Schwierige Verhältnisse: Martin Olbertz und Valentina Sadiku haben in „Die Frau, die liebte“ ein großes Pensum zu bewältigen. Foto: Schnekenburger

Angelika Schrobsdorffs „Die Herren“ war in Bayern zeitweilig indiziert – zu freizügig, antisemitisch. Jetzt bringt das Rottweiler Zimmertheater den Stoff auf die Bühne.

Der Dreh mit dem Antisemitismus, der Entwurzelung, einer stets nur temporären Heimat ist mit Blick auf den Nahen Osten unerwartet gegenwärtig. Und dem entspricht das erzählte Leben der Protagonistin bis 1961 – ebenso wie das Leben der Autorin über weite Strecken. Zumindest, wenn man „Heimat“ auch in die Idee von Geborgenheit übersetzt, mit der so etwas wie perspektivisches gemeinsames Glück einher geht.

 

Keine Frage des bewussten Selbstbewusstseins

Aber steht es einer Frau zu, so freizügig Geschichten über Liebe, vor allem aber Lust und Körperlichkeit, an denen Beziehungen gespiegelt werden, zu erzählen? Zumal diese Frau von den ersten Avancen eines deutschen Offiziers, die sie als 14-Jährige im Exil in Sofia erfährt, bis hin zu massiver körperlicher Gewalt, der sie später ausgesetzt ist, in fast beiläufigem Ton berichtet. So beiläufig, dass das große Wort „selbstbewusst“ fast zur Manieriertheit würde. Sie braucht dieses Selbstbewusstsein nicht reklamieren. Sie hat es ganz einfach.

Auch intensive Episoden bleiben Episoden – die sich zu einer Biografie schichten. Foto: Schnekenburger

Ist es diese Normalität, die die Behörden 1961, als „Die Herren“ erstmals erschien, ängstigte? Es stand einer Frau wohl nicht zu, so über Liebesleben zu schreiben. Und doch eignen diesen Erzählungen, aus denen sich Peter Staatsmann für das Stück „Eine Frau, die liebte“ bedient, mehrere wichtige Aspekte.

Starke Linien in die Gegenwart

Sie leuchten den Raum der Nachkriegsjahre ein wenig aus, auch wenn die Protagonistin selbst mit zunehmend prominenten Bekannt- und Liebschaften sicher nicht der Lebenswirklichkeit der Mehrzahl der Frauen im Deutschland jener Zeit entspricht. Sie verhandeln nebenbei das Thema Flucht und Rückkehr in eine Realität des Pragmatismus – und ein bisschen auch des damit verbundenen Schweigens. Von der Entwurzelung war ja bereits die Rede. Und sie zeigen das Bild einer an die Persönlichkeit gehefteten, gelebten Moderne, der sich die „Trad Wives“ unserer Tage entziehen.

Der Stoff hat also Potenzial – das Staatsmann allerdings nicht konfrontativ nutzt, sondern dem Publikum erzählen lässt. Zur Begrüßung zur neuen Spielzeit am Freitagabend wirft er die Frage auf, ob frau das Geschriebene heute sagen dürfte. Das Geschriebene schützt und exponiert gleichermaßen der Zeitablauf. Und der Zuschauer wird sich zweieinhalb Stunden später fragen mögen, ob Skandalisierungen heutiger Tage nicht tatsächlich die frühere Selbstverständlichkeit einfordern.

Wie geht es in die Zukunft? Foto: Bodo Schnekenburger

Doch bis dahin müssen Valentina Sadiku und Martin Olbertz ein gewaltiges Pensum stemmen. Sie entwickelt die Figur über gut eineinhalb Jahrzehnte, er muss als jeweiliges Gegenüber ganz unterschiedliche Charaktere erzählen. Von Gentleman bis kurz vor Gangster, gewissermaßen, vom leidenschaftlichen, hingebungsvollen Liebhaber hinein in die mitunter irritierende Welt der Intellektuellen und der Kulturszene.

Toxische Beziehungen bleiben da nicht aus, doch kann sie sich diesen, zwar stets spät, doch schließlich irgendwann, entziehen. Auch das auf der Bühne: ein natürlicher Prozess, unprätentiös. Apropos Bühne: Da spielt sich alles inmitten von großen Aktskizzen von Herbert Goeser ab, den akustischen Raum skizziert einmal mehr Dorin Grama sehr subtil.

Ausgehend von der Feststellung, dass Schrobsdorff lange vieles nicht sagen durfte, räumt die Zimmertheater-Produktion nun genau diesen Raum ein, der in ständigem Perspektivwechsel dialogisch gefüllt wird. Dieses fortwährende Anknüpfen und Weiterführen ist übrigens nicht atemlos.

Sadiku und Olbertz agieren präsent, ziehen die Rollen und Zeitebenen trotz der immerwährenden Verflechtung mit dem szenischen und dialogischen Gegenüber klar. Sie geben aber auch Raum, leise wie laute Bilder stark nachwirken zu lassen.

Aufführungen

„Eine Frau, die liebte“
ist an den Freitagen, 7., 21. und 28. November und den Samstagen, 1. und 15. November, 13., 20., und 27. Dezember, sowie am Silvesterabend, 31. Dezember, zu sehen. Beginn jeweils 20 Uhr.