Zu einer mehrstündigen faszinierende Zeitreise in die Ortsgeschichte der Kurstadt nahm Jürgen Kauth, Vorsitzender des Geschichts- und Heimatvereins Bad Dürrheim, sein Publikum mit.
Mit über 70 Personen war der Raum des Generationentreffs Lebenswert am Dienstagabend gut gefüllt, eiligst wurden zu den vorbereiteten Stuhlreihen weitere Sitzmöglichkeiten dazugestellt.
180 Bilder hatte Jürgen Kauth vorbereitet, zu jedem konnte er mit enormem Wissen, vielen eigenen Erinnerungen und einer köstlichen Prise Humor seine Zuhörer mit einem visuellen Rundgang durch Bad Dürrheim in die „gute alte Zeit“ führen.
Vorgestellt wurde unter anderem das Gasthaus „zur Sonne“, vor hundert Jahren ein beliebtes Tanzlokal. Später entstand ein Waldsanatorium, dann folgte die Reha-Klinik Irma.
Die Bad Dürrheimer waren überwiegend katholisch, wusste Kauth, doch durch die Saline kamen evangelische Beamte hinzu, die zunächst von den anders Gläubigen nicht gegrüßt wurden. Dennoch wurde für sie die Kirche gebaut, die 1961 eingeweiht wurde. Noch 20 Jahre später fragten sie einige Bürger, warum das Gotteshaus sich immer noch im Rohbau befinde, bedingt durch seine Ziegelbauweise.
Durch die großen Fenster der Kirche ist ein Wald zu sehen, bekannt als „Poussier-Wäldle“, weil sich dort verliebte Paare trafen. Der Hang vor der Kirche war im Winter für die Kinder der „Schlittenbuckel“. Erinnert wurde an die 1902 erbaute Villa Amalia mit ihrer abwechslungsreichen Geschichte. Ebenso vielseitig die Geschehnisse am Hänslehof, dem ältesten Gebäude der Stadt.
Großherzog zu Besuch
Ein besonderer Tag war der 8. Juli im Jahr 1905 mit dem Besuch von Großherzog Friedrich und Großherzogin Luise. Mit bunten Bändern wurden die Straßen geschmückt und alles war auf den Beinen, um die Prominenten zu begrüßen.
Auch andere bekannte Persönlichkeiten weilten in der Kurstadt. Dazu gehörte Sophie Scholl, die 1940 ein Praktikum im Kinderheim absolvierte, in dem Kinder „aus besseren Kreisen“ weilten. Zunächst habe es Probleme mit der Verständigung gegeben, denn Sophie Scholl war eine „reinrassige Schwäbin“. Die Zeit in der Kurstadt war ihre letzte gute Zeit, sagte Kauth.
Gastwirtschaft wird zu Kindersolbad
Das „Rössle“ war zunächst eine einfache Gastwirtschaft, dann wurde es zu einem Kindersolbad. Gegenüber gab es eine kleine evangelische Kirche, die wegen morschen Untergrunds eines Tages zusammensackte, im Jahr 1961 wurde sie entweiht.
In der Scheffelstraße gab es die Pension „Viktoria“ ein prächtiges Haus im Jugendstil. Bekannt war das Restaurant Sternen mit Metzgerei Messmer, das 1970 von einem Schweizer geführt wurde. Hier traf man sich gerne zum Tanz.
An der sich im Bau befindlichen katholischen Kirche wurde 1938 „Pfusch am Bau“ festgestellt, daher musste der Gottesdienst für einige Zeit in der Zehntscheuer stattfinden.
Gang durch die Friedrichstraße
Während des zweiten Weltkrieges gab es in der Kurstadt acht Lazarette. Die kurz vor Kriegsende einmarschierenden französischen Soldaten wussten das nicht und legten in der Ecke Schul-Friedrichsstraße Benzinkanister und Sprengstoff ab. Durch eine Schießerei kam es zu heftiger Explosion und Bränden. Viele tote Menschen und tote Pferde sowie viele Trümmer mussten mit speziellen Fahrzeugen entfernt werde. „Es gab nicht nur die „gute alte Zeit“, bemerkte Kauth.
Eines der Foto zeigte seinen Urgroßvater, der als Polizeidiener pflichtbewusst für Ordnung in der Stadt sorgte. Er musste prüfen, ob die Gasthäuser um 24 Uhr zumachten, ob Betrunkene unterwegs waren, jemand am Rad ohne Licht fuhr oder ein Schaukasten zerschlagen wurde. Ebenso war es seine Aufgabe zu prüfen, ob die Gastronomen ihre Blumenkübel nicht über den Gehweg stellten.
Mit dem Gang durch die Friedrichstraße wurde der kurzweilige Vortrag beendet, der mit kräftigem Beifall honoriert wurde. „Es ist ein großes Glück, mit Jürgen Kauth ein lebendiges Archiv zu haben“, sagte Angelika Strittmatter vom Generationentreff. Aufgrund der hohen Besucherzahl hoffe sie, dass dieser Vortrag wiederholt werde.