Walter Bingham, inzwischen 102 Jahre alt, beim Besuch in Jerusalem im vergangenen Oktober Foto: Timo Roller

Walter Bingham ist als Wolfgang Billig in Karlsruhe aufgewachsen und wurde vor den Nazis in Sicherheit gebracht. In Bad Liebenzell erzählt er seine Geschichte.

Der 102-jährige Walter Bingham kommt am 25. Januar als Zeitzeuge nach Bad Liebenzell und am 27. Januar nach Karlsruhe.

 

Das Guinnessbuch der Rekorde hat ihn als ältesten Journalisten und ältesten Radiomoderator ausgezeichnet, eine ganze Wand in seinem Büro hängt voller weiterer Urkunden. Als Fotomodell hat er – einst mit weißem Rauschebart – an vielen Kampagnen mitgewirkt, als Jude den Weihnachtsmann gemimt und in zwei Harry-Potter-Filmen Statistenrollen als Zauberer besetzt.

Nun hat Walter Bingham in seiner Wohnung in Jerusalem Anfang Januar im Beisein von Prominenten wie dem US-Botschafter Mike Huckabee und vielen Freunden seinen 102. Geburtstag gefeiert. Fit und abenteuerlustig ist er immer noch: Er reist jetzt nach Deutschland, um dort, wo er aufgewachsen ist, als Zeitzeuge von der Judenverfolgung in Nazideutschland zu berichten.

Geboren als Wolfgang Billig

Geboren wurde er am 5. Januar 1924 in Karlsruhe, damals hieß er Wolfgang Billig. Ein Foto zeigt ihn als Kind, auf der Rückseite steht: „Wolfgängle, 1 Jahr alt“. Das Bild ist mehr als 100 Jahre alt.

Seine Kindheit verbrachte er in Karlsruhe. Als sich während der Herrschaft der Nationalsozialisten die Situation für Deutsche mit jüdischem Hintergrund rasant verschlimmerte, sah er die Karlsruher Synagoge in der „Reichspogromnacht“ mit eigenen Augen brennen. In der Schule wurde er gejagt, geschlagen und beschimpft.

Im Alter von 15 Jahren wurde er von seinen Eltern getrennt und mit dem sogenannten „Kindertransport“ nach Großbritannien in Sicherheit gebracht, allein. Abfahrt in Karlsruhe war am 25. Juli 1939. „Ich kann meine Mutter noch jetzt sehen, wie sie auf dem Bahnsteig steht, während der Zug abfährt“, erzählte Bingham sehr viel später. Seinen Vater sah er nie wieder, er starb im Warschauer Ghetto. Vor dessen Wohnhaus erinnert heute ein Stolperstein an ihn: „Hier lebte Sigmund Billig.“

Nach schwierigen Jahren in einem heruntergekommenen Schloss, das als Flüchtlingsunterkunft diente, trat er 1944 der britischen Armee bei und diente bei den Sanitätern in der Normandie. Wolfgang Billig legte sich einen neuen, englisch klingenden Namen zu: Walter Bingham. König Georg VI. verlieh ihm später die „Military Medal“ für Tapferkeit im Feld. Als deutscher Muttersprachler half er dann, den gefangenen Nazis ihre Verbrechen nachzuweisen.

Auf wunderbare Weise fand er später seine Mutter wieder: Sie war nach der Deportation und verschiedenen Arbeitslagern in Schweden gelandet. Das freudige Wiedersehen war der „emotionalste Moment meines Lebens“. Nach sieben Jahren Trennung mussten sie sich aber neu kennenlernen. Er blieb in England, studierte und heiratete.

Inzwischen in Israel

Nach seiner Karriere als Journalist, Schauspieler und Fotomodel sowie dem Tod seiner Frau wanderte Bingham im Alter von 80 Jahren nach Israel aus, wohin bereits seine Tochter wenige Jahre vorher gezogen war. Bis heute lebt er in Jerusalem.

Im Oktober besuchten ihn die Verantwortlichen des Zeitzeugen-Projekts „Papierblatt“ aus dem Nordschwarzwald in seiner Wohnung in Jerusalem. Walter Bingham ließ sich für zwei Gedenkveranstaltungen nach Deutschland einladen.

Am 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, wird seit vielen Jahren an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Zuletzt hatten Zedakah und „Papierblatt“ im Januar 2025 zu einer Veranstaltungsreihe mit dem Auschwitz-Überlebenden Arie Pinsker ins Neue Schloss nach Stuttgart eingeladen.

Dieses Jahr wird Walter Bingham als Zeitzeuge in der badischen Hauptstadt Karlsruhe sprechen, in der Stadt, in der er vor 102 Jahren geboren wurde. Gemeinsam mit den Papierblatt-Projektpartnern und dem Deutsch-israelischen Freundeskreis laden neben dem gastgebenden Landkreis Karlsruhe auch der Nachbarkreis Calw sowie die Jüdische Kultusgemeinde Karlsruhe und die Israelitische Religionsgemeinschaft Baden ein. Die Veranstaltung beginnt am Dienstag, 27. Januar, um 19 Uhr im Landratsamt Karlsruhe, Kriegsstraße 100. Eine Anmeldung ist erforderlich per Mail an geschaeftsstelle.difk@landratsamt-karlsruhe.de

Per Live-Stream

Bereits zwei Tage zuvor, am 25. Januar, wird Walter Bingham im iP-Zentrum in Bad Liebenzell-Maisenbach sprechen, Gastgeber ist das Hilfswerk Zedakah, das sich seit über 60 Jahren für Holocaust-Überlebende in Israel einsetzt. Diese Veranstaltung wird auch im Livestream übertragen und ist so für eine breite Öffentlichkeit zugänglich – auch im Nachhinein: www.zedakah.de/holocaustgedenktag.