Was findet sich im Familien-Kühlschrank, und wie wird es dort aufbewahrt? Ist einer der Aspekte, die Zuge der Studie erfragt werden. Foto: Florian Schuh/dpa-tmn

Eine Studie untersucht, welche Schadstoffe Kinder belasten – durch Shampoo, Snack oder Schulzeug. Auch in Zell und Kleinem Wiesental werden Wohnzimmer zum Forschungslabor.

Als Interviewer Rüdiger Bornhöft und Ärztin Katharina Höflsauer die letzten Kurven zu den Neuenweger Belchenhöfen hinter sich gebracht haben, finden sie die 13-jährige Jana dort im Garten beschäftigt: Sturmtief Joshua hat sich angekündigt und die Kaninchen müssen in Sicherheit gebracht werden. Ein guter Anknüpfungspunkt, um ein paar persönliche Worte zu wechseln und das erste Eis zu brechen. Das ist gut, denn: In den kommenden eineinhalb Stunde wird das Wohnzimmer der Familie Asal zum „Untersuchungslabor“ , und Jana wird zusammen mit ihrer Mutter Pia Dutzende von Fragen über ihre Lebensgewohnheiten beantworten. Zuvor wird die Ärztin der 13-Jährigen Blut abnehmen, ihre Größe und ihr Gewicht messen.

 

Kinder in ganz Deutschland nehmen teil

Jana nimmt an einer Studie mit dem Kürzel „ALISE“ teil. Sie soll dazu beitragen, gesundheitsgefährdende Umweltbelastungen zu identifizieren – um diese dann nach Möglichkeit zu verringern oder zu vermeiden. Seit 2025 April und bis März 2026 werden dabei 600 Kinder im Alter zwischen 6 und 17 Jahren in ganz Deutschland untersucht. Europaweit sollen 10 000 Menschen an der Studie teilnehmen.

So wurde das Kleine Wiesental ausgewählt

Um ein möglichst breites Bild zu bekommen, werden Kinder an 15 unterschiedlichen Orten ausgewählt. Stellvertretend für den ländlichen Raum kam das Kleine Wiesental ins Untersuchungsdesign hinein – musste dann allerdings angesichts der überschaubaren Einwohnerzahl doch noch mal um Zell erweitert werden, damit überhaupt genügend Kinder-Kandidaten zur Auswahl stehen, erklärt Interviewer Bornhöft schmunzelnd. Mit Blick auf die Zielmarke von 50 Interviews sei man auf einem guten Weg – einige Termine sind aber noch frei, so dass sich weitere Familien zur Teilnahme melden können (Kontaktdaten s. Infobox).

Umweltbelastungen – auch im Dorfidyll

Umweltbelastung? Im Kleinen Wiesental? Mag die Untersuchung hier im Naturidyll auf’s erste Hören hin beinahe fehl am Platze wirken, öffnen die Fragen von Interviewer Bornhöft schnell den Blick dafür, dass Umweltbelastungen beileibe nicht nur vom Fabrikschlot oder der Autobahn vor der Tür drohen. Weichmacher, sogenannte „Ewigkeitschemikalien“ (PFAS), Schwermetalle wie Quecksilber oder Industriechemikalien wie Bisphenole (BPA) können sich auf verschiedenen Wege und über ganz alltägliche Dinge und Gewohnheiten in den Körper schleichen – sei’s über die Pausenbrotdose, den Joghurtbecher, die Kleidung, das Shampoo oder den Lieblingssnack.

Warum Familien an der Studie teilnehmen

„Es ist auf jeden Fall interessant zu wissen, welche Stoffe sich im Körper so ansammeln, und woher sie womöglich kommen“, nennt Janas Mutter denn auch einen wichtigen Grund für die Teilnahme an der Studie. „Ich denke eigentlich schon, dass wir hier gesund und bewusst leben. Aber wirklich einschätzen kann man eben nicht, wo es vielleicht doch schädliche Einflüsse gibt.“ Tatsächlich bekommen die Teilnehmer, sofern sie das wünschen, ihre Ergebnisse nach Abschluss der Untersuchung zugeschickt. „Klar wollen wir das“, bestätigt Mutter Pia die entsprechende Nachfrage des Forscherteams.

Untersuchungsprogramm mit zwei Elementen

Um einen möglichen Zusammenhang zwischen einer Belastung und den Lebensumständen herzustellen, kombiniert „ALISE“ zwei Untersuchungsteile: Zum einen werden Urin-, Blut-, Haar- und Trinkwasserproben auf rund hundert Umweltschadstoffe getestet. Zum anderen werden Lebensumstände und Wohnumgebung der Kinder mit einem ausgiebigen Fragebogen ausgeleuchtet.

Fragen über Fragen, und ein bisschen Blut

Im Wohnzimmer der Asals greift das Tun der beiden Studienmitarbeiter Hand in Hand, schließlich sind sie in „Mission ALISE“ schon seit einem halben Jahr in Deutschland unterwegs; Rüdiger Bornhöft arbeitet sogar schon seit zwanzig Jahren an Jugendstudien mit. Während Ärztin Katharina Höflsauer Janas Blutdruck misst, zapft Bornhöft  Trinkwasser  in der Küche ab und baut dann die mobile Messlatte und die Waage auf. Beides packt Höflsauer ein paar Minuten später wieder ein, während der Bornhöft schon damit beginnt, Jana und ihrer Mutter zu interviewen.

Etwa eine Stunde wird es dauern, bis die beiden eine Unmengen an Fragen beantwortet haben. In dieser Zeit wiederum hat die Ärztin die Blutprobe längst nach Gresgen gebracht, wo sie selbst für die vier Wochen wohnt, in denen das Kleine und das Obere Wiesental zum Untersuchungsfeld werden, und wo auch ihr mobiles Labor steht. Am Tag darauf werden die Proben von einem Kurier abgeholt und nach Berlin gebracht.

Spontane Antworten und längeres Überlegen

Bei manchen Fragen ist die Antwort sofort klar, bei anderen ist schon mehr überlegen und „umrechnen“ gefragt – zum Beispiel, wenn es darum geht, wie oft Jana im vergangenen Monat Sonnencreme benutzt hat, oder wie viele Stunden sie im vergangene halben Jahr durchschnittlich draußen war. Mit welche Reinigungsmittel wird geputzt und wie oft überhaupt, wie werden Lebensmittel aufbewahrt, und was kommt überhaupt auf den Tisch? Hantiert Jana mit Farbe, Tinte, Kleber, wie viel Bildschirmzeit ist üblich und werden Gummistiefel ohne Socken getragen?

Es sind theoretisch deutlich über hundert Fragen, durch die Bornhöft da an seinem Tablet hindurchmanövriert; wie viele im konkreten Fall tatsächlich gestellt werden, hängt von den Antworten ab: Ist ein Thema gar kein Thema – hier zum Beispiel das Rauchen –, ist die Rubrik schnell abgehakt. Wird indes ein „Ja“ angeklickt, öffnet sich ein ganzes Menü an Unterfragen, die den Aspekt in den Details ausleuchtet: Vom Gemüse geht’s über zum Blattgemüse und weiter in die Tiefe: Spinat, Blattsalat oder Lauch?

Teilnehmer sind auf die Ergebnisse gespannt

Nach etwa eineinhalb Stunden sind alle Proben genommen und alle Fragen gestellt, – Jana, ihre Mutter und Rüdiger Bornhöft haben Feierabend und das „Forschungslabor“ wird wieder zum ganz normalen Familienwohnzimmer. „Interessant war es auf jeden Fall schon mal. Jetzt sind wir auf die Ergebnisse gespannt“, sagt Pia Asal zum Abschluss.

„ALISE“, „PARC“ und freiwillige Teilnahme

ALISE
steht für „Aligned Study for Environmental Health“ und bildet den deutschen Beitrag zum europäischen Forschungsprojekt PARC (Partnerschaft für die Bewertung von Risiken durch Chemikalien), in dem in 24 europäischen Ländern

In Deutschland
werden etwa 600 Kinder in 15 Orten befragt. Die Studie läuft im Auftrag des Bundesumweltministeriums und wird vom Unternehmen Oracle Life Sciences durchgeführt.

Freiwillige Teilnahme:
Familien aus Zell oder dem Kleinen Wiesental, die an der Studie teilnehmen wollen, können sich bei Rüdiger Bornhöft, Tel. 0172/64 14 895 melden. Der Untersuchungszeitraum hier läuft noch bis 9. November.