernert nahm den ganz eigenen Transformationsprozess, den das Schmelzen und Gießen von Metall darstellt, in den Blick und erläuterte den Entstehungsprozess ihrer Skulptur. Dazu das Feuer, das elementar für die ganze Menschheit ist, Wärme spendet und auch Inspiration ist, „der Funke springt über“, wenn sich Menschen für etwas begeistern, so die Künstlerin. Sie hat sich vor Jahren selbst einen Schmelzofen gebaut, ihr Atelier befindet sich in der alten Perrot-Werkstatt in Calw-Heumaden.
Alte römische Metallziffern, die sie dort fand, hat sie auf dem Podest ihrer Skulptur zur Jahreszahl 1848 und zur 26 für das aktuelle Jahr angeordnet. Sie rezitierte aus ihrem Gedicht „Zeichen der Zeit“: Die Zukunft ist jetzt, wo Menschen zusammenkommen. So beginnt heute etwas Neues aus der Gemeinschaft und dem Gestaltungswillen jedes Einzelnen.
Mit Fackeln zum Waldenserensemble
Nach der Andacht gab es Fackeln für die Besucher, damit zogen sie hoch zum Waldenserensemble, wo der Heimatgeschichtsverein Bourcet in einer großen Feuerschale das Freudenfeuer schon entzündet hatte. Sieben kleine Feuerkörbe umrahmten die Feuerschale, ganz so wie die sieben Sterne im Waldenserwappen den Leuchter in der Mitte. Leberkäs- und Käseweckle, dazu Glühwein und Punsch ließen sich die Besucher rund ums wärmende Feuer schmecken. Angeregte Unterhaltungen, auch mit der Künstlerin Bernert, bezeugten noch lange die frohe Gemeinschaft. Das mittlerweile zur blau-züngelnden Glut transformierte lodernde Feuer rief bei manchem Besucher Assoziationen zum Metallschmelzen wach.